Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Die Stunde der Gesellschaft

Editorial

Lassen Sie uns über Freiheiten sprechen. Das Bundesverfassungsgericht hat im Februar einen Widerspruch zwischen dem Verbot geschäftsmäßiger Suizidbeihilfe (§ 217 StGB) und dem Grundgesetz festgestellt. Die möglichen Konsequenzen dieser Entscheidung, auch im Hinblick auf das Verständnis von Selbstbestimmung und Achtung der Menschenwürde, sind massiv. Ich teile die Bewertung von Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse, der in dieser Ausgabe Stellung bezieht. 2015 wurde der Gesetzgebungsprozess von einer breiten gesellschaftlichen Debatte flankiert. Die aktuelle Krise verhindert dies, muss aber schnell ermöglicht werden, um den Lebensschutz in den Mittelpunkt der Überlegungen zu bringen.

Mit dieser Ausgabe der Salzkörner liegt Ihnen unser Debattenbeitrag zur anhaltenden Covid-19-Pandemie vor. Expertinnen und Experten berichten uns aus ihren Maschinenräumen und erläutern, was die Krise für sie und uns bedeutet. Ich danke den Autor*innen für ihre spontane Bereitschaft, mit uns ihre Zwischenerkenntnisse zu teilen. Seit einigen Wochen sehen wir uns einer Einschränkung unserer persönlichen Freiheiten ausgesetzt, wie sie viele von uns nicht kennen. Verfassungsrechtlich ist das kein Ausnahmezustand, gleichsam fühlt es sich angesichts leerer Bundestagsreihen und Straßen so an. Im Ausnahmezustand schlägt die „Stunde der Exekutive“. Derzeit aber schlägt die Stunde der Gesellschaft: Ich erlebe viel Zusammenhalt, Nachbarschaftshilfe, digitale Vernetzung und zunehmend Formen der #DigitalenKirche. Wir sehen auch, dass Populisten mit (zu) einfachen Verlautbarungen nicht durchdringen und seriöse Medien großen Zulauf erfahren. Es ist eine Stunde des Anstands angesichts einer Krise, die uns alle fassungslos macht. Bleiben Sie behütet!

 

 

Autor: Marc Frings, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

zurück zur Übersicht