Salzkörner

Donnerstag, 23. August 2018

Das Soziale in der Digitalen Transformation

Den Diskurs nicht auf "Industrie 4.0" verengen

Häufig wird die Zeit, in der wir leben, als Phase digitaler Transformation beschrieben. Es berührt uns in dieser Formulierung der Hauch der Geschichte. Wir erahnen die Dimension der Veränderung. Längst geht es nicht mehr um das Smartphone, das uns zu digitalen Nomaden macht – mit unbegrenztem Zugang zu Datenoasen, so dass wir für wichtige Lebensaufgaben nicht auf Bücherregale, Aktenschränke und Büros angewiesen sind. Digitalisierung ist als Prozess der Einführung und Durchsetzung rechnender Maschinen in soziale Praktiken aller Art zu verstehen. Dabei besteht die wesentliche Überraschung darin, dass Maschinen beginnen nichttrivial zu reagieren, wo sie bislang als technische Einrichtungen galten, die kausal kontrolliert vorhersehbar funktionieren, solange sie nicht kaputt sind.

Mit der Verfügbarkeit "künstlicher Intelligenz" ist die digitale Transformation Übergang zu einer neuen (Medien-)Epoche: Nach der oralen und tribalen Gesellschaft, die von der "Erfindung" der mündlichen Sprache geprägt war, und der antiken Schriftgesellschaft, die auf die Verfügbarkeit von Schrift gründete, folgten die moderne Buchdruckgesellschaft und jetzt die postmoderne Netzwerkgesellschaft. Während die Buchdruckgesellschaft sich auszeichnete durch Kommunikation mit der alphabetisierten, lesenden und schreibenden Bevölkerung und damit auf "Inklusion aller durch Kommunikation Erreichbaren", sind sichtbar werdende Attribute der Netzwerkgesellschaft verbunden mit Exklusion und Kontrolle. Jede denkbare Kommunikation kann mit Eingaben an und Ausgaben durch Maschinen kombiniert werden, deren Datenspeicher, Vernetzung und Algorithmen einerseits undurchschaubar und unter den Bedingungen der Beteiligung von Maschinen an Kommunikation für die Menschen "vorgegeben" sind.

Kann man im Privaten die Ergebnisse einer Suchmaschine oder die Gefolgschaft durch einen Freund noch vergleichsweise gefahrlos ablehnen und auf das Absetzen eines Posts verzichten, "so befinden sich der Börsenhändler vor seinen Terminals, die Ärztin vor ihren Monitoren, der Architekt mit seinen Ergebnissen einer Statikberechnung oder die Soldatin mit ihrer Datenbrille nicht in einer so komfortablen Situation. Sie müssen Informationen annehmen und Entscheidungen treffen, ohne die Quelle und Qualität der Daten überprüfen zu können". Dirk Baecker spricht von einem "Kontrollüberschuss der Computer und ihrer Netzwerke", dem sich die Menschen ausgeliefert sehen und dem sie sich mit dem Versuch der Rückgewinnung von Kontrolle widersetzen. Sie entdecken "bis tief hinein in die Welt der Organisationen ('agiles Management') neue Spontaneitätspotenziale". Kulturelle Reflexion "feiert das dezidiert Unprogrammierbare".[1]

Es lohnt also dringend, über das Soziale in der digitalen Transformation zu sprechen und den Diskurs nicht auf "Industrie 4.0" zu verengen. Drei Dimensionen zeichnen sich ab, unter denen das Sozial(politisch)e durch die digitale Transformation herausgefordert wird: 1. Es entstehen neue Anforderungen an soziale Sicherheit im Lebenslauf digitaler Nomad(inn)en. 2. Soziale Infrastruktur – von den Kitas bis zu den Altenheimen – braucht einen Relaunch, um ihre Leistungen in hybriden Sozialräumen "nah bei den Nächsten" vorzuhalten. 3. Es geht um die Entdeckung von Netzpolitik als Aufgabe der Sozialpolitik.

Soziale Sicherheit 4.0

Von abhängigen Erwerbsverhältnissen geprägte Arbeitsmärkte und Deutschlands Stellung im Weltmarkt sind der Kontext, in dem sich unser Sozialversicherungssystem als Erfolgsgeschichte entwickelt hat. Mit der digitalen Transformation verschieben sich wesentliche Grundlagen. Neben den unter den Vorzeichen der Computerisierung der Arbeit erneut zu diskutierenden Rationalisierungsfragen, mit denen die Sozialpartner im Prinzip umzugehen gelernt haben, geht es um die "Plattformisierung" der Arbeit. Arbeit verlässt den Betrieb, Online-Intermediäre vermitteln zwischen Arbeitsangebot und -nachfrage auf der Grundlage neuer Rechtskonstrukte, die mit dem klassischen Arbeitsvertrag wenig zu tun haben. Gigworker, Cloudworker, Freelancer sind die Bezeichnungen für Erwerbstätige, die – nicht selten neben einer abhängigen Beschäftigung, die in Teilzeit ausgeübt wird – bei Uber als selbstständige "Taxifahrer", bei Foodora als Essenskurier auf Honorarbasis oder bei Mechanical Turk als digitale Tagelöhner arbeiten. Das Lebenserwerbseinkommen einer größer werdenden Zahl von Menschen setzt sich zusammen aus Lohneinkommen einerseits, Einkommen aus "neuer Selbstständigkeit" andererseits. Beitragspflichtig zur Sozialversicherung (und steuerlich gut erfasst) sind die plattformgestützten Einkommen typischerweise nicht. Kleiner werdende Teile des Erwerbseinkommens aus abhängiger Beschäftigung tragen die Finanzierungslast, größer werdende Teile des Lebenseinkommens fehlen für die soziale Sicherung. Die aufscheinenden Vulnerabilitäten machen die Einbeziehung aller Erwerbseinkommen in die Sozialversicherung dringlich nötig.[2]

Soziale Infrastruktur

Die Anzahl der Stunden, die Menschen online verbringen, steigt rasant. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es ausweislich der Postbank Digitalstudie 2018 58 Wochenstunden, bei den über 35-Jährigen immerhin 42 und damit mehr als fünf Stunden am Tag. Längst können wir zwischen der online und analog verbrachten Lebenszeit kaum noch unterscheiden, der Blick auf Tripadvisor gehört zum Urlaub genauso selbstverständlich dazu wie der ihm folgende Restaurantbesuch. Während wir real S-Bahn fahren, verfolgen wir die Strecke und die Verspätungsnachrichten auf dem Smartphone und checken parallel unsere WhatsApp-Nachrichten. Wir leben in "hybriden Sozialräumen".[3]  Das lässt die Gestaltung sozialer Infrastruktur nicht unberührt, denn sie muss Menschen dort erreichen, wo sie sind und Hilfe suchen. Smarte Alltagsbegleiter, von Alexa bis Google assistant, werden zu Mitgestaltern des sozialen Dienstleistungsangebots – mit einem Geschäftsmodell, das auf umfassender Datennutzung beruht. Das Dienstleistungsverständnis der Wohlfahrtspflege hingegen beruht auf Datensparsamkeit und Datensouveränität und setzt auf Solidarität dort, wo die GAFA[4] auf maximale Individualisierung zielen. Zur Frage, wie sehr wir personenbezogene soziale Dienstleistungen aus dem Bereich der Gemeinwohlorientierung entlassen wollen, kommt die Frage hinzu, wie wir perspektivisch die Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse gewährleisten können, wenn die Zugänglichkeit des Internets faktisch über die Zugänglichkeit von alltäglich wichtigen Dienstleistungen entscheidet – von der ambulanten Pflege bis zur Telemedizin. Die Gleichwertigkeit der sozialen Infrastruktur setzt die digitale Leistungsfähigkeit der Daseinsvorsorge voraus. Für die Träger sozialer Infrastrukturangebote kommt die Herausforderung hinzu, die mit der Digitalisierung verbundenen Veränderungen in den sozialen Dienstleistungsberufen zu gestalten. Sie verändern sich zu Berufen der Übersetzung zwischen Mensch und Maschine[5], was neue Anforderungen an Aus- und Weiterbildung ebenso stellt wie an Beschäftigtendaten- und Arbeitsschutz.

Netzpolitik ist Sozialpolitik

Die digitale Transformation ist verbunden mit der Entstehung neuer Diskriminierungsrisiken aufgrund der Datennutzung durch Dritte. Sozialpolitik kann daher Fragen von Teilhabegerechtigkeit nicht mehr beantworten, wenn sie sich nicht weitet: Netzpolitik ist Sozialpolitik! Themen, um die es geht, sind digitale Mündigkeit und Datensouveränität ebenso wie Datensicherheit und Datenschutz, Netzneutralität und Verbraucherschutz im Internet.

 


[1]       Dirk Baecker: Digitalisierung als Kontrollüberschuss von Sinn, Frankfurt 2016, S. 12

 

[2]       Eva M. Welskop-Deffaa: Hybride Erwerbs- und Lebensverläufe und ihre Absicherung in der gesetzlichen Rentenversicherung., in: Joachim Lange/Ursula Rust (Hg.), Alterssicherung für Soloselbstständige in Zeiten der Digitalisierung, Rehburg-Loccum 2017, S. 245-255

 

[3]       Jonas Meine: Hybride Sozialräume durch digitale Netzwerkstrukturen im Stadtquartier, in: Tim Hagemann (Hg.), Gestaltung des Sozial- und Gesundheitswesens im Zeitalter von Digitalisierung und technischer Assistenz, Baden-Baden 2017, S. 21-34

 

[4]       GAFA = Google, Apple, Facebook, Amazon

 

[5]       Erny Gillen: Pflegeausbildung im Zeitalter autonomer und intelligenter Systeme, in: neue caritas 9/2018

 

 

Autor: Eva M. Welskop-Deffaa Vorstand des Deutschen Caritasverbandes (DCV) in Freiburg, Zuständigkeit: Sozialpolitik und Koordination Digitale Agenda

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