Salzkörner

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Da kam dann einer, der hat’s einfach gemacht!

Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare

Gut fünfeinhalb Jahre steht für das ZdK nun schon ein Thema auf der Agenda, das es eigentlich nicht geben dürfte: Im Jahr 2015 hat die Vollversammlung den Beschluss „Zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen. Familie in der Welt von heute“ gefasst. Als eine konkrete Brücke wurde u. a. „die Weiterentwicklung von liturgischen Formen, insbesondere der Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare“ genannt. Nun endet das Jahr 2020 und es hat sich in diesem Themenfeld sehr viel getan.

Ein wichtiger Katalysator war die Tagung Gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Fokus der Pastoral, die im Juni 2018 gemeinsam von der Katholischen Akademie Hamburg und dem Ludwig Windthorst Haus in Lingen (Bistum Osnabrück) veranstaltet wurde. Hier hat ein Netzwerk zueinandergefunden, das sich in zwei Arbeitsgruppen organisieren sollte. Die eine war die Ad-hoc-AG im Sachbereich Familie des ZdK. Im Januar 2019 durch den ZdK-Hauptausschuss eingesetzt, lautete ihre Aufgabe, einen Argumentationstext zu erarbeiten, der eine Theologie der Beziehung unter Einbindung des Segens für Paare, die derzeit von den liturgischen Riten der Kirche ausgeschlossen sind, erschließt. Die Ergebnisse wurden von der ZdK-Vollversammlung als Erklärung verabschiedet und sind u. a. in der Broschüre Segen schenken. Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare veröffentlicht.

Hohe Aufmerksamkeit

In demselben zeitlichen Zusammenhang hat sich eine hohe Aufmerksamkeit eingestellt, die hier kurz beleuchtet werden soll: Seitens des Bistums Limburg etwa hat es im Jahr 2019 zwei Hearings und eine Fachtagung dazu gegeben. Die Erfahrungen und Lerneffekte aus all diesen Bemühungen fließen mit in eine Handreichung ein, die von den (Erz-)Diözesen der Metropolie Hamburg (Hamburg, Hildesheim und Osnabrück) sowie den Bistümern Limburg und Essen erarbeitet wird. Natürlich wird diese Situation auch wissenschaftlich begleitet, etwa durch Benedikt Kranemann und Julia Knop (Erfurt), Gerhard Volgger und Florian Wegscheider (Linz, Österreich) oder Stephan Goertz (Mainz) und Christof Breitsameter (München), die just in diesem Jahr mit spannenden Publikationen aufwarten können.

Die Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche (Luzern, Schweiz) hat mit ihrer Preisvergabe 2020 „die konstruktive Auseinandersetzung mit sexueller Vielfalt ins Zentrum“ rücken wollen – so lautet es in der mit Gottes Liebe ist bunt betitelten Medienmitteilung der Stiftung. Ausgezeichnet wurde u. a. die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK). Nicht unerwähnt sollte auch das große Engagement und die viele Arbeit von Seelsorgenden sein. Die Produktivität eines an Freiheit und Liebe orientierten Denkens in der Kirche birgt hinsichtlich der Konsequenzen für ihre Handlungsfelder noch etliche Potentiale – aber dies nur als theologische Randbemerkung.

Die Konflikte jedenfalls sind teils sehr hart: In Rom werden gerne Briefe an deutsche Theolog*innen und Bischöfe geschrieben. Akteure stehen bisweilen in Abhängigkeitsverhältnissen. Im wissenschaftlichen und kirchenpolitischen Diskurs rückt eines aber zuweilen in den Hintergrund: nämlich die konkreten Menschen, die einen Segenswunsch haben und die lebendige Gottesbeziehung, die damit verbunden ist. Dabei fangen in den Erfahrungen der Menschen mit Gott überhaupt erst die Kirche und mit ihr auch jede Theologie an. Die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF) schafft in dieser Hinsicht und aus der Arbeit ihrer AG, die zweite aus dem besagten Netzwerk, einen wertvollen Beitrag.

Unter dem Titel Paare.Riten.Kirche. Wenn eine katholische Trauung nicht möglich ist: liturgische Beispiele, gesammelt und kommentiert[1] gibt sie auf 235 Seiten genau dem Raum: der Beziehungs- und Glaubensrealität dieser Paare. Eine kurze Einführung der Herausgebenden und ein Vorwort des Ansprechpartners der Deutschen Bischofskonferenz für den Arbeitskreis der LGBTI*-Pastoral, Weihbischof Ludger Schepers (Essen), holen in die Diskussion hinein und stellen den Fokus auf den pastoralen Bedarf. Darauf folgt eine Einleitung, mit der die Publikation eingeordnet und ihre Methode vorgestellt wird.

Hier liegt das Proprium: Es wird ein deskriptiver Ansatz verfolgt, weshalb die Herausgebenden selbst von einer „explorativen Studie“ sprechen. Sie gehen also raus ins Feld und schauen, was sie entdecken können. Darum darf es nicht wundern, wenn zwei Drittel des Umfangs den 32 Beispielen von Segensfeiern verschiedenster Paare gewidmet sind (Teil 2). Der korrespondierende Teil 1 gibt im Vorfeld Tendenzen wieder, die sich in den Beispielen abbilden, und hilft so, den Leseeindruck etwas zu strukturieren und rote Fäden zu markieren. Dabei geht es um Abläufe und Kontexte (Kapitel 1), den Ort der Feier (Kapitel 2), den Segen (Kapitel 3) und die verwendete Symbolik (Kapitel 4).

Zeugnisgestalten

Lesenswert ist die Sammlung aus mindestens zwei Gründen. Sie ist sowohl im Ansatz als auch im Umfang beispiellos. Da Segensfeiern dieser Art prekarisiert sind und infolgedessen eine fragmentierte Praxis darstellen, gab es bislang keinen größeren Austausch und also auch kein Überblickswissen. Diesen Informationsbedarf deckt die AKF nun ab. Was sich den Leser*innen darin bietet, ist durchaus beeindruckend und wird durch die zurückhaltende Rahmung der Herausgebenden zusätzlich betont. Indem auf Theoretisierungen und Schablonen verzichtet wird, treten die Beispiele umso deutlicher in Erscheinung. Es werden Zeugnisse der Liebe gegeben, die sich in und durch eine lebendige Gottesbeziehung getragen wissen. Diese Bezüge werden rituell ausgestaltet und kreativ bearbeitet, ganz im Bewusstsein der eigenen Lebenswirklichkeiten. Es geht nicht um Imitationen oder Ableitungen, sondern um eine eigene Antwort auf die Anrede und den Zuspruch Gottes. Damit entwickeln die Beispiele eine theologische Qualität. Denn im gemeinsamen Bekenntnis der Paare und in der Gemeinschaft der Feiernden wird die Lebensmacht Gottes mittel- und erfahrbar.

Im Vorwort heißt es noch: „Wenn der Ruf nach Segen lauter wird, sind Anregungen aus der Praxis ein wichtiger ergänzender Baustein für den theologischen Diskurs.“ Damit wird ein Paradox und ein revolutionärer Zug markiert. Was verboten ist, soll sich aus sich selbst legitimieren – was im Ansatz mit der Legitimität des Verbotenen rechnet. Damit ist die Revolution im Denken bereits angedeutet, darum setzt sie nicht im lauten Knall an. Wenn es von katholischer Seite oft heißt „Das geht nicht, ist noch nie gegangen“, wird genau an der Realität vorbeigesprochen. Der pastorale Bedarf ist da und wo es keine oder keine produktiven Antworten dazu gibt, greift eine kreative Gestaltung solcher freien Räume. Die Veränderungen beginnen im Kleinen und sie beginnen im Heute. Das, was nicht geht, geht dann so lange nicht, bis jemand kommt und es macht. Indem die Beispiele für sich selbst sprechen dürfen, deuten sie ihre transformative Kraft an. Wie Paulus den Philemon bittet (vgl. Phlm), den Sklaven Onesimus als Bruder zu behandeln, wird in der Hausgemeinschaft der im Glauben Getragenen Anstoß zu einer institutionellen Veränderung gegeben – aber das sei zum Abschluss nur eine biblische Randbemerkung.

 


[1]   Hrsg. v. Stefan Diefenbach, Lucia Lang-Rachor, David Walbelder und Barbara Wolf (Bonifatius / Paderborn 2020).

 

Autor: Dr. Rainer Gottschalg, Persönlicher Referent des Generalsekretärs im ZdK und Referent für den Synodalen Weg

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