Salzkörner

Donnerstag, 17. Juni 2021

Eine Lerngeschichte

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland und der 3. Ökumenische Kirchentag

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auf den unterschiedlichen Ebenen – national, regional und lokal – versteht sich als Plattform des ökumenischen Austauschs und Miteinanders. Sie ist in ihrer Breite der beteiligten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in Deutschland einzigartig und bietet damit ein großes Netzwerk in die kirchliche Landschaft hinein. Dennoch führt sie ein Schattendasein: Die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen wird nach wie vor oftmals als zusätzliche Beanspruchung gesehen, die die ohnehin schon volle Agenda weiter strapaziert. Hinzu kommt, dass aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in Deutschland doch in weiten Teilen die bilaterale Ökumene zwischen den evangelisch-landeskirchlichen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche im Blick ist. In ähnlicher Weise bildet sich auch die Organisationsstruktur der Ökumenischen Kirchentage (ÖKT) ab – getragen vom Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). So bekam die ACK zu Beginn der Planungen für den 3. ÖKT in Frankfurt durch die Besetzung von drei Personen aus den hierzulande kleinen Kirchen zwar Mitspracherecht im Präsidium, blieb aber zu Beginn überwiegend in einer beobachtenden Rolle verhaftet. Immerhin war sie aber strukturell von vornherein als Forum der multilateralen Ökumene mitgedacht – das war anders als bei den Vorbereitungen zu Berlin 2003 und München 2010. Dennoch blieb der Eindruck einer Unsicherheit, wie die ACK in die nicht immer klaren Strukturen der Vorbereitung und der Umsetzung des ÖKT mit eingebunden werden könnte.

Doch dieser Ökumenische Kirchentag sollte grundsätzlich anders werden als die beiden Vorgänger: Die Corona-Pandemie verlangte, dass ein rein analoges Begegnungsformat durch digitale und dezentrale Angebote ersetzt wurde. Mit der Partizipationsmöglichkeit von Personen aus weiteren ACK-Mitgliedskirchen ist es nicht nur gelungen, die Vorbereitungen von vornherein ökumenisch breiter und internationaler zu gestalten, sondern darüber hinaus neue Netzwerke von Expertinnen und Experten aus anderen kirchlichen Kontexten aufzubauen.

ACK – authentisch, charismatisch, kollegial

Die Abkürzung ACK kann für vieles stehen. Selbstverständlich ist sie zuerst eine Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Im ersten Wort steckt schon das Ziel dieses Zusammenschlusses: Gemeinsam für die Einheit der Kirchen zu arbeiten und dieser Gemeinschaft durch Gebet, Tat und Erklärungen mehr und mehr Ausdruck zu geben. Dass jedoch diese Einheit, um die Jesus kurz vor seinem Tod im hohepriesterlichen Gebet (Joh 17,21) bittet, noch keine Realität ist, wird spätestens im Plural deutlich, der in der Bezeichnung „christliche Kirchen“ steckt. Es liegt also noch viel Arbeit vor uns. In meinem kurzen Gruß zu Beginn des ÖKT habe ich andere Attribute für ACK gefunden: authentisch, charismatisch und kollegial. Diese drei Adjektive beschreiben nicht nur die Arbeit der ACK, sondern im besten Fall auch die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wie dem ZdK und dem DEKT.

a. authentisch

In unseren Kirchen merken wir nicht erst durch die zunehmende Anzahl an Menschen, die gleichgültig oder ablehnend der Kirche gegenüberstehen, wie wichtig Aufrichtigkeit und Authentizität sind. Dazu gehören eine transparente Kommunikation und nicht Wasser zu predigen, dann aber Wein zu trinken. Diese Glaubwürdigkeit ist für die Kirchen in einer pluralen Welt wichtiger und überlebensnotwendiger denn je. Wenn man uns nicht mehr abnimmt, was wir verkünden, dann verraten wir Jesu Auftrag. Das gilt nicht nur im Miteinander mit der Gesellschaft, sondern auch im Miteinander der Kirchen und Institutionen. Spaltungen, Konflikte, Intransparenz und Verrat schaden nicht nur einzelnen Kirchen, sondern dem ökumenischen Miteinander und der Authentizität der Kirchen generell, sie verdunkeln das gemeinsame Zeugnis. Ein ÖKT, der nicht authentisch ist, taugt zu nichts.

b. charismatisch

Im Wort „charismatisch“ findet sich die biblische Aussage nach dem Charisma (vgl. 1 Kor 12), nach dem Charisma eines jeden Einzelnen, aber auch nach der Gesamtheit der durch den Geist Gottes bewirkten Gaben und Befähigungen. Ein Charisma zeigt sich durchaus von sich, oftmals muss es aber auch erkannt, gehoben und gefördert werden. Was vielleicht nach Management-Sprache klingt, wird auch in unseren Kirchen immer entscheidender, damit wir zu Orten werden, an denen Menschen ihre Begabungen zu ihrem Wohl und zum Wohle der Gesamtheit erfüllt leben können. Charismatisch zu sein impliziert aber auch, bescheiden zu werden. Es kann nicht jede und jeder alles. Und wer sich eine solche Allüre anmaßt, der oder die kommt schnell an seine oder ihre Grenzen. Wir sind aufeinander angewiesen – im alltäglichen Leben, aber auch in der Ökumene. Dass sich auch jenseits unserer Netzwerke und kirchlichen Strukturen Charismen und Gaben finden, die der Heilige Geist gesät hat, verlangt von uns, auf eine Entdeckungsreise zu gehen und diese Schätze in den anderen Traditionen zu heben und wertzuschätzen. Erst dann kann die Gesamtheit der von Gottes Geist gesäten Gaben zum Ausdruck kommen und im wahrsten Sinne des Wortes charismatisch die Frohe Botschaft zu den Menschen gebracht werden und in den Kirchen wirken. Als orthodoxer Christ stelle ich dankbar fest, dass dieses Entdecken niemals eine Einbahnstraße ist: So dankbar die ökumenische Community beim 2. ÖKT für die Begegnung mit der Artoklasia war, so aufschlussreich ist für die orthodoxen Christinnen und Christen das Kennenlernen neuer Formate in der Ökumene.

c. kollegial

Kollegial zu sein heißt, dem anderen und der anderen nichts zu unterstellen, sondern zunächst davon auszugehen, dass man in einem Team ist, sich gegenseitig unterstützt und miteinander ein gemeinsames Ziel verfolgt. Kollegial zu sein heißt auch, dem anderen nichts zu neiden, vielmehr sich über die Erfolge zu freuen, miteinander auch zu trauern über Dinge, von denen Abschied genommen werden muss und neue Pläne zu entwickeln, wie trotz der veränderten Umstände das gemeinsame Ziel weiterhin erreicht werden kann. Hinterhältigkeit, Eifersucht oder bewusste Intransparenz, um Dinge vorzuenthalten, sind nicht kollegial und helfen weder bei der Vorbereitung eines großen Projektes wie des ÖKT noch im alltäglichen Miteinander der Kirchen auf ihrem Weg zur sichtbaren Einheit.

Eine Lerngeschichte

Authentisch, charismatisch, kollegial sind drei Begriffe, die nicht nur die Arbeit der ACK beschreiben, sie sind auch zugleich Mahner, immer glaubwürdig, ausdrucksstark und gemeinschaftlich das Wort Gottes zu verkünden. Die Zusammenarbeit der ACK und des ÖKT blieb in den vergangenen Jahren sicherlich auch das eine oder andere Mal hinter diesem Anspruch zurück – von beiden Seiten. Doch die zurückliegende Phase der Vorbereitung des ÖKT hat hoffentlich die eine oder andere Lerngeschichte hervorgebracht und durchaus auf beiden Seiten das Bewusstsein wachsen lassen, dass die Beherzigung der drei Adjektive zu einem größeren Verständnis füreinander, zu einer Erweiterung des Netzwerkes sowie die Hervorbringung von Schätzen anderer Traditionen zu einem authentischen, charismatischen und kollegialen ÖKT geführt hat, bei dem Freud und Leid in den Vorbereitungen und in der konkreten Durchführung geteilt wurden. Ob dies sichtbar bei den verschiedenen Gottesdiensten und digitalen Formaten war oder Auswirkungen auf die Gestaltung der dezentralen Angebote vor Ort hatte oder gar verdeckt hinter den Kulissen geschah – es ist eine Lerngeschichte, die uns als Christinnen und Christen weiter zusammenwachsen und damit zu einer stärkeren Stimme werden lässt. Es ist aber auch eine Lerngeschichte, die Maßstäbe für alle folgenden Großveranstaltungen, ob konfessionell geprägt oder dezidiert ökumenisch ausgerichtet, gesetzt hat. Daher sage ich als Vorsitzender der ACK herzlichen Dank für einen authentischen, charismatischen und kollegialen 3. ÖKT.

 

 

Autor: Erzpriester Radu Constantin Miron Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK)

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