Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Corona contra liturgische Vertrautheit!

Hier werden Konstellationen spannungsreich verschoben

Die Eucharistie hat in der Liturgiegeschichte einen erheblichen Wandel erfahren. Die Zusammenhänge von Sprechen und Handeln, ihre Performativität, wurden neu loziert. So zog die Eucharistie um, von der Altarwand und dem primär monologisch handelnden Priester zum Abendmahlstisch, an dem sich die Gemeinde begegnet.

Dieser Modus ermöglicht wirkliche Zusammenkunft (vgl. 1 Kor; „Herrenmahl“ statt „Eigenmahl“). Gott fügt die Gemeinde und ermöglicht in seinem Namen und unter seinen Zeichen nicht nur die Begegnung der Gläubigen untereinander, sondern auch aller Beteiligten mit Ihm selbst in der „Handgreiflichkeit“ der eucharistischen Gaben. Er hat seine Gegenwart an diese Zeichen gebunden; sie sind Sakrament. Die Gaben verweisen auf den Geber, wie eine Windhose, die äußeres Zeichen für den Wind ist, den sie gleichzeitig beinhaltet. Über den Moment hinaus verbindet die Eucharistie aber auch die Gläubigen durch alle Zeiten und über alle Räume zu einer Gemeinde. Wieder bietet Paulus das Stichwort, dass Eucharistie Gemeinschaft durch Teilhabe ist (gr. koinonia, lat. communio).
Brot und Wein sind hoch verdichtete Zeichen. Sie setzen das, was sie symbolisch anzeigen, in der Dramaturgie der rituellen Mahlhandlung um: Sie stellen eine lebendige und konkrete, d. h. eine personale Wirklichkeit dar. Es ist nicht nur eine Erinnerung als Wiederholung, sondern die feiernde Gemeinde setzt die erinnerte Handlung gegenwärtig fort. Die Einsetzungsworte, gesprochen im Modus der Verkündigung, schaffen die Deutung, und im Gebet mit dem zustimmenden Amen der Gemeinde weiß diese sich umfangen vom Dreieinen. So ist sie hineingenommen in die Beziehung, die Gott selbst ist. Das eucharistische Ereignis ist gebunden an seine Entwicklung in der Handlung. Die Bedeutung des sozialen Glaubensraumes ist evident.

Eine gesteigerte Form der Darstellung wirksamer Gnade

Das Verbot gottesdienstlicher Zusammenkünfte aufgrund der Corona-Pandemie setzt die physische Dimension dieser Zusammenhänge weitestgehend aus. Wir unterstützen die getroffenen Maßnahmen vollkommen. Wenngleich die Eucharistie an sich nicht krank macht, kann sie doch nicht in steriler Weise dargebracht werden. Und dennoch: Hier werden Konstellationen spannungsreich verschoben. Das „liturgische Spiel“ mit Präsenzen in einem klassischen Sinn sowie ihrer wechselseitigen Bezugnahmen ist im Kern gestört. Kann unter diesen Bedingungen denn adäquat Eucharistie gefeiert werden? An dieser Frage zeichnet sich ein Kippbild ab: die eucharistische Dimension der Kirche und die kirchliche Dimension der Eucharistie.

Diese Störung ist zudem eine enorme geistliche Herausforderung, der wir – vielleicht – in einer Art eucharistischen Haltung im gelebten eschatologischen Vorbehalt begegnen können: schon (einmal) und noch nicht (wieder) als Tischgemeinschaft versammelt. Die Quelle des christlichen Lebens versiegt nicht. Nur deren rituelle Vergegenwärtigung heute als steter Höhepunkt des christlichen Lebens steht derzeit auf Wiedervorlage. Sicher darf gelten, dass vergangene Teilnahmen kein Ablaufdatum haben. Wir müssen nicht innerhalb von drei Wochen erneut kommunizieren, weil wir sonst „aus der Gnade wieder herausfallen“.

Die diakonische Konsequenz einer repräsentativen Nachfolge-Praxis ist hingegen derzeit besonders ausgeprägt! Trotz der Abwesenheit und des Entzugs auf der einen Seite generieren wir Nähe und heilsame Sozial-Räume auf innovative und sehr produktive Weise, eine gesteigerte Form der Darstellung wirksamer Gnade. Das Vexier erhält eine weitere Ebene: die caritative Dimension der Kirche und die kirchliche Dimension der Caritas. Denn die ausgesetzte rituelle Tradition konkretisiert sich dennoch in einer caritativen Praxis. Gott ist im Raum dieser sozialen Beziehungen gegenwärtig.

Was also fehlt uns derzeit, wenn wir nicht regelmäßig gemeinsam Eucharistie halten können? Was fehlt Ihnen?

Autor: Christoph Stender, Rektor und Geschäftsführer des Sachbereichs 1 „Theologie, Pastoral und Ökumene” des ZdK; Dr. Rainer Gottschalg, Persönlicher Referent des ZdK-Generalsekretärs

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