Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Erste Impressionen von der Praxis liturgischen Feierns

Von Volksfrömmigkeit und Brauchtum in der Corona-Krise: vom Wiederentdecken und Versuchen

Die älteren Menschen, denen die Mitfeier sonntäglicher Gottesdienste noch ein Anliegen ist, nutzen dieses Angebot schon lange, jetzt – in der Corona-Krise – wird diese allzu selbstverständlich genommene Praxis neu bedeutsam: die Tatsache, dass nach dem Rundfunkstaatsvertrag die Kirchen jeden Sonntag im Rundfunk und im Fernsehen einen Gottesdienst übertragen können. Aber noch andere – vermeintliche „Selbstverständlichkeiten“ – kommen angesichts der Krise stärker ins Bewusstsein.

Ein Impuls der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, der seit den 1980er Jahren verstärkt aufgegriffen wurde, ist: Die Tagzeitenliturgie ist nicht eingeengt auf das „Brevier“ des Klerikers, sondern Angelegenheit des ganzen Volkes Gottes. Das „Kleine Stundenbuch“ fand den Einzug in viele Haushalte; später entwickelte sich mit „Te Deum“ und „Magnificat“ eine Printvariante, die für viele Gläubige tägliche Übung und Hilfe geworden ist.
Und auch die Tagzeitenliturgie im Angelus-Gebet wird wiederentdeckt: das dreimalige Geläut am Tage als klingende Aufforderung anzunehmen, innezuhalten und in der Zeit anzubeten, im „Formular“ des Angelus oder im freien Beten. So erklärte zum Beispiel das Bistum Speyer den Angelus als „Corona-Geläut“, ehe später gemeinschaftlich mit dem Bistum Trier ein Sondergeläut um 19:30 Uhr hinzugefügt wurde.

Und so wie die Kirche immer eine „Ecclesia orans“ ist und sein wird, ist und bleibt sie eine Eucharistie feiernde Kirche. Die Sinngestalt bleibt, die Feiergestalt hat sich geändert, da die räumliche Versammlung in einem Raum nicht mehr möglich ist. Die mit CIC Canon 901 eröffnete „Notstandsregelung“ der „Missa sine populo“ – derzeit aus unterschiedlichen Motiven diskutiert und problematisiert – ist und bleibt eine „Missa cum populo“ und eine „Missa pro populo et universo“. Ich betrachte die Praxis für mich als eine spirituell disziplinierende; deshalb feiere ich sie mit der Editio Typica Tertia des Missale Romanum (noch nicht ins Deutsche übersetzt) – das Latein lässt mich konzentriert feiern.

Betende und liturgische Praxis finden ihre Wege

Über das technische Format der „Streamingmessen“ fangen wir an nachzudenken: Es bedarf entsprechender funktionierender Technik und auch einer Ästhetik in der Gestaltung. Eine kluge Variante praktiziert die Jugendkirche in Saarbrücken: Gemeindemitglieder nehmen zuhause die jeweilige Lesung auf – mit Bild und Ton – und das Video wird in den Livestream eingespielt. So wird den am PC-Bildschirm Mitfeiernden auch Gemeinde „physisch“ ansichtig.

Dass (Gottesdienst)-Gemeinden „ihren“ Priester in einem ihrer Kirchenräume medial miterleben wollen, ist nachvollziehbar. Meine persönliche Ansicht: Eine Eucharistiefeier, die ich als „Missa sine populo“ zelebriere, würde ich nicht streamen. Hier, so denke ich, darf das Verborgene verborgen bleiben, um dadurch die Realität unsichtbarer Präsenz zu dokumentieren; Rückmeldungen von Gläubigen meiner Gemeinden besagen, dass für sie wichtig ist und ihnen hilft, darum zu wissen, dass die Eucharistie täglich gefeiert wird.

Aber es geschieht noch mehr: Die Gebetskreise, die in den Kirchen den Rosenkranz oder Kreuzweg gebetet haben, haben sich telefonisch darauf verständigt, dies zur gewohnten Zeit weiter zu tun. Manche rufen einander an, um im Wechsel zu beten. Und in der Zielgruppe der Eltern und Familien der Kommunionkinder sind die Gemeindereferentinnen und -referenten aktiv, um via Messengerdienste praktische Tipps für österliches Brauchtum zu kommunizieren. Kommunionkinder werden zum Malen von Bildern aufgefordert, die dann älteren Menschen ausgedruckt und zugeschickt werden.

Erste Impressionen, wie auch betende und liturgische Praxis ihre Wege finden, in Zeiten der Krise lebendig zu bleiben. Manches bedarf der Unterscheidung der Geister und Prüfung.

Autor: Benedikt Welter, Stadtdekan in Saarbrücken

zurück zur Übersicht