Salzkörner

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Das katholische Deutschland seit 1800

Ein Biografisch-Bibliografisches Online-Lexikon
Wer heute fundierte Informationen gerade auch zu weniger prominenten katholischen Persönlichkeiten der letzten 200 Jahre sucht, muß den mühsamen Weg der Recherche in verschiedensten fachspezifischen Publikationen gehen und bleibt doch des Öfteren ohne Ergebnis. Den bisher letzten Versuch, das katholische Deutschland bio-bibliografisch zu erfassen, unternahm das 1933 in Augsburg erschienene Lexikon von Wilhelm Kosch. Dieses blieb jedoch unvollständig und ohne Fortführung. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für intelligente Analyse und Informationssysteme in Sankt Augustin und dem Fachbereich Computerlinguistik der Universität Duisburg-Essen arbeitet die Bonner Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte (KfZG) momentan an einem neuen, nun webbasierten biografisch-bibliografischen Lexikon des katholischen Deutschland seit 1800.

In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der "E-Science"-Initiative geförderten interdisziplinären Forschungsprojekt WIKINGER (WIKI Next Generation Enhanced Repository) soll bis zum Herbst 2008 eine Arbeitsplattform entstehen, die die Bearbeitung wissenschaftlich fundierter Beiträge ermöglichen wird. Durch einen strukturierten Zugriff auf die vorgegebenen Daten mithilfe von semantischen Netzen und der Wiki-Technologie soll eine – im Unterschied zu dem Online-Lexikon Wikipedia – qualifizierte und autorisierte Forschergemeinde (Community) im gemeinsamen effektiven Zusammenwirken eine kontinuierlich wachsende Zahl an Biogrammen für einen größeren Nutzerkreis erstellen.

Datenbasis

Als wesentliche Datenbasis dienen zunächst die biografischen Informationen, die aus den bisherigen und künftigen "Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte" ("Blaue Reihe") gewonnen werden können. In bislang über 160 Bänden liefert die KfZG seit über 40 Jahren wichtige Quelleneditionen und Monografien für die zeitgeschichtliche Katholizismusforschung – auf gut 65.000 Druckseiten finden circa 48.000 Personen eine namentliche Erwähnung. Zu vielen Namen liegen schon jetzt standardisierte Kurzbiogramme sowie weitere personenbezogene Informationen in den Fließtexten vor. Hinzu kommen 12.000 Datensätze aus dem Bestand des ZdK zu Katholikentagsrednern seit 1848, ZdK-Mitgliedern seit 1952 oder Teilnehmern der Gemeinsamen Synode mit nochmals 5.000 Personennamen. Nach der bereits erfolgten Digitalisierung der "Blauen Reihe" und einer künftigen semantischen Vernetzung der gesamten für die Biogramme erheblichen Informationen kann die Forschergemeinde die Daten schnell nutzen. Außerdem bietet das KNA-Bildarchiv zur Ergänzung der Biogramme zahlreiche Porträtfotos für die Zeit seit 1945, die integriert werden können.

Vorteile und Gewinn

Im Vergleich zu den bisherigen lexikalischen Angeboten, die man vielfach auch bereits online vorfindet, wird das neue Lexikon des katholischen Deutschland wesentlich spezialisierter und im Gegensatz etwa zum Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon (Bautz) auch für lebende Personen offen sein. Insgesamt handelt es sich um einen Personenkreis aus dem deutschsprachigen Raum, der innerhalb der kirchlichen Hierarchie, des politischen und sozialen sowie des Verbandskatholizismus oder in Wissenschaft und Publizistik eine wesentliche Rolle gespielt hat oder spielt. Von Interesse sind – nicht nur für vielfach regional ausgerich- tete Forschungsprojekte – die Protagonisten der zweiten und dritten Reihe, die aufgrund ihres Wirkens eine bedeutende, aber räumlich begrenzte Strahlkraft erlangt haben, wie es z.B. die in der "Blauen Reihe" schon erfassten etwa 12.000 Kurzbiogramme zu den "Priestern unter Hitlers Terror" vermuten lassen.

Darüber hinaus ist es ein wichtiges Anliegen, durch die semantische Verknüpfung der Informationen in den Biogrammen auch Netzwerke aufzuzeigen. So ließe sich – eine ausreichende Zahl von Artikeln vorausgesetzt – zeigen, wer zu einer bestimmten Zeit mit wem in einer Organisation tätig war oder welche Personen in einem Bistum ein bestimmtes Amt inne hatten.

Ein weiterer Gewinn liegt in der klar strukturierten Gestaltung der Biogramme, die im Idealfall eine kurze tabellarische "Visitenkarte" mit den wesentlichen Lebensdaten, einen im Umfang begrenzten, in den historischen Kontext einordnenden Abschnitt sowie ein Verzeichnis der Literatur von bzw. über und u. U. auch Quellen der beschriebenen Persönlichkeit enthalten. Auf diese Art und Weise sind sowohl ein rasches Abfragen von Informationen wie auch eine intensivere Beschäftigung mit der jeweiligen Person möglich.

Community

Außer der Funktionalität der Wiki-Plattform hängt der Erfolg des Projekts entscheidend vom Aufbau und Einsatz der wissenschaftlichen Community ab. Deshalb sollen bereits auf Grundlage des in Kürze verfügbaren ersten Prototyps der Plattform eine Testnutzung durch eine Pilotgruppe durchgeführt und danach verstärkt Interessenten in deren Arbeitsweise eingeführt werden. Zur Bildung der Community ist vorgesehen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Kirche, Politik und Gesellschaft zu gewinnen. Professoren für Neuere und Neueste Geschichte, Kirchengeschichte und Politikwissenschaften an deutschen und ausländischen Universitäten mit ihren Mitarbeitern sind ebenso eingeladen wie die Autoren der "Blauen Reihe" oder die Diözesan- und Ordensarchivare. Auch zählen kooperative Institute und Einrichtungen aus dem kirchlichen wie dem geschichtswissenschaftlichen Bereich zu den vorgesehenen Ansprechpartnern. Redakteure in (Kirchen-)Presse sowie bei Rundfunk und Fernsehen könnten ebenfalls der Forschergemeinde angehören.

Die konkrete Aufgabe der autorisierten Mitglieder der Community besteht in der Abfassung der Biogramme. Dabei können sie vielfach auf die bereits auf der Plattform in unterschiedlicher Dichte vorhandenen oder schnell zu recherchierenden Daten über die jeweilige Person zurückgreifen und diese aus dem eigenen Wissensschatz gegebenenfalls ergänzen. Neben dieser wichtigen, in der Regel mit überschaubarem Aufwand vorzunehmenden Komplettierung der wesentlichen Informationen lassen sich etwa auch die Ergebnisse eigener Forschungen einbringen. Die gemeinsame Bearbeitung eines Biogramms durch mehrere Autoren wie auch der Austausch über ein Diskussionsforum bieten hier die Chance, Lücken zu schließen und Unklarheiten zu beseitigen. Damit ist von einer hohen Qualität der Ergebnisse auszugehen. Gegenüber den Wikipedia-Artikeln zeichnen sich die Beiträge im neuen Lexikon zudem grundsätzlich durch die namentlich nachvollzieh- baren Bearbeitungsschritte aus dem Kreis der Community aus.

Planungen

Die eigentliche lexikalische Arbeit kann erst nach Abschluss des Projekts Ende 2008 beginnen, wenn die technischen Voraussetzungen für die virtuelle Arbeitsplattform geschaffen sind. Eine dafür von der KfZG eingerichtete Online-Redaktion soll dann die wissenschaftliche Community und die entstehenden biografischen Artikel betreuen. Dies erscheint auch im Hinblick auf eine gewisse Einheitlichkeit der Artikel und eine Qualitätskontrolle erforderlich. Außerdem muss die Sicherstellung der technischen Belange auf Dauer gewährleistet sein. Hinsichtlich künftiger Umsetzungsstrategien steht die KfZG mittlerweile in einem kontinuierlichen Informationsaustausch mit potentiellen Partnern.

Bei dem angestrebten Ziel, auf Basis der bislang auszuwertenden Daten mittelfristig 8.000-10.000 Biogramme für das Lexikon zu erstellen, wird deutlich, dass es sich um ein kontinuierlich wachsendes Vorhaben handelt. Der durch das Engagement einer möglichst großen und ebenfalls zunehmenden Community zu erwartende Gewinn dürfte nicht nur der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung, sondern einem breiter angelegten Nutzerkreis zu Gute kommen.

Autor: Dr. Andreas Burtscheidt und Dr. Bernhard Frings, Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte, Bonn

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