Salzkörner

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Der Liebe trauen

ZdK möchte kirchliche Segensfeiern für gleichge­schlechtliche Paare

Die pastorale Erfahrung zeigt etwas Ermutigendes: Liebende Menschen bitten um Segen. Sie tun das nicht immer offensiv, weil viele von ihnen eine negative Ant­wort vermuten oder sogar fürchten, aber sie artikulieren den Wunsch, dass das, was sie als gut und heilsam, als Glück erleben – nämlich ihre Beziehung –, in einen aus­drücklichen Zusammenhang mit einer guten, heilsamen und Glück stiftenden Gotteserfahrung gestellt wird. Sie erhoffen sich dadurch mehreres: Bestärkung und sicher auch Anerkennung, aber sie bringen damit vor allem ihr Angewiesensein auf Gott zum Ausdruck.

Menschen warten in dieser Frage auf konkrete Signale. Der Bedarf ist groß. Zwei Beispiele aus der Praxis: Im Januar 2018 wagt der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz ei­nen Vorstoß. Sofort nachdem sein vorsichtiges Papier zu Se­gensfeiern für Paare, denen eine kirchliche Eheschließung nicht möglich ist, in der Welt ist, erhält er die ersten An­fragen – obwohl er klargemacht hat, dass er zunächst nur eine Diskussion in Gang setzen kann. Dieselbe Dringlichkeit zeigt auch die Erfahrung einer Kollegin, die eine Segensfei­er anlässlich einer Silberhochzeit mitgestaltet hat – völlig unverfängliches Terrain. Wenig später hat sie vier Anfragen von ganz unterschiedlichen Paaren, die ausdrücklich sie und nicht den Priester bitten, ein Segensritual mit ihnen zu fei­ern.

Auf breiter Ebene ist der Bedarf da. Liebende gibt es in al­len Farben: Da sind neben den gleichgeschlechtlichen Paa­ren auch die, die in einer zweiten Beziehung glücklich sind, und da sind vermehrt Paare, von denen nur der eine Teil ge­tauft ist. Oft respektiert der andere diese Anbindung an die Kirche und ist auch bereit, erste Schritte mitzugehen. Aber gleich das ganz große und wirkmächtige „Gesamtpaket“ ei­ner sakramentalen Eheschließung wird als Unwucht in der Beziehung erlebt. Auch wenn die Liturgiewissenschaftler hier zu Recht Einwände erheben, weil Segen immer etwas ganz Großes ist, deuten diese Paare eine Segensfeier als et­was Vorsichtiges, Tastendes, das ihnen erst einmal das An­gemessenere zu sein scheint.

Angemessene Form von Ernsthaftigkeit

Der Zuspruch Gottes ist nicht an eine bestimmte Klientel gebunden. Spannend ist an dieser Stelle: Das muss nicht einmal gepredigt werden, das wird von ganz allein ver­standen. Was ist das für ein Schatz, wenn ganz verschie­dene Menschen in ganz verschiedenen Lebenssituationen spüren, dass ein Segen sie stärken kann, dass er wohltut – und dass er für eine angemessene Form von Ernsthaftig­keit steht. Sicher wird man die verschiedenen Beziehungs­formen in liturgischer Hinsicht ausdifferenzieren müssen, in pastoraler Hinsicht kann man sich zunächst an dieser Viel­falt von Segenswünschen freuen.

Diese Bitten spiegeln eine Richtung, die vom Konzil einge­schlagen wurde, aber jetzt erst an Fahrt gewinnt: Das Kon­zil hat von der Ehe als „Bund“ gesprochen, nicht mehr als „Vertrag“, und hat damit die pragmatische Lehre von den Ehezwecken in ihre Schranken gewiesen. Etwas spröde könnte man sagen: Das Konzil hat die personale Dimension der Ehe gestärkt. Poetischer formuliert: Es hat begonnen, der Liebe zu trauen. Wenn Menschen heute für eine kir­chenrechtlich „unmögliche“ Liebe nach Segen fragen, dann erinnern sie an diese Weichenstellung des Konzils, die wir noch längst nicht eingeholt haben. Nicht die Ehezwecke al­lein sind entscheidend, sondern mindestens ebenso wichtig ist die gegenseitige Liebe. Und wer weiß, vielleicht müssen wir noch weiter gehen und für unsere Zeit formulieren: Sie ist das Wichtigste.

Ein Glaubenszeugnis

Aus Sicht der Dogmatik mag man die Frage nach der Schöp­fungsordnung bedenken. Aus Sicht der Pastoral sollte man die Bitten gerade der gleichgeschlechtlichen Paare als das benennen, was sie sind: ein hartnäckiges und oft sehr be­rührendes Glaubenszeugnis. Und dem sollte man Gewicht geben. Paare, die nicht den Erwartungen entsprechen, ge­raten, wenn sie in der Kirche bleiben wollen, nicht selten unter hohen Druck. Gerade deshalb zeigen sie oft und in berührender Weise, wie unbedingt Liebe beschützt wer­den muss – manchmal sogar gegenüber einer Institution, die doch ihrerseits nichts anderes tun möchte als die Liebe zu schützen. Darum bin ich dankbar, dass sich die Vollver­sammlung des ZdK in einer Erklärung klar für kirchliche Se­gensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare ausgesprochen hat. Es ist der richtige Zeitpunkt, denn es wird auf eine drei­fache Not geantwortet: Die ersten, die leiden, sind die Paa­re. Davon war gerade die Rede. Aber auch hier schlage ich einen Perspektivwechsel vor: Da geht es nicht nur um Wün­sche oder Sehnsüchte, die dann eben leider nicht erfüllt werden können. Bedenken wir die Wirkung von Segen, ein Segen, der über etwas gelegt – oder ausgesprochen wird, weil er längst da ist –, ist nie privat. Und er bleibt auch nicht privat. Er wirkt – durch die Gesegneten und durch alle, die damit in Berührung kommen. Ich denke manchmal: Vielleicht bekommen wir derzeit in so viel Resignation und Frustration auch und gerade die Verweigerung von Segen zu spüren.

Die zweite Ebene sind die Seelsorgenden: Wie oft kommt ein Priester oder Diakon oder auch ein Laie ins Schwitzen, weil eine solche Bitte an ihn herangetragen wird. Und wie oft wird sie zurückgehalten, weil man eben jenen geschätz­ten Priester, Diakon oder Laien nicht in Schwierigkeiten bringen will. Da gibt es eine unglaubliche Rücksichtnahme von Paaren. Für die Arbeit dieser Hauptamtlichen und auch für ihre Gewissensnöte brauchen wir jetzt eine Lösung die­ser Fragen.

Und die dritte Ebene ist ein waches Gottesvolk, das kopf­schüttelnd fragt, wo die Schwierigkeiten denn eigentlich liegen? Die Gläubigen können sich des Eindrucks nicht er­wehren, dass manchen Menschen Segen vorenthalten wird. Und das Delikt soll die Liebe sein? Man mag es lehramtlich auch noch so gut begründen, pastoralpraktisch überzeugt das nicht. Das sollte zu denken geben. Das Empfinden der gläubigen Menschen hat von jeher eine eigene theologi­sche Dignität. Dieser Sensus fidelium erinnert im Moment sehr klar daran, dass Liturgie nicht dazu da ist, moralische Urteile zu fällen. Segen ist keine moralische Instanz.

Breite Erfahrungen und klare Voten

Also, warum jetzt? Weil die Not groß ist! Aber nicht alleine deswegen. Wir können froh und dankbar sein, wenn in der Vorbereitung des Synodalen Weges und erst recht in der inhaltlichen Arbeit der Foren auf gute Diskussionsgrundla­gen zurückgegriffen werden kann. Man muss sich dort auf Vorarbeiten stützen können. Die nehmen nichts vorweg, sondern strukturieren und befruchten die Debatten. Der Prozess ist auf zwei Jahre angelegt. Das ist gut so, damit er Fahrt aufnehmen kann. Aber wir gehen dafür nicht alle zurück auf Los, wir beginnen nicht bei Null. Im Gegenteil, die Idee ist doch gerade, all das mitzubringen, was an wis­senschaftlichen Erkenntnissen und pastoralen Erfahrungen vorliegt, und damit in die Diskussionen zu gehen. Dann und nur dann kann in zwei Jahren ein ordentliches Wegstück gegangen werden.

Auf der Ebene der Bistümer im Übrigen gehen wir bereits weitere Schritte. Es ist ja nicht so, als müsse man Partner­schaftssegnungen neu erfinden. Es gibt sie schon. Es gibt sie in Wohnzimmern oder Gartenhäusern, auch als klandes­tine Feiern im Kirchenraum, und wir wissen um Ansprech­personen, die damit Erfahrungen haben. Ich halte es immer noch für einen der wichtigsten Impulse des Frankfurter Pa­pieres, diese Praxis zu benennen und ans Licht zu holen. Verantwortlich und gemeinsam klären zu wollen, was geht und was der Veränderung bedarf. Dazu werden vielerorts bisherige Erfahrungen gesammelt und dazu sitzen pasto­rale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen, um sich für den Ernstfall vorzubereiten. Damit sie theologisch und pastoral verantwortet handeln können in dem Moment, in dem es grünes Licht gibt. Wenn die Ampel auf Rot bleibt, gut, dann wird diese Arbeit umsonst gewesen sein. Aber ich fürchte, das ist dann das kleinste Problem. Für die jetzt zu führenden Debatten sind jedenfalls breite Erfahrungen und klare Voten das Beste, was dem Synodalen Weg passieren kann.

 

 

 

 

Autor: Dr. Martina Kreidler-Kos Diözesanreferentin der Ehe- und Familienpastoral im Bistum Osnabrück

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