Salzkörner

Freitag, 27. April 2018

Ehrenamtliche

Die BaumeisterInnen der Demokratie

"Ach, du machst das ehrenamtlich?!" – Manchmal sind Menschen im Gespräch verwundert, dass ich mein Amt als Bundesvorsitzende des BDKJ ehrenamtlich ausübe. Für mich ist das selbstverständlich. Ich bringe mich gerne in Politik, Kirche und Gesellschaft ein und ich weiß, dass ich mit meinem Engagement nicht alleine bin und wir gemeinsam viel bewegen können – sei es in unserem Alltag oder bei Aktionen wie der bundesweiten 72-Stunden-Aktion. Nicht nur in den Jugendverbänden wird die maßgebliche Arbeit von Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern geplant, koordiniert und umgesetzt.

Nach der Zeitverwendungsstudie von 2012 investieren ehrenamtlich Tätige rund 3.300 Millionen Stunden für ihr Engagement. Nach dem Freiwilligensurvey von 2014 geht man davon aus, dass sich 44 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig engagieren, das entspricht einer Zahl von 31 Millionen Menschen! Diese Zahlen sind jedoch abhängig von bestimmten engen Parametern, an denen freiwilliges Engagement gemessen wird. Sieht man freiwilliges Engagement als weit gefassten Begriff, engagieren sich mehr als zwei Drittel der Gesellschaft freiwillig. Diese Zahlen machen deutlich, dass ehrenamtliches Engagement eine wesentliche Säule unserer Gesellschaft darstellt und sie in entscheidender Weise prägt.

Eine starke Zivilgesellschaft zeichnet sich durch ein besonders hohes Maß an ehrenamtlichem bzw. bürgerschaftlichem Engagement aus und fördert nicht nur den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft, sondern ist gleichzeitig Lern- und Erfahrungsfeld für jede und jeden Einzelnen. Gerade in Jugendverbänden, die "Werkstätten der Demokratie" sind, lernen Kinder von klein auf Partizipation und Demokratie. Auch der gegenseitige respektvolle Umgang miteinander, der in Gruppenstunden gelebt wird, trägt maßgeblich zur Entwicklung junger Menschen bei. Ganz selbstverständlich und fast nebenbei werden Toleranz erlernt und die Unterschiedlichkeiten der einzelnen Persönlichkeiten akzeptiert.

Beitrag zur Extremismusprävention

Junge Menschen werden so zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern. Die in den verbandlichen Strukturen und Räumen erprobten Fähigkeiten können sie in unserer demokratischen Gesellschaft anwenden und weiterentwickeln. Sie gestalten unsere Demokratie aktiv mit. Wir beobachten immer wieder, dass junge Menschen, die in den Jugendverbänden Verantwortung getragen haben, auch nach dieser Zeit ehrenamtlich engagiert sind.

Durch das Erlernen von Toleranz und den Umgang mit Vielfältigkeit trägt ehrenamtliches Engagement in den Jugendverbänden auch zur Extremismusprävention bei. Aber dies ist nicht das Hauptaugenmerk der jugendverbandlichen Arbeit, sondern vielmehr eine ganzheitliche Bildung, die über die formale Bildung in Schule, Ausbildung und Studium hinausgeht. Gerade im Bereich des ehrenamtlichen Engagements lassen sich Fähigkeiten ausbilden, die von wesentlicher Bedeutung für das Individuum sind, aber in institutionellen Bildungseinrichtungen keinen Platz finden. Dies gilt jedoch nicht nur für die Jugendverbandsarbeit insbesondere, sondern auch darüber hinaus für die Arbeit von Erwachsenen in vielen Verbänden und Organisationen. "Vieles, was ich kann, habe ich im Verband gelernt" – diese Aussage treffen viele, die sich engagiert haben. Vielleicht waren sie mit ihrem Organisationstalent genau richtig bei der Planung des Ferienlagers oder sie haben ein gutes Gespür dafür entwickelt, wie Gruppen angeleitet und geleitet werden können. Verbände sind Wirk- und Lernorte.

Beitrag zur politischen Bildung

Nicht nur im (jugend-)verbandlichen Alltag werden viele Kompetenzen erlernt, sondern es besteht auch darüber hinaus die Möglichkeit, in Kursangeboten die eigenen Kompetenzen zu stärken. So ist es möglich, die unterschiedlichen Interessen zu fördern und Bildungsmöglichkeiten über den formalen Bereich hinaus zu bieten. Dabei ist nicht nur politische Bildung vorgesehen, sondern beispielsweise auch interkulturelle Bildung im Rahmen von Austauschprogrammen oder Begegnungsreisen, wodurch der persönliche Horizont ebenfalls erweitert wird.

Es werden dadurch Erfahrungsräume eröffnet, die in dieser Form innerhalb von Schule, Ausbildung oder Studium nicht möglich wären. Dazu zählt auch die Auseinandersetzung mit "fachfremden" Themen, die nicht im schulischen oder beruflichen Schwerpunkt liegen, aber in den persönlichen Interessenbereich fallen.

Des Weiteren wird in der Jugendverbandsarbeit der Grundstein gelegt und Räume eröffnet, über Bildungsdifferenzen im formalen Bereich oder Milieus hinweg Freundschaften zu schließen und miteinander in Kontakt zu kommen. Auf diese Weise ergeben sich ganz neue Perspektiven für das Zusammenleben und das Lernen voneinander und es zeigt sich, dass das Wesentliche nicht in formalen Bildungsniveaus gemessen werden kann. So wird neben Empathie für die Belange und Bedürfnisse "Anderer" das solidarische Miteinander untereinander gefördert.

Demokratische Prozesse

Politische Bildung ist also nicht in erster Linie das Erlernen von Theorien über politische Systeme oder Prozesse, sondern die Verinnerlichung dessen im alltäglichen Leben. Dafür braucht es ebenso gewisse Voraussetzungen, auf denen man aufbauen kann, sie werden jedoch nicht im Frontalunterricht gelehrt. Vielmehr werden sie durch wiederkehrende Abläufe des gemeinsamen Arbeitens und Zusammenlebens erlernt.

In der (Jugend-)Verbandsarbeit wird im Kleinen deutlich, wie wichtig demokratische Prozesse sind und wie man auf unterschiedlichen Ebenen mitgestalten kann. Beispiele für demokratische Prinzipien in den Verbänden gibt es viele: Etwa wenn ein Amt demokratisch besetzt wird oder bei Versammlungen um den richtigen Beschlusstext gerungen wird. So können alle Menschen durch ehrenamtliches Engagement im Großen und Kleinen mitgestalten, verändern und selbst an diesen Erfahrungen wachsen.

Anerkennungskultur aufbauen

Um die Menschen als mündige Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, müssen allerdings auch tragfähige Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen dies möglich ist. So müssen Freiräume in Schule, Ausbildung und Studium möglich und garantiert sein, um sich ehrenamtlich zu engagieren – dazu zählen z. B. verbindliche Freistellungsregelungen oder eine klare zeitliche Begrenzung der schulischen Aufgaben für Schülerinnen und Schüler auf maximal 35 Stunden pro Woche. Darüber hinaus muss es eine Anerkennungskultur des ehrenamtlichen Engagements geben, die den unschätzbaren Wert der ehrenamtlichen Arbeit deutlich macht – z. B. durch die Anerkennung außeruniversitären Engagements von Studierenden.

Zum anderen braucht es aber auch stärkere Formen der Partizipation im politischen System. Dazu zählt auch die Absenkung des Wahlalters, da die Gestaltung der zukünftigen Politik gerade Kinder und Jugendliche betrifft. Bereits in vielen Projekten und im jugendverbandlichen Alltag zeigt sich die große Kompetenz von Kindern und Jugendlichen mitzugestalten und ihr sensibles Gespür für Ungerechtigkeit, welche sie zu lösen bedacht sind.

Rahmenbedingungen schaffen

Nicht immer engagieren sich Menschen langfristig und dauerhaft für eine Sache. Oft steigt die Bereitschaft für eine Mitarbeit, wenn es sich um ein konkretes Projekt handelt, mit dem sie sich persönlich identifizieren können. Auch diese eher kürzeren Engagementzeiten sind wichtig, weil auch dieses Engagement zur persönlichen wie gesellschaftlichen Bereicherung beiträgt, und manchmal wächst daraus auch die Lust auf eine längerfristige Aufgabe.

Insgesamt zeigt sich, dass ehrenamtliches Engagement sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum in entscheidender Weise prägt. Es ermöglicht zum einen Spielraum und Optionen für die Entfaltung der Persönlichkeit des Individuums und zeigt zum anderen vielfältige Möglichkeiten zur Gestaltung einer zukunftsfähigen und solidarischen Gesellschaft auf. Des Weiteren wäre unsere Zivilgesellschaft um vieles ärmer und unsolidarischer, wenn nicht ein beträchtlicher Anteil von ehrenamtlich Tätigen gestaltet und geleistet würde. In diesem Sinne müssen wir weiter daran arbeiten, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und die vielen ehrenamtlich Tätigen in ihrer Arbeit wahr- und ernstzunehmen. Nur so werden wir auch in Zukunft Gesellschaft gestalten und die Früchte der Arbeit ernten können, die durch das viele ehrenamtliche Engagement geleistet wird.

 

 

 

 

 

Autor: Katharina Norpoth Bundesvorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

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