Salzkörner

Montag, 5. Juli 2004

Der Katholikentag lebt

Die Frohe Botschaft zukunftsbereit verkündet und bezeugt
Völlig unbegründet schien die Skepsis der Zweifler im Vorfeld des 95. Deutschen Katholikentages in Ulm nicht zu sein: Kann ein derartiges Ereignis nicht zuletzt nach dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin überhaupt noch erfolgreich sein? Allein schon die Besucherzahlen bestätigen nun jedoch den Erfolg: 35.000 Teilnehmer besuchten fünf Tage lang die geistlichen, gesellschaftspolitischen und kulturellen Veranstaltungen des Katholikentages, der unter dem Motto stand "Leben aus Gottes Kraft". Eine Bilanz.

Der Katholikentag lebt. Das ist der Eindruck von Ulm, den alle mitgenommen haben, die bereit waren, die Wirklichkeit wahrzunehmen und diese nicht durch die Brille einer vorgefassten Meinung zu sehen. Der 95. Deutsche Katholikentag war Ausdruck von Tradition im besten Sinne des Wortes – nicht als Rückzug in eine verklärte Vergangenheit, nicht als Abwehr gegen die Herausforderungen der Gegenwart, sondern als Wille und Bereitschaft, die Frohe Botschaft in einer sich wandelnden Welt zukunftsbereit zu verkünden und zu bezeugen. Das Wagnis hat sich gelohnt, ein Jahr nach dem großen Christentreffen in Berlin einen überschaubaren Katholikentag in einer kleineren Großstadt durchzuführen. Nur durch erkennbare Regelmäßigkeit bleibt der Sinn solcher Ereignisse in der Abfolge der Generationen lebendig.

Leben in Mitmenschlichkeit

Das Leitwort von Ulm griff mitten hinein in die aktuellen Auseinandersetzungen unserer Gesellschaft. "Leben aus Gottes Kraft" nahm einen zentralen Begriff unserer Zeit auf und stellte ihn in einen klaren Bezug zu unserem Glauben. Das Programm des Katholikentages unterstrich zwei konkrete Zusammenhänge, in denen heute gerungen wird, was der Begriff des Lebens heute meint. Erstens haben Forschungsergebnisse der modernen Wissenschaft Möglichkeiten zum Umgang mit menschlichem Leben gezeigt, die dringend der ethischen Bewertung bedürfen. Christen begrüßen jeden Fortschritt, der Menschen mehr Gesundheit bringt und zu einem gelingenden Leben beiträgt. Zugleich verteidigen Christen die Würde und den Schutz jedes menschlichen Lebens. In diesem Grundsatz findet jede Art von Fortschritt seine Grenze. Daher widersprechen Christen jeder Art von Heilung und individueller Perfektionierung zu Lasten anderen menschlichen Lebens.

Ohne Kinder keine Zukunft

Zweitens gibt es kein Leben des Einzelnen ohne Leben der Gesellschaft. Leben heißt darum stets Abfolge der Generationen. Das ist eine elementare Wahrheit, die in Deutschland über Jahrzehnte zu wenig beherzigt worden ist. Davon zeugen die lange Unterschätzung der gesellschaftlichen Bedeutung von Familie und die verheerenden Konsequenzen einer solchen Einstellung für die demographische Struktur unseres Landes. Ohne Kinder gibt es keine Zukunft der Gesellschaft. Diese beiden Folgerungen aus dem Lebensverständnis des Leitwortes – die Achtung vor jedem menschlichen Leben und die Bedeutung der Generationenabfolge – sind eine klare Botschaft an die deutsche Öffentlichkeit und an alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Es mag sein, dass einige dies nicht mehr hören können und andere es immer noch nicht akzeptieren wollen. Aber so lange diese beiden zentralen Anliegen im Streit sind, bleibt die Botschaft des Katholikentages für das Leben aktuell.

Einig im Ziel sozialer Gerechtigkeit

Familienfreundlichkeit ist zugleich eine zentrale Forderung sozialer Gerechtigkeit. Daher ist sie untrennbar verbunden mit der öffentlichen Debatte über die Zukunft des deutschen Sozialstaates. Es entspricht der Tradition des sozialen Katholizismus in Deutschland, dass sich viele Veranstaltungen des Ulmer Katholikentages dieses Themas annahmen. Sich im Ziel sozialer Gerechtigkeit einig zu sein, heißt jedoch nicht, schon Konsens über die erfolgversprechenden Wege zu haben, die den deutschen Sozialstaat wieder zukunftsfähig machen. Katholikentage sind Orte des öffentlichen Dialogs und damit auch der öffentlichen Kontroverse. In zweifacher Weise nehmen sie teil am Mühen der freiheitlichen Gesellschaft um einen Konsens über eine zukunftsfähige und mitmenschliche Perspektive. Sie bekennen sich zu den Quellen des Glaubens, aus denen nach christlicher Überzeugung die ethischen Grundlagen gesellschaftlichen Miteinanders aufgebaut und bewahrt werden. Sie wissen um die Verantwortung von Christen, in guter Kenntnis der Sachverhalte realistische und überzeugende Modelle für das Leben der Gesellschaft und das Wirken des Staates zu entwickeln. Eine solche Aufgabe kann nur dialogisch in Angriff genommen und gelöst werden.

Es entspricht der Mitverantwortung der Laien für das kirchliche Leben, dass die Situation und der Zustand der Kirche zur Thematik jedes Katholikentages gehören. Selbstverständlich galt dies auch für Ulm. Es gibt bedrückend viel Grund zur Sorge um die Kirche in Deutschland: Die Zahl der Katholiken geht zurück, und die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nehmen ab. Es gibt nicht wenig Missmut in der Kirche und an der Kirche. Welche Kraft wird der christliche Glaube morgen in unserem Land und in Europa haben? Viele deutsche Katholiken hatten große Erwartungen geknüpft an den geistigen Aufbruch des
II. Vatikanischen Konzils in eine freiheitliche Gesellschaft. Wird dieser Aufbruch die künftige Gestalt der Kirche prägen? Einige meinen, die Kirche kenne und brauche keinen Wandel; andere meinen, das Ausmaß des Wandels bestimme allein die Zukunftsfähigkeit der Kirche.

Geistige Tiefe und Freimut

Wird die Kirche in Deutschland genügend Kraft und Mut aufbringen, aus der Mitte des Glaubens und in Treue zur Kirche jenen Wandel zu gestalten, der die Frohe Botschaft unseren Mitmenschen erschließt und ihnen zur Fülle des Lebens hilft? Auf diese Frage werden wir keine Antwort finden, wenn wir jenen folgen, die uns raten, von solchen Themen gar nicht erst zu reden – sei es, weil es, wie sie meinen, der Kirche nur schade und wir uns, in Treue fest, darum nicht kümmern sollten, sei es, weil es uns ja ohnehin nichts bringe und wir deshalb die Kirche einfach links liegen lassen sollten. Wer mitten im Leben der Kirche und mitten im Leben der Gesellschaft steht, weiß, was er von solchen Ratschlägen zu halten hat: Sie führen in die Irre. Augenmaß und geduldige Hartnäckigkeit waren schon immer die besten Garanten für Erfolg bei der ständigen Erneuerung der Kirche und ihrer Gestalt. Der Freimut und die geistige Tiefe, die in Ulm bei diesen Fragen vorherrschten, waren ermutigende Signale gegen eine Atmosphäre der Resignation.

Ulm hat nicht zuletzt bewiesen, dass es die Alternative "Katholikentage oder Ökumenische Kirchentage" nicht gibt. Im Gegenteil: Ökumenische Kirchentage werden ihrem Anspruch nur gerecht, wenn sie ein partnerschaftliches Projekt des Deutschen Evangelischen Kirchentages und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken sind und die Kompetenz und Vitalität der beiden großen Laienbewegungen in Deutschland vereinen.

Ökumenisches Anliegen überzeugend
zum Ausdruck gebracht

Dieses ökumenische Anliegen ist beim Ulmer Katholikentag in überzeugender Weise zum Ausdruck gekommen: Ohne die Gastfreundschaft und aktive Mitarbeit der evangelischen Christen Ulms wäre dieses Ereignis nicht möglich gewesen. Zugleich gab uns die Lage der Stadt an der Donau und ihre damit verbundene geschichtliche Orientierung die Chance, die Bedeutung der Orthodoxie für die Ökumene stärker in unser Bewusstsein zu bringen. Die in Ulm seit langem praktizierte und weiter wachsende ökumenische Zusammenarbeit widerlegt die Behauptung, es gäbe eine Eiszeit der Ökumene. Die ökumenische Atmosphäre dieser Stadt lieferte vielmehr den ermutigenden Kontext für den weiterführenden Vortrag von Kardinal Kasper. Dankbar sind wir für die eindrucksvollen und bewegenden ökumenischen Gottesdienste, für die gemeinsamen Veranstaltungen mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag und für die vielen Podien und Projekte, die der ökumenischen Arbeit gewidmet waren.

Lernerfahrung

Jeder Katholikentag ist auch eine Lernerfahrung. In unserer mediengeprägten Welt richten sie sich immer zugleich an die unmittelbaren Teilnehmer und an die mittelbar Beteiligten. Sie müssen also zugleich Gemeinschaftserlebnisse sein und ein Publikum für sich gewinnen. Im Blick auf die fernsehübertragenen Ereignisse des Katholikentages werden wir uns kritisch fragen müssen, wie weit uns diese Balance gelungen ist. Die Gemeinschaft der Teilnehmer darf jedenfalls nicht auf die Rolle eines nur aufnehmenden Publikums beschränkt werden. Denn dann werden Katholikentage nicht zum kraftvollen Beispiel gemeinschaftsstiftender christlicher Vitalität, das auch ein nicht unmittelbar engagiertes Publikum überzeugen kann. Von Ulm blicken wir jetzt nach Saarbrücken, wo der 96. Deutsche Katholikentag stattfinden wird.

Autor: Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Präsident des ZdK

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