Salzkörner

Donnerstag, 27. Juni 2019

Fridays for Future

Viel mehr als nur Schule schwänzen

Woche für Woche, immer am Freitagvormittag, treffen sich in zahlreichen Städten Deutschlands tausende Kinder und Jugendliche, um öffentlich zu zeigen, dass sie sich von den älteren Generationen ein schnelles und verbindliches Handeln wünschen, um unser Klima und unsere Umwelt zu schützen. Sie machen sich berechtige Sorgen um ihre Zukunft und die Zukunft unseres Planeten. Sie und die folgenden Generationen sind diejenigen, die am meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels werden leiden müssen. Sie fordern die Generation auf, die heute für Entscheidungen verantwortlich ist, sofort zu handeln, und zwar im Sinne des Umweltschutzes, und dabei wirtschaftliche Interessen nachrangig zu bewerten. Die Schüler*innen wollen, dass ihre Anliegen heute schon gehört werden. Sie selbst dürfen noch nicht wählen und können politische Entscheidungen somit nicht mitgestalten.

Statt einer ehrlichen Auseinandersetzung mit diesen gerechtfertigten Forderungen, wird den Kindern und Jugendlichen häufig vorgeworfen sie würden durch die Demonstrationen nur die Schule schwänzen wollen und durch ihr Fehlen wichtigen Lernstoff verpassen. Ein wirkliches Eingehen der Politik auf die Forderungen der Bewegung gibt es nur sehr begrenzt.

Dass wir in Deutschland eine Schulpflicht haben, ist eine großartige Sache. Es liegt somit nicht in der Entscheidung von Erziehungsberechtigten oder äußeren Umständen, ob ein Kind in die Schule geht, sondern jedes Kind in Deutschland hat so die Chance auf Bildung. Es ist richtig, dass die Wahrnehmung dieser Schulpflicht auch überprüft und umgesetzt wird.

Ehrliches Auseinandersetzen statt pauschalem Verweis auf die Schulpflicht

Auf der anderen Seite fehlen diese jungen Menschen nicht einfach in der Schule, weil sie keine Lust haben hinzugehen. Sie machen sich ehrliche und gerechtfertigte Sorgen um die Zukunft unserer Erde. Der Klimawandel ist keine vage, in der Zukunft anzunehmende Bedrohung. Der Klimawandel ist real und wir erleben ihn heute schon: Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil diese unbewohnbar wird, zahlreiche Tierarten sind ausgestorben oder davon bedroht, Wetterkatastrophen und Hitzeperioden werden immer häufiger. Und das sind nur einige Beispiele.

Es ist also keine Zeit mehr für Kompromisse oder lange Beratungen. Wenn wir noch etwas tun wollen, müssen wir das heute tun! Die Kinder und Jugendlichen haben das erkannt und wollen das mit ihren Demonstrationen und Aktionen deutlich machen. Sie selber dürfen noch nicht wählen und können politische Prozesse nur sehr begrenzt mitgestalten und auf diese Weise nicht mitbestimmen. Diese Demonstrationen sind eine von wenigen Möglichkeiten und der von ihnen gewählte Weg, auf die öffentliche Debatte Einfluss zu nehmen.

Dass so viele junge Menschen sich auf den Demonstrationen und auch in Projekten konkret für das Klima einsetzen, wird wohl auch von nur wenigen Menschen kritisiert. Manche sprechen ihnen allerdings die Kompetenz ab, die Auswirkungen und Möglichkeiten wirklich beurteilen zu können und führen diese mangelnde Erfahrung auf das geringe Lebensalter zurück. Recht wohlwollend wird oft benannt, dass das Engagement geschätzt wird, aber doch eben am Wochenende, in der schulfreien Zeit, stattfinden soll – das wäre ja genauso gut.

Streiken in der schulfreien Zeit ist keine gute Alternative

Das ist jedoch zu wenig und verfehlt das eigentliche Anliegen der engagierten Schüler*innen. Ein regelmäßiges Demonstrieren, etwa an einem Samstagnachmittag, würde ein deutlich geringeres Maß an Aufmerksamkeit nach sich ziehen und dem Thema die Brisanz nehmen. Die Schüler*innen wollen mit diesen Demonstrationen eben nicht nur zeigen, was ihre Vorstellungen einer guten Zukunft sind, es geht ihnen auch konkret darum deutlich zu machen, dass sie die aktuelle Praxis, wie Umwelt- und Klimaschutz betrieben werden, nicht mehr mitmachen und vehement ablehnen. Sie wollen boykottieren und auf diese Weise ihrer Stimme Gehör verschaffen. Dazu ist der Boykott der Schule ihre Möglichkeit, am deutlichsten zu zeigen, dass nicht sie es sind, die sich ändern müssen, sondern dass Politik und Gesellschaft endlich im Sinne der jüngeren Generation zu entscheiden haben. Also das zu tun, was die Schüler*innen u. a. auf ihren Plakaten fordern: „Macht ihr eure Hausaufgaben, dann machen wir unsere“.

Ziel eines Streiks ist es ja gerade zu zeigen, was fehlt, wenn etwas wegfällt. Durch die Abwesenheit im Unterricht zeigen die Schüler*innen die besondere Brisanz des Themas und machen deutlich, dass es eben keine Alternative zu einem sofortigen Handeln gibt.

Nicht zwingend muss die Teilnahme an den Demonstrationen dazu führen, dass auf Bildung verzichtet wird. Es gibt viele gute Beispiele an Schulen, wo Lehrer*innen sich im Unterricht mit der Thematik auseinandersetzen. Die Schüler*innen lernen, sich nach Abwägung aller Interessen eine eigene Meinung zu bilden und diese durchzusetzen, sie lernen das politische System kennen. Und sie lernen, sich zu organisieren. Das zeigt sich auch daran, wie sie es tun. Denn nicht immer fehlen am Freitag die gleichen Schüler*innen. Es gibt regelrechte Einsatzpläne, damit der Unterrichtsausfall sich für den oder die Einzelne in Grenzen hält. Hier zeigt sich eine junge Generation, die hochpolitisch und organisiert ist, die ein großes Interesse an gesellschaftlichen Fragestellungen hat – also gar nicht die Jugend, der oft vorgeworfen wird, teilnahms- und leidenschaftslos zu sein.

Unterstützung auch aus den Reihen der Jugendverbände

Viele der katholischen Jugendverbände unterstützen die Demonstrationen. Sie rufen zur Teilnahme auf oder sind dort selbst mit ihren Bannern vertreten. Weil es auch ihnen darum geht, dass in Sachen Klimaschutz etwas passieren muss und die Zeit zum Handeln drängt. Auch ihre Zielgruppe macht sich große Sorgen um die Umwelt und hat Angst vor den Folgen des Klimawandels. In den Jugendverbänden wird das Thema Umweltschutz vor allem durch inhaltliche Auseinandersetzungen bearbeitet, durch konkrete Projekte im Bereich des Umweltschutzes. Die Forderungen nach außen zu tragen und die Erwachsenen-Generation zum Handeln zu bringen ist ihre Motivation, die Bewegung zu unterstützen. Seit Jahren schon fordern die (katholischen) Jugendverbände eine Absenkung des Wahlalters, um bereits heute schon der Generation eine Stimme zu geben, die noch die längste Zeit auf dieser Erde leben wird. Eine Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen wäre also vielleicht eine gute Alternative zum Boykott der Schule.

Dass es sich nicht allein um den Unterrichtsausfall dreht, hat sich spätestens in den Sommerferien oder an schulfreien Brückentagen gezeigt. Auch hier wurden die Demonstrationen fortgesetzt. Auch in den folgenden Wochen und Monaten werden weitere Fridays for Future-Demos stattfinden. Zwar hat die Bewegung inzwischen eine gute mediale Aufmerksamkeit bekommen, wird in Talk-Shows und zu Konferenzen eingeladen, wirklich viel passiert ist allerdings noch nicht. Weiter werden politische Entscheidungen getroffen, die nicht als erstes den Umwelt- und Klimaschutz im Fokus haben, sondern auf Maximierung von Gewinnen ausgerichtet sind.

In Münster konnte die Bewegung vor kurzem einen großen Erfolg erzielen. Sie hat sich dafür stark gemacht, dass in der Stadt Münster der Klima-Notstand erklärt werden konnte. Dies hat zur Folge, dass alle Entscheidungen des Rates künftig mit Blick auf die Auswirkungen für die Umwelt durchleuchtet werden müssen. Immer muss abgewogen werden, ob ein Gesetz, eine Verordnung oder vielleicht ein Bau-Vorhaben Auswirkungen auf Natur und Klima haben kann. Auf diese Weise findet Schritt für Schritt ein Umdenken statt.

Der Klimawandel lässt sich nicht mehr aufhalten, aber wir haben es heute in der Hand, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Auch als Christinnen und Christen haben wir den Auftrag, unsere Erde zu schützen. Sie ist Lebensgrundlage für viele Millionen Menschen. Unsere Aufgabe sollte es sein, diese zu bewahren und zu schützen. Hören wir also auf die Anliegen der Schülerinnen und Schüler und sorgen auf diese Weise dafür, dass sie bald auch freitags wieder alle im Unterricht anwesend sind.

 

 

 

Autor: Kerstin Stegemann Vorsitzende des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum Münster

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