Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Erzählen in der Quarantäne

Il Decamerone von Giovanni Boccaccio

Nur zehn Tage umfasst die Zeit, für die sich im Jahr 1348 sieben Frauen und drei Männer aus Florenz aufs Land zurückgezogen haben. Geflohen sind sie vor einer der schlimmsten Pandemien, von denen die Geschichte weiß. Um sich nicht in Angst, Depressionen oder Nachlässigkeit zu verlieren, beschließen sie, einander Geschichten zu erzählen, zehn an jedem Tag, von vornherein geordnet nach Tageszeiten und Themen, Erzählerinnen und Erzählern: Geschichten von Liebe und Tod, Zivilisation und Natur, Komik und Angst, Geschichte und Gegenwart, buchstäblich von Gott und der Welt. Das Ergebnis ist eine Sammlung, die mit ihrem strengen Tagesrhythmus und der panoramatischen Themenvielfalt nicht einfach ein Potpourri wird, sondern die Entfaltung einer Welt in Novellen: eine literarische Schöpfungsgeschichte als Zehntagewerk.

Unübersehbar war schon für die Zeitgenossen des Giovanni Boccaccio, der in den hundert Novellen des Decamerone volkstümliche und hochliterarische, antike und mittelalterliche, gefundene und erfundene Stoffe so staunenswert vielstimmig inszenierte, die Nähe zu Dantes Divina Commedia mit ihren hundert Gesängen. Wie dort die jenseitige Welt in formvollendeten Terzinen besungen wurde, so kam hier das Diesseits in der ihm angemessenen Prosa und Weite zu Wort.

Unermesslich ist die Wirkungsgeschichte dieses Buches, dem es gelang, die mündlichen Ursprünge allen Erzählens zu vergegenwärtigen und zugleich in eine elegante Schriftprosa zu überführen. Nicht nur die italienische Literatur hat Boccaccios Werk mitbegründet, sondern auch die Form des Novellen-Kranzes, dessen weltliterarischer Siegeszug über Jahrhunderte andauerte (abgesehen von den zahllosen Sujets, die von Shakespeare bis zu Pasolini fruchtbar wurden). Die Einbettung kurzer und pointierter Geschichten in eine Rahmenhandlung konnte so streng komponiert sein wie hier – so haben Chaucers Canterbury Tales, Marguerite von Navarras Heptaméron oder Cervantes‘ Novelas ejemplares sich das Modell anverwandelt – oder so locker wie in E. T. A. Hoffmanns romantischen Serapionsbrüdern, den Tolldreisten Geschichten Balzacs oder den Märchensammlungen Wilhelm Hauffs.

Erzählen, um zu überleben

Erstaunlich selten aber ist gegenüber dieser wahrhaft unendlichen Wirkungsgeschichte das entscheidende Grundmotiv des Decamerone wiederaufgenommen worden, seine Motivation: die Feier des Erzählens als eines Lebens-, eines Überlebensmittels. Es geht Boccaccios zehn Pestflüchtlingen ja keineswegs nur um einen Zeitvertreib, der die Langeweile der Quarantäne erträglicher machen soll. Sondern es geht ihnen darum, ihrem zwangsisolierten Leben unter den Bedingungen von Ausgangssperre und Ansteckungsdrohung eine Haltung zu geben, eine schöne Ordnung. Ihr Überleben soll ein Leben in Würde sein, darum erzählen sie, darum vergegenwärtigen sie sich in der Fülle der Geschichten die unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Menschlichen.

Von den dichtenden Boccaccio-Lesern, die diese Anregung ernst- und aufgenommen haben, kommt Goethe diesem Vorsatz vielleicht am nächsten. Nicht vor einer Seuche, sondern vor der Französischen Revolution sind die Emigranten geflüchtet, die sich in seinen Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten mit Geschichten bei Laune und über Wasser halten – Geschichten, die sie eigentlich von den Schrecken des Chaos und der Gewalt ablenken sollen und die dann doch allesamt diese Ängste im fiktionalen Spiel bewältigen helfen, bis hin zum wundersamen Märchen, mit dem der Zyklus offen endet. Indem sie erzählen, um zu überleben, um Haltung und Würde zu bewahren, werden Boccaccio und Goethe mit all ihren fiktiven Figuren zu Wiedergängern der Ur-Erzählerin Scheherazade, die mit ihren Märchen nicht nur ihr Leben rettet, sondern am Ende eine ganze Kultur. Man könnte sich ihrer wieder erinnern in unserer Corona-Quarantäne. Der Vorrat reicht sicher weiter als nur über zehn Tage, notfalls sogar für 1001 Nacht.

Autor: Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler und Professor am Seminar für Deutsche Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen, Mitglied des ZdK

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