Salzkörner

Montag, 5. November 2018

Die Familie ist der größte Pflegedienst der Nation

Pflege kann nur gelingen, wenn es den pflegenden Angehörigen selbst gut geht.

In Deutschland leben momentan knapp 3,5 Mio. Pflegebedürftige im Sinne der Pflegeversicherung. Parallel steigt die Zahl der Menschen, die der Unterstützung durch andere bedürfen ohne selbst nach den Kriterien der Pflegeversicherung als Pflegefall eingestuft zu sein. Von den nach Pflegegraden eingestuften Pflegebedürftigen leben 2,6 Mio. Menschen zuhause. Von diesen Menschen werden nur etwa ein Viertel durch ambulante Pflegedienste betreut. Die übrigen, rund 2 Mio. Menschen werden zuhause, vor allem durch ihre Angehörigen versorgt. Dabei gibt es keine genauen Zahlen, in wie vielen Haushalten zusätzlich Pflegekräfte aus dem europäischen oder außereuropäischen Ausland beschäftigt sind. Die Schätzungen reichen von 100.000 bis 300.000.

Die pflegenden Familienangehörigen sind überwiegend weiblich. Frauen machen 70 Prozent der pflegenden Angehörigen aus, allerdings nimmt die Zahl der Ehemänner zu, die ihre Partnerin versorgen, sowie allmählich auch die Zahl der Söhne, die sich an der Pflege der Eltern beteiligen. Die meisten Frauen, die Angehörige pflegen, sind laut Statistik im Alter zwischen 45 und 75 Jahren. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass in diesem Lebensalter beinahe jede zweite Frau entweder als Hauptpflegeperson Angehörige pflegt oder für einen oder mehrere Angehörige im Alltag regelmäßig Unterstützung leistet. Jede Frau und zunehmend auch viele Männer werden so einmal oder mehrmals im Leben mit Situationen und Lebensphasen konfrontiert, in der das Thema "Pflege" ganz nahe rückt.

Gerade für die Frauen im mittleren Lebensalter bedeutet neben allem anderen, Pflege auch ein hohes soziales Risiko. Sie geraten erneut in den Konflikt zwischen Familie und Beruf. So kann die Sorgearbeit für die zu pflegenden Angehörigen einen beruflichen Wiedereinstieg, den beruflichen Aufstieg oder eine Erhöhung der Arbeitszeit verhindern. Nicht selten reduzieren Erwerbstätige sogar ihre Arbeitszeit oder geben die Erwerbsarbeit ganz auf, um Angehörige zu pflegen. Pflegegeld und die sehr geringen Rentenanwartschaften für pflegende Angehörige stellen hier keinen Ersatz für die soziale Sicherheit, vor allen Dingen, die soziale Sicherheit im Alter, dar.

kfd: "Ein offenes Ohr für pflegende Angehörige"

Wenn Kinder ihre Eltern pflegen, kehrt sich das Verhältnis von Gebenden und Nehmenden um. Machtverhältnisse verändern sich. Latente Konflikte können sich in der Pflegesituation zuspitzen. Pflege kann aber auch zu einer neuen Qualität der Beziehung z. B. unter Ehepartnern beitragen. Vieles hängt davon ab, wie die Rahmenbedingungen für häusliche Pflege sind. Gibt es stabile soziale Netzwerke, gute finanzielle Rahmenbedingungen, Wissen um die Möglichkeiten und Leistungen der Pflege- und Krankenversicherung, auf die Anspruch besteht?

Überfordernde und unbefriedigende Pflegesituationen führen nicht selten dazu, dass die pflegenden Angehörigen die kommenden Pflegebedürftigen werden. Die kfd als großer katholischer Frauenverband hat sich auf die Fahnen geschrieben, ein "offenes Ohr für pflegende Angehörige" zu haben. Die Idee dahinter ist nicht, dass kfd-Frauen untereinander unbezahlte Pflege übernehmen, sondern als Gesprächspartnerinnen für die pflegenden Angehörigen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus setzt sich der Verband politisch besonders für pflegende Angehörige ein.

Gelingende Pflege in einer älter werden Gesellschaft

Am 23. Juni 2017 hat der Hauptausschuss des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) das Impulspapier "Gerechte Pflege in einer sorgenden Gesellschaft" verabschiedet, s. www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen. Das Impulspapier stellt die hohe Belastung vieler pflegender Personen im derzeitigen Pflegesystem heraus und zeigt Reformoptionen auf. Im ZdK-Arbeitskreis "Wirtschaft und Soziales" diskutiert und abgestimmt mit kirchlichen Akteuren und Verbänden, wird es der ZdK-Vollversammlung am 23./24. November 2018 als Erklärungsentwurf vorgelegt werden.

Dahinter steht auch der Wunsch, das Pflegethema aus dem Tabubereich herauszuholen und dazu aufzufordern, in jedem Fall die verschiedenen Möglichkeiten guter Pflege –
stationär und ambulant – mit unterschiedlichen Formen der Unterstützung in den Blick zu nehmen. Die häusliche Pflege durch Angehörige ist niemals die einzige und ausschließliche Möglichkeit und auch nicht immer die beste Lösung. Denn gerade diese führt oftmals in der Konsequenz zu der Inanspruchnahme von Unterstützung durch osteuropäische Pflegekräfte, die dann an Stelle der Angehörigen, die rund um die Uhr Betreuung leisten sollen.

Gemeinsam sind in dem Papier Punkte formuliert worden, die zu einer gelingenden Pflege in der Zukunft beitragen können. Einige politisch aktuelle Punkte, die insbesondere die häusliche Pflegesituation in den Blick nehmen, werden im Folgenden benannt:

 

  1. Mindeststandards für Live-In-Pflegekräfte
    Es ist dringend notwendig, für die Gruppe der Live-In-Pflegekräfte Mindeststandards zu erarbeiten. Dazu gehört z. B., dass die Pflegekraft mindestens einmal in der Woche einen vollen Tag frei hat.
  2. Mehr Rente für pflegende Angehörige
    Pflegende Angehörige brauchen bessere Rentenanwartschaften. Hier ist es dringend notwendig, die Höhe, vor allen Dingen aber auch die Verrechnung mit Sachleistungen bei den Rentenanwartschaften zu überprüfen. Pflegende Angehörige, die bereits Rente beziehen, haben keinen Anspruch auf Rentenanwartschaften durch Pflege. Seit der Einführung des Flexi-Rentengesetzes gibt es hier die Möglichkeit, auf einen kleinen Teil der Altersrente zu verzichten (sog. Teilrentenbezug) und dann weitere Rentenanwartschaften für die Zeit der Pflege zu bekommen. Diese Möglichkeit muss unbedingt erhalten bleiben.
  3. Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
    Die bestehenden Möglichkeiten des Pflegezeitgesetzes ermöglichen pflegenden Angehörigen eine bis zu sechs Monate dauernde unbezahlte Freistellung. Das Familienpflegezeitgesetz ermöglicht eine bis zu zweijährige Reduzierung der Arbeitszeit. Diese bereits bestehenden Möglichkeiten – auch der Anspruch auf zehn Tage Freistellung von der Arbeit mit Lohnersatzleistung für die Pflege von Angehörigen – müssen dringend durch ein Rückkehrrecht in Vollzeittätigkeit im Rahmen des Teilzeitgesetzes ergänzt werden. Hierdurch kann eine deutliche Entlastung pflegender Angehöriger erreicht werden, ohne dass diese ihre Erwerbstätigkeit ganz aufgeben. Das jetzt verabschiedete Brückenteilzeitgesetz ermöglicht dies gesichert nur für Beschäftigte in großen Betrieben mit mehr als 200 MitarbeiterInnen.
  4. Rehabilitation und Prävention für pflegende Angehörige
    Pflegende Angehörige haben die Möglichkeit, an einer Rehabilitationsmaßnahme in einer der Kliniken des Müttergenesungswerks teilzunehmen. Bisher müssen die Krankenkassen nur unter bestimmten Voraussetzungen eine stationäre Rehabilitation genehmigen, wenn die Möglichkeiten ambulanter Maßnahmen ausgeschöpft sind. Die aktuelle Reform des Pflegegesetzes ermöglicht, die Paragraphen § 23 SGB 5 und § 40 SGB 5 deutlich zu stärken und Rehabilitations- und Präventionsmaßnahmen für pflegende Angehörige zu einer Pflichtleistung der Krankenversicherung zu machen, indem der Grundsatz ambulant vor stationär für pflegende Angehörige ebenso wie für Eltern aufgehoben wird und Kuren sowie Maßnahmen in den Einrichtungen der Müttergenesung ermöglicht werden. Gleichzeitig gilt es hier, die Beratung vor und nach einer solchen Rehabilitationsmaßnahme zu verstärken. Ohne begleitende Unterstützung und Beratung lösen sich die meisten pflegenden Angehörigen nicht von der Pflegesituation zuhause und sind oftmals mit Beantragung und Organisation der Pflege in der Abwesenheit überfordert.
  5. Förderung haushaltsbezogener Dienstleistungen
    Ein großer Bedarf in Haushalten mit Pflegebedürftigen besteht in haushaltsbezogenen Dienstleistungen. Dazu gehört auch die niedrigschwellige Betreuung und Begleitung der Pflegebedürftigen. Diese vielfältigen Unterstützungs- und Entlastungsleistungen in Haushalten werden aktuell entweder durch Schwarzarbeit, in Minijobs oder oft auch im Rahmen sog. ehrenamtlicher, mit Aufwandsentschädigungen entlohnter Dienste erbracht. Hier muss dringend die im Koalitionsvertrag angedachte staatliche Förderung solcher Dienstleistungen umgesetzt werden, damit in Zukunft sozialversicherte Arbeitsplätze entstehen und die Haushalte qualifizierte Unterstützung zu bezahlbaren Preisen bekommen.

 

 

Autor: Dr. Heide Mertens Leiterin der Abteilung "Theologie/Politik/Bildung" in der Bundesgeschäftsstelle der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Düsseldorf

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