Salzkörner

Donnerstag, 25. Juni 2020

Dialog statt Vorurteil

„Schalom Aleikum“ bringt Juden und Muslime in Gespräch

„Wir haben im Juni 2019 mit dem Ziel angefangen, einen Austausch zwischen Juden und Muslimen bundesweit zu initiieren, nicht zuletzt um Antisemitismus vorzubeugen oder abzubauen“, konstatierte der Präsident des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, als er Anfang 2020 eine erste Bilanz zog. Das Projekt „Schalom Aleikum“ des Zentralrats der Juden stellt den jüdisch-muslimischen Dialog in den Mittelpunkt und organisiert bundesweite Dialogveranstaltungen – obwohl nicht wenige Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland die Frage umtreibt, warum ausgerechnet Juden auf Muslime zugehen sollen. Sind doch Übergriffe von Muslimen auf Juden für viele ein gravierendes Problem. Folglich seien Muslime in der Pflicht, der Gewalt Abhilfe durch Dialog zu schaffen. Doch der Zentralrat der Juden tut bewusst, was auf muslimischer Seite organisatorisch schwieriger ist, nämlich: Als zentrale politische Vertretung von Juden in Deutschland, einen landesweiten Dialog mit einer anderen religiösen Minderheit zu starten. Der Name „Schalom Aleikum“ ist Programm: Die hebräische Grußformel „Schalom Alejchem“ und das arabische „Salaam Aleikum“ meinen dasselbe – „Friede sei mit Dir“.

Im jüdisch-muslimischen Gespräch „offen und ehrlich“ zu sein, ist nach Daniel Botmann, dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, die Grundvoraussetzung für sein Gelingen. „Schalom Aleikum“ versteht sich grundsätzlich als ein Projekt zur Prävention von Antisemitismus und Radikalisierung. Neben verbindenden Themen werden auch ganz offen Probleme, wie eben Judenhass unter Muslimen, angesprochen. Radikalisierte fallen jedoch nicht unter die Adressaten von „Schalom Aleikum“. Als ein Präventions- und zugleich als ein Dialogprojekt auf Augenhöhe wird „Schalom Aleikum“ von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, gefördert.

Dialogplattformen

Der Dialog findet bewusst abseits der Funktionärsebene und direkt in der Zivilgesellschaft statt. Solche Teilnehmer bringen sich anders als Amtsträger in ein Gespräch ein: mit der ganzen Person und ohne eine positionsbedingte Agenda. Diesen Stimmen gibt „Schalom Aleikum“ durch seine Medienwirksamkeit eine signifikante Reichweite. Durch die Umsetzung und Verbreitung von Beispielen gelungenen Dialogs entzieht es den Nährboden für Ressentiments und Radikalisierung in der Gesellschaft. Seine Reichweite gewinnt das Projekt auch durch das Zusammenbringen von Juden und Muslimen auf Basis von grundlegenden Gemeinsamkeiten: Bei der Auftaktveranstaltung in Berlin diskutierten jüdische und muslimische Startup-Unternehmer unter anderem die Frage, ob ihre Religionszugehörigkeit eine Rolle bei ihren unternehmerischen Aktivitäten spielt.

In Würzburg trafen jüdische, muslimische und christliche Familien zu einem Trialog zusammen. Die Teilnehmer redeten u. a. über Vorurteile gegenüber Juden und Muslimen im Netz. In Leipzig tauschten sich Frauen über ihre Rolle und ihre Identität als Muslimas oder Jüdinnen aus. In Osnabrück sprachen jüdische und muslimische Seniorinnen und Senioren über ihre Erfahrungen in der Bundesrepublik. Klar wurde dabei: Auch diese Menschen mit ihren zum Teil dramatischen Einwanderungsbiographien sind ein Teil von Deutschland.

Stimmungsbilder

Warum ist der jüdisch-muslimische Dialog in dieser Form überhaupt notwendig und welche Stimmungsbilder gibt es bei den Teilnehmern und Gästen von „Schalom Aleikum“?  Dieser Frage wurde durch die eigens vom Projekt durchgeführten Umfragen nachgegangen. Aufgrund der geringen Fallzahl waren diese zwar nicht repräsentativ, zeigten dennoch bemerkenswerte Tendenzen auf. Eine zentrale Rolle spielte die Verfügbarkeit von Wissen über Juden und Muslime in der Gesellschaft.

Im Oktober 2019 fand eine einmonatige Online-Erhebung statt, an der über 200 Personen teilnahmen, darunter 39 Prozent muslimisch und 29 Prozent jüdisch. Ein Großteil der Befragten erhielt zwar eine ausführliche Schulbildung in Bezug auf das Christentum (65 Prozent), jedoch nur eine geringe auf das Judentum (28 Prozent) und fast gar keine (9 Prozent) in Bezug auf den Islam. Ebenso zeigte es sich, dass Juden und Muslime (zusammen 48 Prozent) häufiger diskriminiert werden, als es im Schnitt in der Gesamtgesellschaft der Fall ist. Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage der Forsa Gesellschaft für Sozialforschung unter 1.012 Personen in ganz Deutschland bestätigte diese Tendenzen.

Bildung

Die Wissensdefizite im schulischen Bereich machte „Schalom Aleikum“ bei einer eigenen Veranstaltung zum Thema. Bei der Dialogplattform in Köln lag der Fokus auf dem Phänomen Antisemitismus an deutschen Schulen. Damit sind einerseits die jüdische und muslimische Lehrerschaft und andererseits jüdische Schüler konfrontiert. Ein wesentlicher Teil des Konzepts für die Diskussion war eine digitale qualitative Befragung von Kölner Lehrkräften im Vorfeld zu Antisemitismus an Schulen. Leider wurde antisemitisches Verhalten zum Teil auch innerhalb des Lehrerkollegiums festgestellt. Methoden und Konzepte für den Umgang mit Antisemitismus fehlen – darüber bestand bei der Podiumsdiskussion der Lehrer Einigkeit. Ebenso sollte Antisemitismus auch viel stärker in den Lehrbüchern thematisiert werden.

Im Jahr 2020 wird das Projekt entsprechend vermehrt Schülerinnen und Schüler in den Blick nehmen und bietet für diese überwiegend digitale Workshops zur Sensibilisierung für aktuelle Formen des Antisemitismus an. Ziel ist es, mithilfe von erfahrungs- und lebensweltorientierten Methoden, Antisemitismus, vor allem aktuellen Erscheinungsformen, präventiv entgegenzuwirken und eventuell vorhandene Ressentiments abzubauen. Der Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit Antisemitismus im Netz und in sozialen Netzwerken. Die Workshops sollen zudem Begegnungen zwischen jüdischen und muslimischen Jugendlichen ermöglichen, die den Dialog stärken sollen. Die Formen solcher netzorientierter Begegnungen werden zur Zeit ausgearbeitet.

Im Projekt entstehen wichtige Ressourcen, um das Wissen um Juden und Muslimen in Deutschland zu stärken. Aus dem Dialog jüdischer und muslimischer Seniorinnen und Senioren in Osnabrück entstand ein Booklet unter dem Titel „Mutige Entdecker bleiben“. Neue Themen, Akteure und Gespräche sollen in weiteren Publikationen dazukommen.

Den Dialog auch ins Netz zu tragen, ist ein zentrales Anliegen von „Schalom Aleikum“. Besonders junge Menschen tummeln sich in virtuellen Räumen und begegnen dort ungefiltert Antisemitismus und Rassismus. Das Projekt brachte Blogger und Netzaktivisten zu Workshops beim Zentralrat der Juden zusammen. Die Teilnehmer diskutierten darüber, was zu tun sei, um mit unterhaltsamen, aber sachlich korrekten Beiträgen Hass-Mails und Fake News über Juden und Muslime zu entkräften. Daraus entstand ein kurzer Film, der auf dem Facebook-Auftritt von „Schalom Aleikum“ einsehbar ist.
Zukunft

Das Projekt geht jetzt in die zweite Runde: Nach zahlreichen erfolgreichen Dialogveranstaltungen wird dieses Kernformat 2020 fortgesetzt – deutschlandweit mit beispielsweise jüdischen und muslimischen Journalisten, Sportlern, Studierenden und Geistlichen. Im Februar traf sich bereits die LGBTIQ-Szene bei der Auftaktveranstaltung in Berlin. Über das Jahr finden wieder soziologische Erhebungen statt. Durch die umfängliche digitale und klassische Öffentlichkeitsarbeit wird die Reichweite des Projektes kontinuierlich ausgebaut und das Netzwerk des Projektes stetig vergrößert. Über 1.000 Personen erreichte „Schalom Aleikum“ im Jahr 2019 bei den Live-Veranstaltungen. In den Zeiten der Corona-Krise denkt das Projekt-Team des Zentralrats der Juden aktuell verstärkt an diverse digitale Projekte.

Eine beträchtliche Anzahl jüdischer und muslimischer Teilnehmer und Gäste sind heute feste Partner von „Schalom Aleikum“ und gehören zum wachsenden Netzwerk des jüdisch-muslimischen Dialogs. Dieser wirkt und hat, so ist zu hoffen, in einer nicht erst seit „Halle“ und „Hanau“ stark polarisierten Gesellschaft eine Zukunft.

www.schalom-aleikum.de

Das erste Buch der Reihe „Schalom Aleikum“ mit dem Titel: „Mutige Entdecker bleiben. Jüdische und muslimische Senioren im Gespräch“ ist im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen (ISBN 978-3-95565-369-9)


Autor: Dr. Dmitrij Belkin | Projektleiter "Schalom Aleikum. Jüdisch-muslimischer Dialog" beim Zentralrat der Juden in Deutschland

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