Salzkörner

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Die Menschwerdung und ihr neues Verb

Eine Weihnachtsmeditation

„Seht, der kann sich selbst nicht regen, durch den alles ist und war.“ (GL Nr. 245, 2)

Dieser Vers des Weihnachtsliedes „Menschen, die ihr wart verloren, lebet auf erfreuet euch“ lenkt den Blick derer, die da singen, in die Krippe. Dieses „schaut hin“ bezieht sich aber nicht auf schön gestaltete Krippen. Dieses „schaut hin“ pointiert: Setzt euch dem Ereignis Krippe aus!

Die meisten Krippendarstellungen sind darauf reduziert, „in Moll“ Emotionen zu wecken. Vordergründig schöne Krippen können Be­trachtende veranlassen, ein ebenso vordergründiges „Ach, wie schön“ zu jubilieren. Hintergründig betrachtet, das wirkmächtige Ereignis hinter den schönen Krippendarstellungen zu schauen, das konfrontiert mit einer unfassbar gestaltenden Kraft. Und diese ent­springt aus dem bildgebenden und bleibenden Ereignis: Gott wird Mensch! Bildgebend: Im Vordergrund sind Maria, die Mutter Jesu, Josef, der nicht leibliche Vater, und das Kind natürlich.

Kraftgebend: Im Hintergrund steht Gott, der ein verletzbares Kind wird, ganz Welt annehmend und alles auf den Kopf stellend: Der Himmel wird geerdet, die Erde berührt den Himmel. Gott wird un­fassbar, aber berühbar einer von uns! Wer nun behaftet mit den ei­genen kleinen und großen Sorgen, seinen Problemen und Anfech­tungen „hinter“ die Krippe schaut, sich der Krippe stellt, der wird angeschaut von einem unfassbaren Machtverzicht Gottes, aus dem ein Wandel erwächst, der zu Aufbrüchen führt.

Wer sich so der Krippe stellt und sich von ihr ausrichten lässt, der wird angezogen von neuen, sich wandelnden Sichtweisen auf Bisheriges, Altvertrautes, Herkömmliches und unhinterfragbar Einleuchtendes. Solch ein Blick hin­ter die Krippe kann neue Lösungsperspektiven für Sie ganz persönlich eröffnen. Testen Sie selbst: Haben Sie z. B. ei­nen Streit laufen, einen Konflikt an der Backe, oder erleben Sie gerade eine Entäuschung, dann schauen Sie mit wem, weshalb und wofür. Ihren Anteil an dieser problematischen Situation „halten“ Sie dann hinter die Ihnen vertraute Dar­stellung einer Krippe in das Licht dieses faszinierenden Wan­dels, dass Gott Mensch wird. Nun gönnen Sie sich diese Fra­ge: Ja, Gott wird Mensch, und was mache, was werde ich? Die Antwort auf diese Frage kann einen ganz persönlichen Wandel einläuten!

O.K., nun ein Schnitt, derselbe Blick hinter die Krippe, wohl aber mit anderen Akteuren:

Bischöfe und Laien stehen gemeinsam 2019 vor der Krippe. Sie sehen Maria, Josef und natürlich das Kind. Sowohl vor den Bischöfen mit ihrer Entscheidungsgewalt als auch vor den Laien mit ihrer Beratungskompetenz wird Gott Kind. Die, die beraten und die, die entscheiden, verbindet ein gemein­sames Interesse, die Sorge um die Zukunft unserer Kirche. Sie nehmen Platz miteinander, hören solange auf die Ein­stellungen und Argumente des Gegenübers, bis sie diese in eigenen Worten formulieren können, ohne allerdings deren Meinungen teilen zu müssen. In einem wachsenden „Wir“ sind sie auf dem Weg, Lagerbildung wie „die da“ und Aus­grenzungen hinter sich zu lassen. Sie beginnen ein neues  „Findungsformat“ zu schaffen, sind also selber Synodaler Weg, und bringen so gemeinsam ein neues Verb zur Welt: bescheiden. Dieses neue Verb „bescheiden“ setzt sich zu­sammen aus dem „be“ derer, die bisher beraten haben, und dem „scheiden“ derer, die bisher entschieden haben.

In diesem neuen Verb „bescheiden“ klingen an: Sich be­scheiden gebärden, gemeinsam einen Bescheid geben. So könnte ein verbindender Satz, aus der unfassbar gestalten­den Kraft der Menschwerdung Gottes gebildet, immer wie­der neu auf dem Synodalen Weg in den Mund genommen werden: Wir haben beschieden. Nicht die einen beraten und die anderen entscheiden. Nein, wir haben gemeinsam be­schieden.

                                             

 

Autor: Christoph Stender Geistlicher Rektor im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)|

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