Salzkörner

Mittwoch, 4. November 2020

Die Flamme des kollektiven Gewissens

Editorial

Es ist ein globaler Blick, den Papst Franziskus in seiner Sozialenzyklika „Fratelli tutti“ einnimmt. Er skizziert seine Vorstellung von einer „Ethik der internationalen Beziehungen“ und verteidigt das Recht auf ein Leben in Würde: Nur global könne der „Kultur der Mauern“ begegnet werden. Dabei nehmen die Vereinten Nationen eine wichtige Rolle ein, denn ihnen kommt die Verantwortung zu, die Stärke des Rechts zu verteidigen. Grundlage für seine Bewertungen ist auch das Erinnern an vergangene Verbrechen, um „die Flamme des kollektiven Gewissens“ wachzuhalten.

Die Erinnerungskultur in Deutschland, zumal wenn es um Mauern geht, ist in diesen Tagen in ambivalenter Weise herausgefordert: Dankbar blicken wir auf 30 Jahre deutsche Einheit zurück. Vieles wurde geleistet und erreicht, während die europäische Integration an Fahrt aufnahm und die Bundesrepublik ein eigenes, teilweise neues Rollenverständnis fand. Dass Selbstzuschreibungen wie „ostdeutsch“ und „westdeutsch“ weiterhin erforderlich sind, erinnert uns daran, dass wir noch nicht alle Hausaufgaben der Geschichte erledigt haben.

Mit einem Aufsatz zum Antisemitismus erinnern wir in dieser Ausgabe an den ersten Jahrestag des Anschlags auf eine Synagoge in Halle. Während ein versuchter Anschlag auf die Gläubigen scheiterte, starben eine Passantin und ein Restaurantbesucher durch die Hand des Attentäters. Die Tat reiht sich in die (lange) Liste blutiger und vereitelter Anschläge mit antisemitischem Hintergrund im Nachkriegsdeutschland ein. Sie mahnt uns, den Blick auf historische Verantwortung nicht zu ritualisieren, sondern – gerade im Schulunterricht – Formen politischer Bildung einzuüben, die Haltung und Werte vermitteln, die keinen Raum für menschenfeindliche Gesinnungen und Ideologien lassen.

Autor: Marc Frings

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