Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Eine neue Wirtschaft nach der Krise?

Zum Umgang mit der Wirtschaftskrise in Zeiten von Corona

Das neue Coronavirus bringt Schmerz und Leid in die Welt. Auch in Deutschland sind bereits über 67.000 Menschen infiziert, tausende teils schwer erkrankt, mindestens 700 Tote sind zu verzeichnen (Stand 31.3.20). Die Menschen im Land folgen einem richtigen Instinkt, wenn sie ihre Blicke zunächst auf die Betroffenen sowie diejenigen richten, die die Krankheit an vorderster Front bekämpfen: all jene, die im Gesundheitssektor tätig sind und die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die unsere Unterstützung und Anerkennung verdienen. Es ist ein Ausweis von Menschlichkeit, dass es daran in Deutschland heute nicht fehlt.

Außerdem haben die Regierungen in Bund und Ländern beispiellose Maßnahmen ergriffen, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Ausgangssperren sind drastische Mittel, gerade für die Schwächsten unserer Gesellschaft. Aber sie scheinen angezeigt,und die meisten Menschen halten sich an die Vorgaben – aus Verständnis, Respekt und Solidarität. Und viele Menschen nehmen den Stillstand an, als ob unsere Gesellschaft heiß gelaufen ist und nach einer Pause dürstet. Wir in der Kirche haben viele Traditionen, die uns jetzt helfen, diesen Moment zu verspüren – so wie es zum Beispiel Ignatius von Loyola gelehrt hat. Rückbesinnung kann helfen und das Bewußtsein dafür stärken, was wir wirklich brauchen in unserer Gesellschaft. Schon jetzt zeigt die Krise viele solidarische, nachbarschaftliche Ansätze, die ein wertvoller Beitrag für ein neues Miteiander sein können.

In der Wirtschaftskrise verlässt man sich auf Altbekanntes

All das hat große Teile des Wirtschaftslebens zum Erliegen gebracht: Wir erleben einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage bei einem gleichzeitigen Rückgang des Angebots. Dies ist eine explosive Situation, gepaart mit großer Unsicherheit sowie Liquiditätsproblemen. Hunderttausende Menschen verlieren Einkommen. Viele kleine und mittlere Unternehmen wissen nicht, wie sie ihre Mitarbeiter und Lieferanten in diesem Monat bezahlen sollen. Großunternehmen bangen um ihre Zukunftsfähigkeit im rauen Weltmarkt, neuer Protektionismus macht sich breit. Das BMF hat als makroökonomische Grundlage für den Nachtragshaushalt einen realen BIP-Rückgang von Minus 6 % unterstellt. Je nachdem, wie lange die Krise dauert, kann die Wirtschaft noch stärker schrumpfen.

Obwohl die anfänglichen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise denen einer Depression gleichen, besteht die Chance einer schnellen konjunkturellen Erholung, vor allem, weil die Politik jetzt die richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen vornimmt. Das effektivste Instrument dafür ist in der kurzen Frist schlicht die Bekämpfung der Epidemie. Alle anderen Mittel sind wirkungslos, wenn wir das Virus nicht in den Griff bekommen. Erst wenn dieses vorrangige Problem gelöst ist, kann die Wirtschaft wieder in Schwung kommen. Eine staatliche Bereitstellung von Schutzkleidung, die Ausweitung von Tests und die Entwicklung einer frühzeitigen Strategie zur Erhaltung des öffentlichen Lebens unter Auflagen in Zeiten einer Pandemie – all dies sind Maßnahmen, die derzeit getrost auch als Wirtschaftspolitik bezeichnet werden dürfen. Zusätzlich unterstützt eine solche Politik individuelle und solidarische Schutzmaßnahmen.

Während die Regierung bei der Bekämpfung des Virus in der Tat neue Wege beschreitet, setzt sie beim Kampf gegen die Wirtschaftskrise auf Altbekanntes: Kurzarbeitergeld, KfW-Kredite, Steuerstundungen, Rettungsfonds, Konjunkturpakete. Eine zusätzliche Ausweitung des Kurzarbeitergeldes ist sinnvoll und hält die Menschen in den Betrieben. Dies war schon am Ende der Finanzkrise 2010 und der überraschend schnellen Erholung das Geheimnis, warum Deutschland seine Produktion rascher und unmittelbarer wieder anwerfen konnte als andere Länder in Europa. Auch die Bereitstellung von Krediten ist wichtig. Die Regierung sollte jedoch darauf achten, dass die zur Verfügung gestellte Liquidität auch bei kleinen und mittleren Unternehmen und natürlich Selbständigen ankommt. Dabei müssen die Hausbanken mitziehen und einen kleinen Teil des Risikos auf sich nehmen – ein Schritt, der vielen gerade schwerfällt. Aber nur so können Insolvenzen wirksam vermieden werden. Am Ende der Krise sollte die Regierung überlegen, ob ein Teil der Kredite in Transferzahlungen umgewandelt werden kann. Solche Transfers könnten zum Beispiel durch eine höhere Besteuerung von zukünftigen Unternehmensgewinnen finanziert werden.

Gleichzeitig gilt es, den Missbrauch von Rettungsmaßnahmen zu verhindern.
Den Verantwortlichen in der Politik scheint es dagegen zunächst wichtig, dass es das passende Antragsformular schon gibt. Dieser Pragmatismus wirkt wohltuend für eine Verwaltung, die sich darauf einstellen muss, von Anfragen überrollt zu werden. Aber Pragmatismus allein kann nach vorne gerichtetes Denken nicht ersetzen.
Im nächsten Schritt kommt die Zeit der Visionen und des Aufbruchs.   

Haben wir Antworten auf die neuen Fragen?

Die Krise stellt neue Fragen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sicherlich andere als die Finanz- und Schuldenkrisen nach 2008. Damals standen Gier und unsolidarisches Verhalten am Anfang. Sinnbild sind die gefeuerten Investmentbanker mit ihren Pappkartons, aber auch die Menschen, die ihr Erspartes in der Krise verloren.

Die Krise der Finanzwirtschaft begann die Realwirtschaft anzustecken. Um das zu verhindern, versuchte die Politik Dämme zu errichten. Sie rettete Banken, versprach Sparern, ihr Geld sei sicher. Auch die Industrie wollte man schützen: Sie sollte so schnell wie möglich zum Status quo ante zurückgebracht werden. Dank Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld ist das gut gelungen.

Heute ist die Lage anders. Wir hatten eine lange Phase der Hochkonjunktur, die aber mitunter auch zu Selbstzufriedenheit und Sattheit geführt hat. Jetzt gilt es, das Modell Deutschland für eine künftige Zeit neu zu begründen. Deshalb ist es jetzt wichtig, Strategien zu entwickeln, um die Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit mit dem Eindämmen der Corona-Epidemie vereinbar zu machen. Die entscheidenden Fragen lauten also:

Welche Wirtschaft wollen wir für die Zukunft?
Und wie können wir sie erreichen?
Dazu vier Thesen:

1. Die neue Wirtschaft kann nachhaltiger werden.
Der brutale Stopp von globalen Produktions- und Lieferketten durch das Virus gibt den Unternehmen die Chance, ihre technologischen Plattformen neu auszurichten. Behutsamer Wandel weicht dem grundsätzlichen, Entwicklungsstufen werden übersprungen. Ein Beispiel dafür ist die Umstellung der deutschen Stahlindustrie auf grünen Wasserstoff, der zu 100% aus regenerativen Energiequellen gewonnen wird. Ein sehr ehrgeiziges Ziel, das den deutschen Stahl dann zum saubersten der Welt machen würde. Die Krise könnte dazu genutzt werden, diesen Strukturwandel zu beschleunigen. 

2. Digital wird normal.
Millionen deutsche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erleben derzeit ein digitales Erwachen: Home Office, Video-Konferenzen und Arbeiten in der Cloud. Sie entwickeln ein Gespür dafür, wann und wie digitale Tools helfen – und wann das persönliche Gespräch die bessere Option ist. Diese Normalisierung im Umgang mit der neuen Arbeitswelt wird unserer Wirtschaft guttun. Bliebe noch das Problem mit der unzureichenden Infrastruktur: Löcher im Mobilfunknetz, fehlende Glasfaser-Anbindungen, unzureichende IT-Kapazitäten in den Unternehmen. Wenn die Bundesregierung ein Konjunkturprogramm im dreistelligen Milliardenbereich auf die Beine stellt, scheint klar, wohin ein großer Teil der Gelder fließen sollte.

3. Lokale Bindungen werden die Wirtschaft stärken.
Nicht zuletzt der Lebensmittelhandel zeigt uns in diesen Wochen, wie flexibel er ist und wie er den Menschen hilft, dass sie sich keine Sorgen um Lebensmittel machen müssen. Der Handel und auch viele Gastronomen beliefern Menschen, die ihre Wohnungen nicht verlassen können, und leisten damit einen wichtigen Beitrag. Gleichzeitig verstehen die Menschen heute mehr denn je, wie eng sie mit ihren lokalen Unternehmen verbunden sind – mit dem Bäcker, dem Café, dem Fitnessstudio. Das gleiche gilt – auf anderer Ebene – für viele Unternehmen: Sie merken, dass sie auch mit ihren lokalen Geschäftspartnern eng verbunden sind, dass wir mehr Transparenz in den globalen Lieferketten brauchen und Outsourcing nicht alle Probleme lösen kann. Auch hier gilt: Die Krise kann ein Treiber sein, um sich nachhaltiger aufzustellen.

4. Europäische und globale Verantwortung wahrnehmen
Die Bewältigung der Krise kann nicht aussschließlich nationalstaatlich gelingen. Angesichts der engen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verschränkungen gibt es keinen sinnvollen Weg dahinter zurück. Vielmehr wird es darum gehen, die europäische Wirtschaft in fairer und nachhaltiger Weise neuzujustieren. Das bedeutet unter anderem, die Bedürfnisse auch der kleineren und mittleren Volkswirtschaften mit zu berücksichtigen. Die Krise darf nicht zur Erfahrung nationaler Egoismen werden, sondern sollte einer umfassenderen solidarischen Perspektive Raum schaffen. Mit Blick auf den Globalen Süden wird es wichtig sein, diesen nicht weiter abzuhängen. Vielmehr wird es einer Orientierung am Weltgemeinwohl bedürfen. Dies wird die Stärkung multilateraler Zusammenhänge wie zum Beispiel der WTO erfordern.

Neben all dem menschlichen Leid steckt die Hoffnung des wirtschaftlichen Wandels in der Krise. Lassen Sie uns diese Chance gemeinsam nutzen.

Autor: Michael Wedell, Sprecher ZdK-Sachbereich „Wirtschaft und Soziales“; Partner der internationalen Unternehmensberatung Brunswick Group

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