Salzkörner

Donnerstag, 27. Juni 2019

Eine kritischere Sicht auf die Vergangenheit

Umbau und Dekolonisierung des Afrika-Museums in Belgien

Das Royal Museum for Central Africa (RMCA) in Tervuren, Belgien, wurde 1898 von König Leopold II. als Musée du Congo gegründet. Es diente als Kolonial-Museum und Propagandainstrument belgischer Kolonialherrschaft, die bis zur Unabhängigkeit der DR Kongo 1960 währte. Heute ist das RMCA ein Forschungsinstitut des Bundes und wichtigster Bezugspunkt für das Thema Zentralafrika weltweit. Es forscht in fast 20 afrikanischen Ländern human- sowie naturwissenschaftlich und unterstützt im Durchschnitt 130 afrikanische Wissenschaftler jährlich finanziell. Es hat mit 125.000 ethnografischen Objekten, 10 Mio. zoologischen Proben, 4 km historischem Archiv, 300.000 geologischen Mustern sowie 1 Mio. Foto- und Filmaufnahmen die größte Afrika-Sammlung der Welt.

Grundüberlegung

Die Dauerausstellung blieb ab Mitte der 50er-Jahre bis zur vorübergehenden Schließung des Museums Ende 2013 nahezu unverändert. Darum hat die internationale Presse das Museum oft als das letzte Kolonialmuseum der Welt bezeichnet, ungeachtet der Tatsache, dass seine Forschung und die Wechselausstellungen international beachtet wurden. Da der Kongo 1960 unabhängig wurde, sah es dennoch so aus, als spiegele das Museum die Sicht Belgiens auf Afrika in seiner kolonialen Phase. Zudem schafft das historische Gebäude einen sehr starken kolonialen Bezug: Im zentralen Rundbau werden große Statuen gezeigt mit Titeln wie „Belgien bringt Wohl“ oder die Kongolesen in stark erotisierter Form darstellen. An 45 Stellen ist das Monogramm des Königs zu sehen und etliche Galerien führen Zitate von ihm, die Kolonisation als Mission höherer Zivilisation bezeichnen.

Prozess

Um das vormalige Kolonialmuseum zu einem Museum mit direkter Verbindung zum zeitgenössischen Zentralafrika zu transformieren, hat das RMCA im Jahre 2002 ein Umbauprogramm gestartet. In einem ersten Schritt wurde ein Dialog mit den afrikanischen Communities und Repräsentanten der afrikanischen Diaspora in Belgien initiiert. Es wurde als essentiell gesehen, die Ursprungsgemeinschaften der Sammlung eng in die Entwicklung des neuen Museums einzubeziehen.

Um den Perspektivwechsel auszugestalten, hat das Museum eine Reihe von Wechselausstellungen zur Gewissensprüfung und zur Sammlung der nötigen Expertisen organisiert. Bis dahin war der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit in Belgien wenig erforscht oder Gegenstand öffentlicher Debatten. Von 2000 bis 2001 lief Exit Congo, worin die Herkunft der ethnografischen Sammlung sichtbar wurde. 2005 lief The Memory of Congo. The Colonial era, mit der die gewaltsamen, rassistischen und ausbeuterischen Vorgehensweisen herausgestellt wurden. Diese Ausstellung hatte 140.000 Besucher. Viel wichtiger war aber, dass in den Medien über acht Monate lang Diskussionen über die belgische Vergangenheit geführt wurden. 2010 präsentierte die Ausstellung Independence eine Sicht auf die DR Kongo auf der Basis kongolesischer Erzählungen. Ebenso startete das RMCA ein Artists in Residence-Programm für afrikanische Künstler, um mit der Sammlung zu arbeiten und um eine zeitgenössische Sicht darauf zu entwickeln.

Während es das erste Ziel war, die Inhalte des Museums zu erneuern, zeigte sich schnell, dass auch dessen Infrastruktur eine Überholung brauchte und es dem 21. Jahrhundert entsprechender, neuer Räumlichkeiten bedurfte.

Das neue Museum

Ab 2014 wurde das historische Gebäude vollständig renoviert. Im Zuge dessen wurden die historischen Vitrinen abgebaut und eine zentrale Bühnengestaltung installiert. Ein neuer Eingangspavillon wurde errichtet. Dieser ist mit dem historischen Gebäude durch eine unterirdische Galerie verbunden, in der Platz für Wechselausstellungen und eine Aula ist. In jeder Ecke des Museums werden interaktive Formate angeboten. Manche Ausstellungsräume wurden bewusst unverändert zu 1910 erhalten. Für Strecken mit einem besonders starken kolonialen Akzent haben ein Dutzend Künstler aus Zentralafrika Arbeiten angefertigt, um die jeweilige koloniale Aussage zu kontrastieren. Das Afrikanische ist zentral in der gesamten Ausstellung. Das Museum konnte seine Fläche auf fast 11.000 m² verdoppeln und ist komplett barrierefrei.

Die Neueröffnung erfolgte am 9. Dezember 2018. Über 400 meist ausländische Journalisten begleiteten das Ereignis. In den ersten vier Monaten konnten durchschnittlich über 10.000 Besucher pro Woche begrüßt werden. Gut 15 Prozent davon waren afrikanischer Herkunft, was eine große Steigerung zu früher ist. Insgesamt waren die öffentlichen Reaktionen sehr positiv und begeistert.

Manchen Kritikern gehen die Erneuerungen aber nicht weit genug, etwa im Hinblick auf einige Statuen, die heute als rassistisch bewertet gehören. Nun ist das historische Gebäude geschützt und manche Objekte können nicht davon entfernt werden. Indem wir diese aber kontextualisieren, können wir jüngeren Besuchern einen Dialog über alte und neue Sichtweisen eröffnen. Überhaupt hat sich das RMCA sehr deutlich gegen jede Form des Kolonialismus positioniert; es hat das belgische Regime als unmoralisch verurteilt und die Leiden der Afrikaner darunter anerkannt. Das bedeutet nicht, dass wir den individuellen Beitrag vieler Menschen, die mit großem Idealismus nach Zentralafrika aufgebrochen sind, nicht zu würdigen wissen. Es hat aber auch seine besondere Rolle im kolonialen System erkannt, wie es die vermeintliche Überlegenheit der europäischen Kultur gegenüber der afrikanischen gefördert hat.

Ist das Museum nun dekolonisiert?

Wir glauben einen Prozess angestoßen zu haben, der noch andauern muss. Wir konnten eng mit der afrikanischen Diaspora arbeiten, aber nun müssen wir von einem Beratungsprozess in eine Situation der gemeinsamen Entscheidungsfindung kommen. Wir liefern eine kritischere Sicht auf die Vergangenheit, aber wir müssen noch deutlicher die Folgen kolonialer Gewalt und Herrschaft abbilden. Unsere Sammlungen wurden fast nur von weißen Wissenschaftlern studiert, weshalb wir viel mehr Afrikaner einbeziehen müssen. Unsere Forschung muss mit größeren Partnerschaften in Afrika durchgeführt werden. Das Museum muss seine Diversität erhöhen und mehr Menschen afrikanischer Herkunft anstellen. Wie sehen aber auch, dass eine vollständige Dekolonisierung niemals möglich ist, wie wir auch die Geschichte nicht aus dem Gebäude herausbekommen.

Entschädigung

Zeitgleich zur Neueröffnung haben zwei Berater dem französischen Präsidenten Macron einen Bericht zur Notwendigkeit der Rückgabe kulturellen Erbes übergeben; diejenigen Sammlungen, die im Kolonialismus erworben wurden, sollten an ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden. Das RMCA nimmt eine offene und konstruktive Haltung dazu ein. Wir sollten zumindest für einen einfacheren Zugang für afrikanische Museen sorgen. Die Rückgabe einzelner Objekte, besonders nach illegaler Aneignung, sollte natürlich erwogen werden. Die Rückgabe menschlicher Überreste soll erfolgen, wenn berechtigte Ansprüche darauf bestehen. Wir sollten ebenso einen Datenbestand privater und öffentlicher Besitze entwickeln sowie Bildmaterial digitalisieren.

Die meisten Ausstellungsstücke des RMCA allerdings stammen aus dem Kongo, der noch kein Nationalmuseum oder ein Lager dafür hat. Große Anstrengungen werden unternommen, um gemeinschaftlich die Leistungsfähigkeit des Kongo in Fragen des Managements von Sammlungen zu verbessern.

Wir sind vorsichtig mit dem deutschen Begriff „Raubkunst“, als ob alle gen Westen gebrachten Erbstücke Kunstwerke seien. Dabei handelt es sich meist um Alltagsgegenstände mit einem anthropologischen Wert. Weniger als 20 Prozent unserer Sammlungen können als Kunst gelten. Derzeit gibt es in Belgien keinen rechtlichen Rahmen für die Erstattung von Objekten oder menschlichen Überresten. Das kann sich bald ändern, wenn die gesellschaftliche Debatte fortgesetzt wird. Wir werden auch massiv in die Provenienzforschung investieren müssen, um klar feststellen zu können, unter welchen Bedingungen Sammlungen entstanden sind. Diese Debatte wird auch international geführt und bedarf erheblicher Investitionen, um Forderungen zu beantworten. Und natürlich wird es Folgedebatten geben. Die Erstattungsdiskussion ist komplex und zeigt abermals die Bedeutung des kulturellen Erbes sowie die Rolle der Museen zu dessen Schutz.

 

 

Autor: Guido Gryseels Generaldirektor des Royal Museum for Central Africa (RCMA)

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