Salzkörner

Montag, 30. April 2007

Eine unverzichtbare Hilfe

Unabhängige psychosoziale Beratung muss Bestanteil der Versorgung sein
Die Durchführung von Pränataldiagnostik ist für die schwangere Frau und ihr persönliches Umfeld – nicht nur, aber besonders nach einem pathologischen Befund – eine enorme psychische Belastung. Eine unabhängige psychosoziale Beratung muss deshalb zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Versorgung werden.

In Nordrhein-Westfalen entstanden 2000 – zunächst unabhängig voneinander – drei Modellprojekte, in denen Frauen im Zusammenhang mit Pränataldiagnostik (PND) psychosoziale Beratung angeboten wurde. Mittlerweile werden diese Modellprojekte nach erfolgreicher Implementierung vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW in der Regelversorgung weitergeführt: In Bonn arbeiten die Abteilung Pränatalmedizin des Zentrums für Geburtshilfe und Frauenheilkunde am Universitätsklinikum mit dem Diakonischen Werk zusammen; in Düsseldorf kooperieren die Schwerpunktpraxis Dres. Kozlowski, Stressig, Körtge-Jung, Hammer, Haug, Siegmann und das Evangelische Krankenhaus mit Frauen beraten/donum vitae NRW und in Essen erfolgt die Zusammenarbeit zwischen dem Universitätsklinikum und der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle der AWO.

Vernetzung und Evaluation

Alle drei Modellstandorte haben einen engen Kontakt zur gegenseitigen Unterstützung geknüpft und sich für eine wissenschaftliche Evaluation zusammengefunden, für die 512 Frauen rekrutiert werden konnten. Die Studie wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2003 bis 2005 gefördert und unter der Leitung der beiden Autorinnen durchgeführt. Die Methodik der Verlaufsuntersuchungen (die Frauen wurden kurz nach der Beratung sowie an vier weiteren Zeitpunkten zu unterschiedlichen Aspekten der Beratung, ihrer psychischen Belastung, ihrer Einschätzung der Beratung, ihrer Einstellung zur PND und zu einer weiteren Schwangerschaft sowie zu ihrer Persönlichkeit befragt) und die Ergebnisse können im Einzelnen in dem Buch A. Rohde, C. Woopen: Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik. Evaluation der Modellprojekte in Bonn, Düsseldorf und Essen, erschienen im Deutscher Ärzteverlag Köln (2007) nachgelesen werden. An dieser Stelle können nur die wichtigsten Ergebnisse und Schlussfolgerungen dargestellt werden.

Schocksituation

Bei der Erstberatung, die überwiegend nach Mitteilung eines pathologischen Befundes beim Ungeborenen stattfand, berichteten die Frauen über eine Vielzahl psychischer Symptome wie Niedergeschlagenheit, ausgeprägtes Grübeln, Verzweiflung das Gefühl hin und her gerissen zu sein oder innere Gefühllosigkeit. Die Mitteilung, dass das in der Regel gewünschte Kind krank oder behindert sein wird, führt zu einer Schocksituation, so dass die erste psychosoziale Beratung oft eine Krisenintervention ist und erst bei einem zweiten Gespräch die eigentliche Beratungsarbeit aufgenommen werden kann. Die starke Belastung der Studienteilnehmerinnen nahm bei den Folgebefragungen deutlich ab, was zum einen auf die Begleitung durch die psychosoziale Beratung zurückzuführen ist und darüber hinaus auf die Unterstützung durch den Partner und die Familie. Dies macht deutlich, dass die Einbeziehung des Partners und möglicherweise auch anderer nahestehender Personen in den Beratungsprozess von hoher Wichtigkeit ist. Es darf jedoch auch nicht vergessen werden, dass noch zwei Jahre nach der Beratung bei einem erheblichen Teil der Frauen die Erfahrungen im Zusammenhang mit der PND gedanklich und gefühlsmäßig sehr präsent waren.

Die Entwicklung der emotionalen Situation stellte sich bei verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften unterschiedlich dar: Frauen mit hoher Neigung zu emotionaler Instabilität und deutlicher Introversion wiesen die stärksten Trauersymptome und die höchste psychische Belastung auf. Das bedeutet, dass der Arzt ausgerechnet denjenigen Frauen, die bei Mitteilung eines auffälligen Befundes eben nicht besonders aufgewühlt und außer sich sind, sondern vielmehr äußerlich ruhig und gefasst wirken, nicht explizit eine psychosoziale Beratung nahegelegt, obwohl gerade sie am dringendsten auf eine solche angewiesen wären.

Neutraler Platz

Über 90% der Frauen waren im Anschluss der psychosozialen Beratung zufrieden oder sehr zufrieden damit und empfanden sie auch im Rückblick als hilfreich in einer schwierigen Lebensphase. Besonders stellten die Frauen heraus, dass sie in der Beratung einen "neutralen Platz" hatten, die Beraterinnen persönliches Verständnis gezeigt haben und die Möglichkeit zur Reflexion von Gefühlen bestand. Fast alle Frauen gaben an, dass sie anderen Frauen in derselben Situation zu einer psychosozialen Beratung raten würden, und dies nicht nur nach Mitteilung eines pathologischen Befundes, sondern auch vor der Inanspruchnahme einer pränatalen Diagnostik. Das mag unter anderem dadurch bedingt sein, dass sich zwar etwa drei Viertel der Frauen in der ärztlichen Beratung ausreichend über die Risiken der PND aufgeklärt fühlte, aber fast jede zweite Frau angab, dass sie nicht ausreichend oder überhaupt nicht über mögliche Konsequenzen der PND aufgeklärt worden sei.

Von den Studienteilnehmerinnen trugen 19% die Schwangerschaft aus, bei 71% wurde ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt und in 10% eine sog. Mehrlingsreduktion. Nach zwei Jahren gab nur jede zweite Frau an, dass sie die Entscheidung sicher wieder so treffen würde, 32% würden dies nur wahrscheinlich so tun und die verbleibenden Frauen waren sich entweder unsicher oder würden sicher einen anderen Weg wählen. Dies weist darauf hin, dass weiterhin nach Faktoren gesucht werden muss, die im Laufe des Entscheidungsprozesses in stärkerem Maße reflektiert werden müssten, da sie auf Dauer die Möglichkeit für die Frau und das Paar, mit der Entscheidung zu leben, nachhaltiger beeinflussen, als zurzeit berücksichtigt wird.

Unverzichtbarer Bestandteil der Versorgung

Diese nur kurz skizzierten Ergebnisse zeigen, dass psychosoziale Beratung für die Frauen im Kontext von Pränataldiagnostik eine große Hilfe sein kann und in enger Kooperation mit den Ärzten ein unverzichtbarerer Bestandteil der Versorgung sein muss. Leider werden Frauen und ihre Partner im Routine-Alltag sogar nach Mitteilung eines pathologischen pränataldiagnostischen Befundes oft nicht darauf hingewiesen, dass sie die Möglichkeit zu einer für sie kostenlosen Inanspruchnahme einer solchen Beratung haben. Die Erfahrungen an den drei Modellstandorten hat gezeigt, dass eine enge zeitliche und räumliche Anbindung der psychosozialen Beratung an die ärztliche Betreuung, eine institutionalisierte Zusammenarbeit auf der Grundlage gegenseitiger Wertschätzung der unterschiedlichen Professionen und die fachliche Unabhängigkeit notwendige Voraussetzungen für das Gelingen einer integrativen psychosozialen und medizinischen Versorgung darstellen.

Nicht von Ärzten miterledigen

Dabei sind zwei Missverständnisse zu vermeiden: Erstens kann die unabhängige psychosoziale Beratung nicht durch Ausweitung der ärztlichen Kompetenzen gleichsam miterledigt werden: die Frauen schätzen gerade den neutralen Ort, an dem keine Entscheidungen getroffen und keine Rechtfertigungen gegeben werden müssen. Psychosoziale Beratung ist zweitens mehr als ein nur anderer Anwendungsbereich der Schwangerschaftskonfliktberatung bei ungewollter Schwangerschaft im frühen Stadium. Beraterinnen müssen für den Kontext der PND eigens geschult werden, es handelt sich sehr oft um Mehrfachberatungen, die einen Prozess über einen längeren Zeitraum umfassen, und die Beratungssituation ist u.a. durch das in der Regel spätere Schwangerschaftsstadium und die Erwünschtheit des Kindes grundsätzlich verschieden. Um psychosoziale Beratung zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Pränatalmedizin werden zu lassen - und dies nicht nur nach pathologischem Befund, sondern auch als Angebot vor Durchführung einer PND - bedarf es nicht nur noch erheblicher Überzeugungsarbeit bei Ärzten, die die ihnen anvertrauten Frauen auf den Wert dieser Arbeit aufmerksam machen und Kooperationen etablieren sollten, sondern auch der Aus-, Fort- und Weiterbildung psychosozialer Beraterinnen für diesen speziellen Kontext sowie der Bereitstellung und Finanzierung der erforderlichen Kapazitäten.

Autor: Dr.Christiane Woopen, Privatdozentin, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Köln, Mitglied im Nationalen Ethikrat. Prof. Dr. Anke Rohde, Leiterin Gynäkologische Psychosomatik am Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde Uni Bonn

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