Salzkörner

Freitag, 15. November 2019

Ein positives Beispiel unter vielen

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Klimaschutz

Die Zeit drängt. Der Handlungsdruck steigt. Die Einsicht für die Dringlichkeit des Klimaschutzes kommt allmählich in der Bevölkerung an. Das ist am Wählerverhalten abzulesen, ebenso an Kampagnen wie „Fridays for future“. Greta Thunbergs Initiative hätte nicht die weltweite Resonanz gefunden, wenn die Sorge um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen nicht bereits breitere Schichten der Bevölkerung erfasst hätte. Die politisch Verantwortlichen reagieren. Der Koalitionsausschuss einigte sich auf ein Klimaschutzpaket, die UNO ließ sich von Greta Thunberg die Leviten lesen.

Und die Kirchen? Was tun die Kirchen? Manche werfen ihnen vor, sie würden nur reden. Erklärungen gibt es tatsächlich viele. Bereits 1985 wenden sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz in dieser wichtigen Frage mit einer gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit. Seither haben sich die Deutsche Bischofskonferenz und das ZdK, aber auch einzelne Diözesen und katholischen Verbände immer wieder intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, teilweise mit konkreten Positionierungen und Empfehlungen. Eine herausragende weltweite Resonanz hat die Enzyklika Laudato si‘ erhalten, die Papst Franziskus in Zusammenarbeit mit namhaften Wissenschaftlern erstellte und 2015 veröffentlichte. Wie kaum ein anderer verdeutlicht Papst Franziskus den inneren Zusammenhang zwischen Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung und damit den Zusammenhang zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem.

Nehmen sich die Kirchen auch selbst in die Pflicht? Ja, und dies nicht nur durch öffentlich erklärte Selbstverpflichtung, sondern auch durch konkretes Tun. Natürlich gibt es auch Ungleichzeitigkeiten. Es braucht noch ein gerüttelt Maß an Bewusstseinsbildung auf allen Ebenen. Vieles wurde jedoch auf den Weg gebracht, in erfreulichem Maß – auch in lokaler oder übergreifender ökumenischer Zusammenarbeit. Die Umweltbeauftragten der Kirchen arbeiten mehr und mehr zusammen. Eine gemeinsame Plattform zur Darstellung der Konzeptionen, Initiativen und Maßnahmen gibt es jedoch nicht. Es ist daher kaum möglich, auch nur annähernd einen angemessenen Überblick zu geben. Stellvertretend und exemplarisch möchte ich daher kurz umschreiben, wie wir uns in der Diözese Rottenburg-Stuttgart den Herausforderungen stellen.

Verhaltensmotivation und politische Positionierung

Bereits 2002 setze Bischof Gebhard Fürst ein deutliches Signal, als er auf seinem Bischofshaus medienwirksam eine Solaranlage installieren ließ. Inzwischen setzte er ein weiteres Zeichen durch die Anlage eines biodiversen Gartens. 2007 startete die Diözese Rottenburg-Stuttgart eine zunächst auf zehn Jahre angelegte Klimainitiative. Ihr Ziel war es, vorhandene Ansätze zu bündeln, weiterzuentwickeln und systematisch um zusätzliche Maßnahmen zu erweitern. Inzwischen wurde die Klimainitiative zu einer umfassenden, alle Praxisfelder einbeziehenden Nachhaltigkeitsinitiative ausgeweitet. Dabei ging es von Anfang an um nachhaltige Gebäudeentwicklung und Gebäudemanagement, um den Einsatz und Zubau regenerativer Energien, um die Entwicklung von Systemen für differenzierte und kontinuierliche Energiedatenerfassung, um nachhaltige Beschaffung, um Mobilitätskonzepte, um Flächenbewirtschaftung, Biodiversität und Öko-Zertifizierung. Die Kirchengemeinden werden in Energie- und Umweltmanagement beraten und unterstützt. Und natürlich geht es um Verhaltensmotivation und politische Positionierung.

Mit der Ausweitung der Klimainitiative zur umfassenden Nachhaltigkeitsinitiative gab sich die Diözese verbindliche Nachhaltigkeitsleitlinien. Diese umfassen neben den genannten Bereichen auch Verkündigung und Liturgie, Bildungswesen und Pastoral, ebenso nachhaltige Finanzen. Im Jahr 2017 konnte ein Klimaschutzkonzept fertiggestellt werden. Es bietet der Diözese eine verlässliche Datenbasis für die Ermittlung der derzeitigen Verbräuche und CO2-Emissionen und ist Grundlage für eine konkrete, überprüfbare Zielformulierung. Die Diözese hat sich zum Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen in ihrem Bereich bis zum Jahr 2050 um 85 Prozent zu reduzieren. Bis zum Ende des Jahres 2020 sollen die CO2-Emissionen um 15 Prozent zurückgeführt werden, bis 2025 wird eine Reduktion um 25 Prozent angestrebt. Diese Reduktionsziele sind sehr ambitioniert, entsprechen aber weitgehend den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens und gelten damit für die gesamte Gesellschaft. Zur Umsetzung des Klimaschutzkonzepts wurden mit Zuschüssen des Bundes zwei Klimaschutzmanager angestellt.

Senkung des Energieverbrauchs

Der größte Hebel zur Senkung des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen in unserer Diözese liegt im Gebäudebereich. So zeigt z. B. die CO2-Gesamtbilanz 2015, dass rund 80 Prozent der CO2-Emissionen von den kirchlichen Gebäuden ausgehen. Das sind etwa 72.000 Tonnen CO2-Ausstoß jährlich. Davon wiederum entfallen über 75 Prozent – ca. 54.500 Tonnen – auf den Bereich Gebäudebeheizung. Also liegt die größte Hebelwirkung in diesem Bereich: durch die Reduzierung des Verbrauchs, durch den Einsatz emissionsarmer Heiztechnologien, durch Bewusstseinsbildung.

Im Jahr 2007 wurde vom Diözesanrat ein Nachhaltigkeitsfonds eingerichtet und mit zunächst 12,4 Millionen Euro ausgestattet. Er fördert mit der Hälfte der eingesetzten Mittel Investitionen in Energieeffizienz und Klimaschutz im Bereich der Kirchengemeinden, mit der anderen Hälfte Investitionen im unmittelbaren Verantwortungsbereich der Diözese. Ein kleiner Anteil ist für Bewusstseinsbildung vorgesehen. Zwischenzeitlich wurden die Mittel des Nachhaltigkeitsfonds für Kirchengemeinden mehrfach vom Diözesanrat aufgestockt. Zum 31. Dezember 2017 ergab sich ein Gesamtzufluss zum Nachhaltigkeitsfonds in Höhe von 20.828.239,60 Euro. Von diesen Mitteln wurden bis zum 31. Dezember 2017 16.196.910,00 Euro als Zuweisungen entsprechend den Richtlinien für den Nachhaltigkeitsfonds bewilligt. Aus den Mitteln zur Umsetzung des Klimaschutzkonzepts wurde der Nachhaltigkeitsfonds der Kirchengemeinden mit zehn Millionen Euro und der Nachhaltigkeitsfonds für diözesane Gebäude mit zwei Millionen Euro zur energetischen Ertüchtigung von Gebäuden aufgestockt.

Franziskuspreis

Zum Zweck der Verhaltensmotivation und Bewusstseinsbildung stiftete Bischof Gebhard Fürst den Franziskuspreis der Diözese. Dieser zeichnet Nachhaltigkeitsinitiativen von Kirchengemeinden sowie kirchlichen Einrichtungen und Verbänden aus, macht sie öffentlich bekannt und lädt zur Nachahmung ein. Der Preis wurde von Bischof Fürst in den Jahren 2008, 2010, 2012, 2014 und 2017 verliehen. Schirmherr ist neben dem Bischof Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Den Vorsitz der hochkarätig und fachkompetenten externen Jury nimmt seit Jahren Umweltminister Franz Untersteller wahr. Die nächste Preisverleihung ist für das Jahr 2020 geplant.

Im Sinne gemeinsamer, aber differenzierter Verantwortung engagiert sich die Diözese Rottenburg-Stuttgart schon seit Beginn der Klimainitiative vor zehn Jahren verstärkt um den Klimaschutz weltweit. In den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas fördert sie Projekte von Schwesterkirchen, die Energieautonomie durch die Einführung und Nutzung von erneuerbaren Energien erzielen wollen. Seit Start der Klimainitiative wurden dafür Mittel in Höhe von über zwei Millionen Euro bewilligt.

Ökumenisch für Klimagerechtigkeit

Im Jahr 2008 gründeten die evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg, die Erzdiözese Freiburg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart die KSE, eine Energieeinkaufsgesellschaft. Diese versorgt Kirchengemeinden mit Erdgas. Inzwischen bietet sie auch Strom an, ausschließlich Ökostrom aus einem österreichischen Donau-Kraftwerk. Im Gefolge der Weltklimakonferenz in Paris schlossen sich die vier Kirchen Baden-Württembergs 2017 zu einem „Bündnis für Klimagerechtigkeit“ zusammen. Im Rahmen des Bündnisses unterrichten sich die vier Kirchen über die Fortschritte auf dem Weg zur Erreichung ihrer Klimaziele und vereinbaren übergreifende Projekte.

Vergleichbare Konzepte, Initiativen und Maßnahmen wie die hier dargestellten finden sich auch in anderen Kirchen in Deutschland. Hier ging es exemplarisch und stellvertretend um eine Darstellung der Bemühungen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Zeit drängt. Der Druck steigt. Auch für die Kirchen.

 

 

Autor: Dr. Joachim Drumm Ordinariatsrat und Leiter der Hauptabteilung XI - "Kirche und Gesellschaft" der Diözese Rottenburg-Stuttgart

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