Salzkörner

Donnerstag, 27. Juni 2019

Does it spark joy? Zwischen Komplexitätszumutungen und Einfachheitsbedürfnissen

Die Salzburger Hochschulwochen 2019

Does it spark joy? Es ist diese sehr simple Frage, mit der Marie Kondo versucht, Ordnung in die Dinge zu bringen. Die 34-jährige Bestsellerautorin aus Japan ist das, was man gemeinhin Lebensberaterin nennt. Sie verspricht Hilfe, wenn es darum geht, das Chaos in den eigenen vier Wänden zu beseitigen. Aber natürlich geht es dabei um mehr als schnöde Putz- und Aufräumdienste: Wer sie bucht, will Ordnung nicht nur in seine Wohnung, sondern vor allem in sein Leben bringen. Das führt nicht nur zu millionenfach verkauften Büchern, sondern 2019 auch zu einer eigenen Serie auf Netflix: Aufräumen mit Marie Kondo. Kondos Schlüssel für gelingendes Ordnen und Aufräumen ist die simple Frage des Eingangs: Macht es mir Freude? Tut es das, kann der Gegenstand in der Wohnung und damit im eigenen Leben bleiben – tut er es nicht, soll man sich nicht länger damit belasten und ihn wegwerfen.

An dieses Vorgehen lassen sich mehr als nur zwei Fragen stellen, von Interesse scheint aber vor allem die größere geistesgeschichtliche Konstellation, in der Kondo ihre Verheißung geordneten Lebens setzt: In einer Welt, die zunehmend als unglaublich komplex, chaotisch und nicht steuerbar erlebt wird, setzt sie bewusst auf das Versprechen, zumindest in die kleine Welt der eigenen vier Wände Ordnung bringen zu können – und zwar durch Reduktion. Wie in einer Nussschale greifen hier zwei Bewegungen ineinander, die Signaturen unserer Gegenwart bilden: die Komplexität der Welt und unsere Sehnsucht nach Einfachheit.

Algorithmen, Populismen und der Exorzismus der Ambivalenz

Beide Bewegungen schreiben sich in Biographien ein, beide gehen aber weit darüber hinaus: Es ist kein Zufall, dass Technologiekonzerne aktuell forciert auf künstliche Intelligenz und deep learning setzen – damit ist für AnwenderInnen wesentlich ein Versprechen der Komplexitätsreduktion verbunden. Auch populistische Bewegungen bespielen die Schnittstelle von komplexen Problemlagen und Einfachheitsbedürfnissen. Ihr Paradigma ist nicht das Verstehen, sondern der Wille, ist nicht der selbstlernende Algorithmus, sondern die Fiktion von Souveränität: Wenn man nur entschlossen genug draufhaut, so suggeriert der politische Grundgestus des Populismus, lässt sich der gordische Knoten der Weltprobleme schon lösen – oder das Ei des Kolumbus zum Stehen bringen. Dass die Spannung von Komplexität und Einfachheit auch religiös hochgradig virulent ist, erklärt sich beinahe von selbst: Fundamentalistische Spielarten von Religion wollen nicht nur der Welt, sondern auch heiligen Texten ihre Ambivalenzen austreiben – aber sie tun es um den Preis, weder den Texten noch den Menschen gerecht zu werden.

Es ließe sich noch eine Reihe ähnlicher Phänomene aufzählen, die sich jeweils von der beschriebenen Grundspannung her deuten lassen: dem Zueinander von Komplexität und Einfachheit, das unsere Leben und Gesellschaften durchmustert. Wer als Christin und Christ in kritischer Zeitgenossenschaft leben will, kann den damit verbundenen Spannungen nicht ausweichen. Sie sind ein Zeichen der Zeit, das den eigenen Glauben denkerisch herausfordert. Genau dieser Herausforderung stellen sich in diesem Jahr die Salzburger Hochschulwochen.

Die großen Fragen im Salzburger Sommer

Die Veranstaltung, die jedes Jahr während der Festspiele mitten in der Salzburger Altstadt stattfindet, gilt als eine traditionsreichsten Sommeruniversitäten Europas. Es ist durchaus eine bewegte Tradition, wie bereits ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt: Als Gründung der Benediktiner des gesamten deutschen Sprachraumes finden sie 1931 erstmals statt, mit dem Anspruch, eine universitas catholica in nuce zu sein. Zwar wird die Veranstaltung 1938 wegen „staatsfeindlicher Tätigkeit“ von den Nationalsozialisten verboten, aber schon 1945 findet ein Neustart statt. Vom II. Vatikanum inspiriert werden die Hochschulwochen als Forum entwickelt, auf dem die Theologie gemeinsam mit allen anderen Wissenschaften grundsätzliche wie aktuelle Fragen aufgreift. Über die Jahrzehnte profilieren sie sich so – mit ReferentInnen wie Karl Rahner, Joseph Ratzinger, Hans-Georg Gadamer, Hans Urs von Balthasar, Ruth Klüger, August Everding, Gesine Schwan u. v. a. m. – als Ort offener, intellektueller, fragender Katholizität.

Heute sind die Hochschulwochen eine Veranstaltung der Katholisch-Theologischen Fakultät Salzburg und in die hiesige Universität integriert. Die traditionsreichen Verbindungen, auch nach Deutschland, bestehen freilich weiterhin: Nach wie vor sind die Salzburger Äbtekonferenz der Benediktiner, das Katholische Hochschulwerk Salzburg, die Görres-Gesellschaft, die Katholischen Akademikerverbände Deutschlands und Österreichs sowie das Forum Hochschule und Kirche der Deutschen Bischofskonferenz an der Organisation beteiligt. Die Akteure eint das Anliegen, dass der Glaube Räume braucht, um unaufgeregt die großen Fragen zu stellen und nicht denkerisch zu verkümmern – und die Erfahrung, dass die Salzburger Hochschulwochen ein solcher Raum sind.

Intellektuelle, geistliche und kulturelle Sommerfrische

In diesem Jahr widmet sich diese smarte Sommerfrische vom 29. Juli bis zum 4. August dem eingangs beschriebenen Zueinander der Komplexität der Welt und der Sehnsucht nach Einfachheit. Sie tut es mit einem Mix frischer Formate und hochkarätiger ReferentInnen. So wird etwa der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet den theologischen Eröffnungsvortrag halten, die Medienwissenschaftlerin Claudia Nothelle über die mediale Verarbeitung von Komplexität referieren oder der Münsteraner Arabist Thomas Bauer über die Suche nach Eindeutigkeit sprechen – viele andere ließen sich noch nennen. Für junge TeilnehmerInnen werden eigene Workshops angeboten, daneben gibt es einen Wettbewerb für Wissenschaftskommunikation, Diskussionsformate, eine Lesung des Schriftstellers Patrick Roth u. v. a. Der viel beachtete Preis für ein Lebenswerk wird in diesem Jahr an Karl-Josef Kuschel verliehen.

Hinzu kommt ein geistliches und kulturelles Rahmenprogramm: Der Mainzer Bischof Kohlgraf wird den Eröffnungsgottesdienst zelebrieren, Max Cappabianca OP im Lauf der Woche Prediger der Hochschulwoche sein. Ein kulturelles Highlight bildet fraglos wieder das Sommerfest im Garten des erzbischöflichen Hauses, zu dem der Erzbischof von Salzburg, Franz Lackner OFM, traditionell lädt. Den festlichen Abschluss bildet am 4. August ein Gottesdienst im Salzburger Dom, bei dem der Bischof der Diözese Bozen-Brixen, Ivo Muser, predigt. Beim anschließenden Festakt spricht der scheidende Rektor der Universität Salzburg, der Philosoph und Theologe Heinrich Schmidinger, über „Humanismus in Zeiten wie diesen“.

Komplexitätszumutungen und Einfachheitsbedürfnisse

Das detaillierte Programm findet sich auf www.salzburger-hochschulwochen.at – es greift in vielen Aspekten auf, was eingangs als Problem skizziert wurde: dass wir in vielen Bereichen unseres (Zusammen-)Lebens Fragen nicht ausweichen können, die sich aus der Komplexität der Welt und der Sehnsucht nach Einfachheit ergeben. Welche Bildung brauchen wir für unsere Kinder und eine Zukunft, in der Komplexität weiter zunehmen wird? Wie lässt sich rational mit Uneindeutigkeit und Nicht-Kontrollierbarkeit umgehen, mit dem, was sich der Reduktion auf simple Lösungen sperrt? Wie können unsere Gesellschaften immun gegen die Versuchung einfacher Antworten werden? Aber auch: Welche Form von Vereinfachung braucht es, wo ist Reduktion ein Gebot der Stunde?

Does it spark joy? Es mag sein, dass Marie Kondos Frage im privaten Bereich mitunter helfen kann, um ein wenig Überblick in unübersichtlichen Lebenslagen zu gewinnen. Aber es ist offensichtlich, dass sehr viel mehr Fragen zu stellen sind, wenn wir Komplexitätszumutungen und Einfachheitsbedürfnisse umfassend verstehen und produktiv verarbeiten wollen: denkerisch, existentiell, glaubend. Diese Fragen finden bei den Hochschulwochen einen Raum, um sie angeregt, aber mit der Leichtigkeit des Sommers zu diskutieren. Ganz im Sinn einer smarten Sommerfrische.

 

 

 

Autor: Dr. Martin Dürnberger Assoz. Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, seit September 2015 Leiter der Salzburger Hochschulwochen

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