Salzkörner

Montag, 17. Dezember 2018

Die Illusion der Homogenität

Pluralisierungsschübe im katholischen Milieu

Wie lässt sich das Zusammenleben in der pluralistischen Gesellschaft organisieren? Der niederländische Politikwissenschaftler Arend Lijphart gab darauf vor 50 Jahren eine lange Zeit prägende Antwort. Es handelte sich dabei zwar um eine spezifisch niederländische Variante des Pluralismus, die aber idealtypisch auch als Modell für andere vergleichbar modernisierte nationalstaatliche Gesellschaften stehen konnte.

 

Der Pluralismus der niederländischen Gesellschaft drückte sich in einer Versäulung mit streng getrennten Lebenswelten aus.

 

"Und streng getrennt bedeutete: Ein katholischer Junge besuchte natürlich katholische Schulen und wurde Mitglied eines katholischen Fußballvereins. Ebenso selbstverständlich verliebte er sich in ein katholisches Mädchen, das er auch heiratete. Er wählte die katholische Partei und war Mitglied der katholischen Gewerkschaft. […] Von der Wiege bis zur Bahre blieb man innerhalb der eigenen Säule – ob katholisch, protestantisch oder sozialdemokratisch –, abgeschirmt von den anderen weltanschaulichen Säulen."

So schildert es prägnant der Historiker Friso Wielenga.

 

Was aus heutiger Sicht wie eine Märchenwelt anmutet, beschrieb in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine gesellschaftliche Wirklichkeit. Die plurale Gesellschaft organisierte sich als eine Ansammlung von Parallelgesellschaften, lange bevor dieses Wort die multikulturelle Gesellschaft negativ konnotierte. Die kulturelle Verschiedenheit ließ sich aushalten, weil es für die "Normalbürger" nur wenig Berührungspunkte gab und weil die Zugehörigkeit zu einer Säule per se noch keine soziokulturelle Benachteiligung darstellte. Das galt in weiten Teilen auch für das katholische Milieu in (West-) Deutschland. Man muss sich nur erinnern, welch kaum zu überwindendes Hindernis für eine Ehe noch vor fünfzig Jahren die Konfessionsverschiedenheit der Partner war. In einer streng versäulten Gesellschaft wäre diese Beziehung gar nicht erst zustande gekommen, aber in der konsolidierten Bundesrepublik stellte sich diese Herausforderung, nicht zuletzt durch den Zuzug von Vertriebenen, vermehrt.

Daran lässt sich zugleich ablesen, wie der versäulte Pluralismus mit der Zeit durchlässiger wurde. Die Konfession oder Weltanschauung hatte in den 1960er Jahren nicht mehr eine alle Lebensbereiche durchdringende und formatierende Prägekraft. Aber noch immer gab es ein klares Verhältnis von Mehrheits- und Minderheitskultur. So musste sich beispielsweise eine evangelische Christin, die in einer ganz mehrheitlich katholisch geprägten Region wie dem Münsterland in eine katholische Familie einheiratete, anpassen. Und auch wenn die Erziehung der Kinder in den meisten Fällen primär der Mutter oblag, gab es zugleich die deutliche, um nicht zu sagen rigide Erwartungshaltung, zum einen des sozialen Umfelds, aber auch nicht zuletzt der katholischen Kirche selbst, dass die Kinder in einer konfessionsverschiedenen Ehe katholisch zu taufen und zu sozialisieren waren. Die Gesellschaft und die kleineren sozialen Einheiten wie die Familien waren also nicht mehr uniform, aber es galt eine "Leitkultur".

 

Das ist heute Vergangenheit. Dafür sehe ich mit Blick auf die Katholiken und das katholische Milieu vor allem zwei Gründe: den Rollenwechsel von der Mehrheit zur Minderheit und die innerkirchliche Pluralisierung.

 

Der Anteil der Katholikinnen und Katholiken an der deutschen Bevölkerung liegt mittlerweile unter 30 Prozent. Für die evangelischen Christen gilt dasselbe. Es gibt große regionale Unterschiede und in den Regionen große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Aber inzwischen sind die Christen nicht nur in Ostdeutschland in der Minderheit. In der besonders stark katholisch geprägten Metropole Köln machen die Christen nach neuesten Zahlen weniger als die Hälfte der Bevölkerung aus. Das stark protestantisch geprägte Stuttgart, der Ort des nächsten Katholikentags, hat überraschenderweise ähnlich viele katholische wie evangelische Einwohnerinnen und Einwohner – aber zusammen liegen sie auch hier unter 50 Prozent. Allen soziologischen Gesetzmäßigkeiten zufolge und allen auf quantitatives Wachstum setzenden missionarischen Aufbrüchen zum Trotz ist zu erwarten, dass dieser Trend sich fortsetzt. Das hat nicht nur mit dem Schwinden der Plausibilität des Glaubens in einer von wissenschaftlicher Rationalität geprägten Kultur zu tun. Auch die verbreitete Kritik an der Institution Kirche und ihre dazu einladende Kritikanfälligkeit sind noch keine hinreichenden Gründe für das allmähliche Abbröckeln. Soziologisch wiegt in einer "Gesellschaft der Singularitäten" (Andreas Reckwitz) die Rückläufigkeit der Attraktivität einer lebenslangen Bindung an Organisationen (neben den Kirchen sind auch Parteien und Gewerkschaften betroffen) ebenso schwer.

 

Für viele katholische wie evangelische Christinnen und Christen ist diese neue Position als (immer noch relativ große) gesellschaftliche Minderheit ungewohnt und unbequem. Nicht selten wird sie als Kränkung oder Bedrohung erfahren. Die Katholiken sind, obschon immer noch politisch gut vernetzt (man sehe nur auf den Wettstreit dreier Katholiken um den CDU-Vorsitz und mutmaßlich die nächste Kanzlerschaft), keine gesellschaftlich tonangebende Gruppe mehr. Bedrohlich wirkt vor allem das Wachstum des Anteils und der öffentlichen Präsenz anderer weltanschaulich definierter Gruppen, insbesondere der Muslime und der religiös indifferenten Menschen. Dabei spielt zunächst noch keine Rolle, dass es sich hier gar nicht um homogene und organisierte Gruppen handelt. Es sind aus katholischer Sicht die Anderen, und die sind "gefühlt" in der Mehrheit.

 

Das führt aber zu dem zweiten und in meinen Augen noch stärker herausfordernden Pluralisierungsschub. So wenig, wie es "die Muslime" und erst recht nicht "die religiös Indifferenten" (nicht zu verwechseln mit "den Atheisten") gibt, lässt sich noch von "den Katholiken" reden. Längst gibt es auch eine innerkatholische Pluralität. Was als typisch katholisch gilt und wie Katholikinnen und Katholiken tatsächlich leben und urteilen, ist auseinandergefallen. Eine wichtige Markierung in diesem Prozess war, ebenfalls vor 50 Jahren, die Enzyklika "Humanae vitae" mit dem päpstlichen Verbot jeglicher künstlicher Empfängnisverhütung. Eine große Mehrheit auch der mit der Institution Kirche verbundenen katholischen Christen steht in dieser und in anderen die Lebensführung betreffenden Fragen in Opposition zu lehramtlichen Festlegungen. Das haben, neben anderen Untersuchungen, eindrucksvoll die Befragungen des Kirchenvolks vor den Familiensynoden 2014 und 2015 vor Augen geführt.

 

Doch damit nicht genug: Innerkirchliche Pluralität beschränkt sich nicht auf mehrheitlichen Ungehorsam der katholischen Basis gegenüber der Chefetage in manchen für die Organisationskultur durchaus neuralgischen Punkten. In den großen ethischen Debatten unserer Tage ist im persönlichen Gespräch nicht selten zu erfahren, dass die von der katholischen Kirche vertretene politische Position für den unbedingten Schutz des Lebens von vielen katholischen Christen nur bedingt geteilt wird, zum Beispiel wenn es um das frei bestimmte Ende des Lebens geht. Und zwar nicht aus Desinteresse (das es sicher auch bei nicht sehr stark mit der Organisation identifizierten Mitgliedern gibt), sondern weil von ihnen eine andere politische Haltung als barmherzig und der christlichen Botschaft entsprechend angesehen wird. Die Deutungshoheit der Institution über höchstpersönliche Fragen – Was ist ein gutes Leben? Wen darf ich lieben? Wie will ich sterben? – wird nicht mehr anerkannt. Die Homogenität des katholischen Teils der Bevölkerung ist eine – mitunter politisch nützliche – Illusion.

 

 

Der ZdK-Sachbereich Politische und ethische Grundfragen hat Pluralität und Pluralitätsfähigkeit der katholischen Kirche als Schwerpunktthema seiner Arbeit gewählt. Vom 30. September bis 1. Oktober 2019 führt er in Kooperation mit der Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen das Symposium "Anstrengende Vielfalt. Kirche in der pluralen Gesellschaft – zwischen verlorenen Gewissheiten und gewonnenen Optionen" im Katholisch-Sozialen Institut Siegburg durch. Die Tagungseinladung erscheint Anfang 2019 auf www.zdk.de.

 

 

Autor: Dr. Hubert Wissing

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