Salzkörner

Freitag, 27. April 2018

Die wahren Feste sind die religiösen

Warum Deutschland eine neue Feiertagskultur braucht

"Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte; und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, das Gott geschaffen hatte, in dem er es machte." (Genesis 2, Vers 1-4, zitiert nach Elberfelder Studienbibel)

Der heilige Sonntag ist für viele Menschen längst kein heiliger Tag mehr. Für immer mehr Menschen ist der Sonntag ein (fast) normaler Arbeitstag. Und das gilt längst nicht mehr nur für Feuerwehrleute, Krankenhauspersonal, Polizisten und Polizistinnen oder Geistliche. Bäckereien haben – zumindest in Städten – inzwischen üblicherweise geöffnet, und ohne Sonntagsöffnung vor Weihnachten scheint es unmöglich zu sein, die Geschenke für das Fest der Liebe zu besorgen.

Welche Bedeutung der wöchentliche Feiertag hat, wird Jerusalem-Besuchern deutlich: In der Altstadt drängen sich freitagabends Muslime auf dem Weg zur al-Aqşā-Moschee und Juden zum Schabbat an der Westmauer. Von Muslimen betriebene Geschäfte in der Altstadt von Jerusalem schließen frühzeitig, um das Freitagsgebet nicht zu versäumen. Ähnliches gilt für die von Juden unterhaltenen Geschäfte für den Freitagabend und den Samstag. Schabbat ist Schabbat. Und schließlich halten die christlichen Händler ihre Läden in der Altstadt am heiligen Sonntag geschlossen. Christinnen und Christen suchen die Messen und Gottesdienste auf. In der heiligen Stadt der drei Buchreligionen, Judentum, Christentum und Islam, kann nachgespürt werden, welche Bedeutung der siebte Tag, an dem Gott ruhte, für Christen und Juden und welche die im Koran verankerte religiöse Verpflichtung für das Freitagsgebet für Muslime hat. Egal, ob es ein Freitag, ein Samstag oder ein Sonntag ist.

Deutlicher Verlust

Diese Wertschätzung der Feiertage irritiert und berührt den westlichen Besucher. Noch mehr verwundert, welche Bedeutung dem Feiern beispielsweise beim Pessach, Yom Kippur, Ramadan oder auch Ostern in der Heiligen Stadt beigemessen wird. Ramadan, der Fastenmonat der Muslime, in Jerusalem bedeutet auch, dass die Nacht zum Tag gemacht wird. Besonders freitags erhellen Lichterketten die Altstadt und Gebete, Musik und Gespräche bilden eine allgegenwärtige Geräuschkulisse.

Eine solche Feiertagskultur besteht in Deutschland leider nicht. Egal, ob zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten oder einem anderen kirchlichen Feiertag, schnell steht die Frage im Raum, was der Mehrzahl der Gesellschaft die Feiertage überhaupt noch sagen. Wobei das Wort "noch" bereits einen deutlichen Verlust beschreibt. Christliche Feiertage sind für viele Menschen ihres christlichen Gehalts entleert, weil sie wenig Bindung an das Christentum empfinden. So ist Weihnachten das Fest des Weihnachtsmannes, Ostern das des Osterhasen und Pfingsten das der Pfingstausflüge und zusammen mit Himmelfahrt der aus Brückentagen gebildete Kurzurlaub.

Zeit zum Atemholen

In einer historischen Perspektive hatten christliche Feiertage verschiedene Funktionen. In Zeiten, in denen es keine tarifvertraglich gesicherten Urlaubszeiten gab, boten Feiertage Zeit zum Atemholen, zum Erholen. Sie unterbrachen die Arbeitszeit. Und sie strukturierten den oftmals eher monotonen Alltag gerade der auf dem Land lebenden Menschen in den letzten Jahrhunderten. Sie schafften Höhepunkte und stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl, man traf sich in der Kirche zur Christmette, zur Osternachtfeier. Christliche Feiertage nahmen zugleich vorchristliche Traditionen auf und leisteten damit auch erfolgreich einen Beitrag zur Christianisierung.

Und heute? Ist für viele Menschen nur noch die Urlaubsfunktion von christlichen Feiertagen geblieben? Und entsteht vielleicht aus dem eigenen Verlust der religiösen Rückbindung an christliche Feiertage die Abwehr gegenüber nicht-christlichen, zum Beispiel muslimischen Feiertagen?

Heftige Diskussion

In Deutschland gehörten im Jahr 2016 zwischen 34 und 36 Prozent keiner Religionsgemeinschaft an, 28 Prozent gehörten der römisch-katholischen Kirche und 26 Prozent einer der Gliedkirchen der EKD an. 0,1 Prozent sind Mitglieder einer dem Zentralrat der Juden angehörenden Jüdischen Gemeinde. Hinzu kommen freikirchliche Gemeinschaften, die nicht der EKD angehören, Mitglieder der orthodoxen Kirchen, Alawiten, Hindus, Buddhisten und andere mehr. Die Zahl der Muslime in Deutschland kann nur geschätzt werden. Die Bundesregierung geht von 4,4 bis 4,7 Millionen Muslimen aus, das wären knapp 6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die deutliche Mehrzahl der Bevölkerung gehört also einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Von einer Übernahme der Vorherrschaft anderer Religionsgemeinschaften, speziell des Islams, kann also nicht die Rede sein. Und nur ein Drittel der Bevölkerung gehört überhaupt keiner Religionsgemeinschaft an. Wobei innerhalb Deutschlands in Ostdeutschland der Anteil derjenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, deutlich höher ist als in Westdeutschland.

Im vergangenen Jahr wurde, ausgelöst von einem Vorschlag des damaligen Innenministers Thomas de Maizière, eine heftige Diskussion darüber geführt, wie Feiertage nicht-christlicher Religionen gefeiert werden und in den Feiertagskalender aufgenommen werden könnten. Dieser Vorschlag rief teilweise Proteste hervor, befürchteten doch einige eine Islamisierung der Gesellschaft durch einen (!) islamischen Feiertag im Jahr.

Religiöser Gehalt

Ich bin der festen Überzeugung, dass weder die deutsche Gesellschaft insgesamt noch die 46 Millionen Christen in Deutschland Sorge vor religiösen Feiertagen anderer Religionsgemeinschaften zu haben brauchen. Die Einführung zum Beispiel eines muslimischen Feiertags könnte zum einen den religiösen Charakter des Islams hervorheben. Muslime wären in der Verantwortung, den Sinn dieses Feiertags zu erläutern und könnten dazu einladen, gemeinsam mit ihnen den Feiertag zu begehen. Einige muslimische Gemeinschaften machen dies bereits sehr erfolgreich zum Fastenbrechen.

Die Einführung eines solchen Feiertags könnte darüber hinaus Christen ermuntern, dem religiösen Gehalt ihrer Feiertage nachzuspüren, sie zu erläutern und entsprechend zu begehen. Offene Türen der Kirchen an diesen Feiertagen inklusive. Eine solche Sinnerfüllung von Feiertagen könnte auch dabei helfen, gemeinsam Diskussionen entgegenzutreten, warum am Karfreitag und Totensonntag bestimmte Vergnügungen nicht zulässig sind. Christinnen und Christen könnten also im übertragenen Sinne von der Feiertagskultur anderer Religionsgemeinschaften profitieren und ihre eigene Feiertagskultur revitalisieren.

"Die wahren Feste sind die religiösen", sagte der französische Moralist Joseph Joubert Ende des 18. Jahrhunderts. Das stimmt auch im 21. Jahrhundert.

 

 

 

 

Autor: Olaf Zimmermann Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

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