Salzkörner

Montag, 5. Juli 2004

Der ganz normale Wahnsinn

Gewalt an Schulen – Ursachen und Lösungsmodelle
Beschimpfungen, Vandalismus, Mobbing, Erpressung, brutale Schlägereien – Gewalt hat viele Gesichter. Lehrer und Schüler stehen diesen Formen von Gewalt oftmals hilflos gegenüber. Worin liegen die Ursachen und welche Lösungswege bieten sich an?

Hier spielten einige Schüler Tischtennis, dort wurde Walkman gehört oder der neuste Tratsch ausgetauscht – eine ganz normale Pause. Was dann anfangs wie eine "normale" verbale Auseinandersetzung zwischen zwei Schülern aussah, explodierte plötzlich zu einer ungeheuren brutalen Schlägerei. Selbst als Blut floss und die Nase gebrochen war, beendeten die beiden Jungen ihre Prügelei nicht.
Stellen sie sich vor, Sie müssten sechs Stunden am Tag mit circa 30 Mitmenschen in einem Raum verbringen, der nur für 20 bis 25 Personen konzipiert wurde? Schulen und Klassenräume sind zu klein. Die Schüler rücken sich ständig auf die Pelle – eine Auszeit ist nicht möglich.

Möglichkeiten zur Gewaltprävention

Dabei gibt es eine Fülle von Möglichkeiten zur Gewaltprävention, von denen einige in der Gemeinschaftsschule in Hennef erfolgreich angewendet werden. Eine Möglichkeit ist der Einsatz so genannter Mediatoren. Dazu werden Schüler unter Anleitung von Sozial- und Sonderpädagogen als Streitschlichter ausgebildet, die dann in Konfliktsituationen zwischen den Parteien vermitteln, was bei den Mitschülern auf positive Resonanz trifft. Ziel ist es, auftretende Gewalt in den Pausen frühzeitig zu erkennen und zu verhindern bzw. Konflikte zu lösen.

Beständiges Stören im Unterricht ist eine Form von Gewalt, der Mitschüler und Lehrer oftmals hilflos ausgeliefert sind. Um diesem ständigen Stören entgegenzuwirken, wird in einem speziellen "Trainingsraum" soziales Verhalten eingeübt. So müssen Schüler und Lehrer die Unterrichtsstörungen nicht mehr aushalten, denn der Lehrer kann den betreffenden Schüler bei Bedarf in den Trainingsraum schicken.
Eine nicht zu unterschätzende Ursache für die Gewalt an Schulen ist mangelndes Selbstbewusstsein vieler Schüler. Um dieses zu stärken sowie Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit Mitschülern zu erlernen, wenden wir in Honnef die defensive Kampfkunst Aikido an. Unter der Devise "Schüler stark machen!" lernen diese ein friedvolles Miteinander und ihre vermeintlichen Schwächen auch als Stärken zu sehen.

Sozial- und Sonderpädagogen sind notwendig

All diese notwendigen pädagogischen Maßnahmen, die der Gewalt an Schulen Einhalt gebieten, sind jedoch an vielen Schulen durch Einstellungsstopps und Haushaltssperren in Frage gestellt. Dabei müssten Sozial- und Sonderpädagogen an Schulen eine Selbstverständlichkeit sein. Denn viele Lehrer stehen Konflikten und verhaltensauffälligen oder lernbehinderten Schülern oft ohnmächtig gegenüber. Auch die Lehrerausbildung konzentriert sich zu sehr auf die fachliche Ausbildung – Pädagogik und Psychologie bleiben auf der Strecke.
Es ist dringend erforderlich, dass sich Politiker, die unsere Schulen mit immer mehr Aufgaben in der Betreuung von Schülern befrachten, sich auch der schwierigen Situation an unseren Schulen bewusst sind. Die personelle Unterbesetzung hat an vielen Schulen zur Folge, dass häufig die Klassen viel zu groß sind. In kleinen Lerngruppen haben Lehrer die Chance, die individuellen Probleme eines Schülers zu erfassen und entsprechend zu reagieren.

Haushaltssperren als Belastung für Schulen

Projekte zur Eingliederung von ausländischen Schülern, zur Gewalt- und Suchtprävention etc. verlaufen derzeit im Sande, da die schlechte finanzielle Lage der Gemeinden die Durchführung unmöglich machen. Die Haushaltsperren der Gemeinden empfinden auch die Schulen als große Belastung. Immer häufiger werden Anträge für eine bessere Ausstattung von Schulen bei den Ämtern über Wochen geprüft und nicht selten dann doch abgelehnt. Soll die nächste Pisastudie mit größeren Erfolgen abgeschlossen werden, dann muss die Basis stimmen und die beginnt mit dem Erwerb von sozialen Kompetenzen, die einen konfliktfreien Umgang und ein friedvolles Miteinander erst möglich machen.

Autor: Wiebke Vogtländer-Hoof, Lehrerin der Gemeinschaftshauptschule Hennef

zurück zur Übersicht