Salzkörner

Donnerstag, 23. August 2018

Geburtshilfe in Not?!

Hebammenmangel in Deutschland

Standen noch vor einigen Jahren Schwangere vor der Wahl, in welchem Krankenhaus sie ihr Kind zur Welt bringen oder ob sie sich lieber für ein Geburtshaus oder eine Hausgeburt entscheiden, so müssen sie sich heutzutage fragen, wo sie überhaupt einen Platz zum Entbinden finden. Wer sich nicht frühzeitig um eine Hebamme kümmert oder sich zur Geburt in einem Krankenhaus anmeldet, muss damit rechnen, am Kreißsaal wegen Überfüllung abgewiesen zu werden oder für die Entbindung längere Wegstrecken in Kauf nehmen zu müssen. Auch, wer eine Hebamme zur Geburtsvorsorge oder zur Nachsorge im Wochenbett sucht, wird nicht immer fündig. Wie ist es dazu gekommen?

Im Jahr 2016 leisteten von den rund 24.000 Hebammen in Deutschland 11.077 Geburtshilfe in Krankenhäusern, davon 6780 in Teilzeit. Fest angestellt waren 9.301 Hebammen, davon 1.776 als Beleghebammen. Rund 13.000 Hebammen sind freiberuflich tätig. Der Großteil arbeitet im Bereich der Vor- und Nachsorge. Nur ein Fünftel der freiberuflichen Hebammen ist darüber hinaus noch im Bereich der Geburtshilfe tätig (Quelle: Statistisches Bundesamt). Hier gab es seit 2006 einen Einbruch wegen der drastisch gestiegenen Prämien für Berufshaftpflichtversicherungen. Als es 2015 endlich eine Einigung mit den Krankenkassen gab, hatten bereits etliche Hebammen die Geburtshilfe aufgegeben. Die Zahlen steigen zwar langsam wieder, aber in den nächsten fünf bis acht Jahren wird rund ein Viertel der Hebammen in Ruhestand gehen. Hinzu kommt, dass Hebammen wegen der Rahmenbedingungen durchschnittlich nur sieben Jahre in ihrem Beruf arbeiten. In den Kliniken müssen Hebammen nicht selten drei und mehr Frauen gleichzeitig betreuen. Auch die freiberuflichen Hebammen sind überlastet, es fehlen vor allem Hebammen für die Nachsorge.

Parallel zu diesen Entwicklungen wurden in den letzten Jahren immer mehr Geburtskliniken geschlossen. Zum einen findet sich kein geeignetes Fachpersonal mehr, zum anderen rechnet sich Geburtshilfe unter jährlich 500 Geburten angesichts der Fallpauschalen für Spontangeburten nicht. Demzufolge ist die Zahl der Geburtskliniken von 880 (2006) auf 690 Kliniken (2016) zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Geburten von 672.724 auf 792.131 erhöht. Entsprechend überlastet sind die Kreißsäle in den verbliebenen Geburtskliniken. Mittlerweile ist die Problematik auch in der Politik angekommen: Im Koalitionsvertrag wird auf die Notwendigkeit einer wohnortnahen Geburtshilfe hingewiesen, eine Finanzierungsgrundlage für BelegärztInnen soll geprüft, die Hebammenausbildung nach EU-Vorgaben als akademischer Beruf umgesetzt werden. Aber das reicht nicht.

Hebammenmangel und die Auswirkungen

Im letzten Jahr wurde unter Beteiligung des Bundesgesundheitsministeriums das nationale Gesundheitsziel "Gesundheit rund um die Geburt" verabschiedet. Die Erreichung der ausführlich beschriebenen Ziele, die Gesundheit von Mutter und Kind in der vulnerablen Zeit von Schwangerschaft, Geburt und den ersten Lebensmonaten zu fördern, rücken angesichts der Entwicklungen in der Geburtshilfe aber in die Ferne. Nicht nur bei Erstgebärenden löst die aktuelle Situation Ängste aus – Stress, der auch für das Ungeborene spürbar ist.

Schwangere sind mit ihrer Suche nach einer Hebamme mit freien Kapazitäten oder einem Platz in einem Geburtsvorbereitungskurs oft allein gelassen. Noch schwieriger kann sich die Suche nach einer Hebamme für die Nachsorge im Wochenbett gestalten. Dabei ist der Anspruch auf Betreuung für gesetzlich Versicherte auch nach der Geburt klar geregelt: In den ersten zehn Tagen hat eine Wöchnerin Anspruch auf den täglichen Besuch einer Hebamme, danach kann sie – z. B. bei Stillproblemen – angefragt werden, bis das Kind zwölf Wochen alt ist.

Erfahrungen aus der Schwangerschaftsberatung

Auch in den rund 120 Schwangerschaftsberatungsstellen des Sozialdienstes katholischer Frauen ist deutlich zu spüren, dass sich die Situation rund um die Geburtshilfe zuspitzt. Das bekommen vor allem die zu spüren, die eine Unterstützung dringend bräuchten, etwa weil sie spezifischen Belastungen oder schwierigen Lebensumständen ausgesetzt sind. Dazu gehören z. B. junge Schwangere, Frauen mit Mehrlings- oder mit Frühgeburten, Frauen mit psychischen Erkrankungen oder Gewalterfahrungen. Zur Unterstützung dieser Frauen gibt es im Rahmen der Frühen Hilfen zwar Familienhebammen mit einer Zusatzqualifikation, die die Familien bis zu einem Jahr begleiten können. Leider gibt es aber auch von ihnen viel zu wenige. Manche Schwangeren haben sich nicht frühzeitig um eine Hebamme kümmern können, weil sie sich – ausgelöst durch die vielleicht ungewollte oder ungeplante Schwangerschaft – erst einmal mit anderen Themen und Problemen auseinandersetzen mussten. Besonderen Unterstützungsbedarf haben erfahrungsgemäß auch Frauen mit Sprachbarrieren, mit Migrations- und Fluchterfahrung. Sie wissen oft gar nicht, wie Geburtshilfe in Deutschland "funktioniert", haben zudem ihr soziales Umfeld verloren oder sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Viele Schwangerschaftsberatungsstellen haben inzwischen auf den Hebammenmangel reagiert, indem sie eine regelmäßige und offene Hebammensprechstunde anbieten. Andere organisieren zielgruppenspezifische Geburtsvorbereitungskurse beispielsweise für bildungsferne oder sehr junge Schwangere. Ein Glücksfall ist es, wenn sich eine Hebamme findet, die selber einen Migrationshintergrund hat und verschiedene Sprachen spricht. Dann kann auch schon einmal ein Kurs in Arabisch oder Farsi angeboten werden. Wie überall hängen solche Angebote auch von der Finanzierung ab. Was nicht wie z. B. ein Geburtsvorbereitungskurs über die Krankenkassen abgerechnet werden kann, muss in der Regel aus Eigen- oder Projektmitteln finanziert werden, manchmal gibt es kommunale Zuschüsse. Meist wird die Arbeit der Hebamme als Honorarkraft mit einem festen Stundenkontingent abgerechnet, manchmal ist sie auch fest angestellt. Über Hebammensprechstunden hinaus gibt es in den Beratungsstellen weitere Versuche, schwangere Frauen und junge Mütter zu unterstützen. Stellvertretend seien drei Beispiele genannt:

  • Beim SkF Oldenburg wurde eine Hebammenzentrale eingerichtet, die den Einsatz von (Familien-)Hebammen in der Kommune als Lotsendienst koordiniert.
  • In Trier beteiligt sich der SkF mit einer Hotline an einem Hebammennotdienst für Frauen, die keine Hebamme finden können.
  • Im Kreis Warendorf wendet sich der SkF im Rahmen des Projektes "aufLEBEN" gezielt an schwangere Frauen und Mütter mit Trauma- und Fluchterfahrung und hat zu diesem Zweck eine arabisch sprechende Familienhebamme eingestellt.

Notwendige Handlungsansätze

Um den beschriebenen Missständen entgegenzuwirken, bedarf es der gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten und Akteure. Zielführend wäre beispielsweise:

  • eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Hebammen, damit diese auch länger in ihrem Beruf auskömmlich verbleiben können. Ob eine Akademisierung des Berufes dazu beitragen kann, wird sich noch beweisen müssen. Zumindest die berufliche Perspektive einer europaweit anerkannten Ausbildung mit entsprechender Bezahlung und Aufstiegsmöglichkeiten könnte hierzu einen Beitrag leisten.
  • die Erarbeitung einer Lösung bei künftigen Kostensteigerungen der Berufshaftpflichtversicherung, z. B. durch einen Fonds.
  • der Schließung stationärer Geburtshilfe gezielt entgegenzuwirken. Dazu bedarf es einer systematischen Erfassung der Versorgungslücken für eine wohnortnahe Geburtshilfe.
  • die Einrichtung offener Hebammensprechstunden in allen Beratungsstellen, gerade auch um spezifische Zielgruppen noch besser erreichen zu können. Dazu bedarf es aber einer geregelten Finanzierung.
  • eine flächendeckende Listung freier Hebammen-Kapazitäten, um die Suche nach einer Hebamme zu erleichtern.

Fazit

Schwangere und junge Familien dürfen nicht alleingelassen werden. Um das nationale Gesundheitsziel rund um die sensible Familiengründungsphase zu erreichen, sind sie auf eine wohnortnahe, gute und möglichst stressfreie Geburtshilfe sowie Vor- und Nachsorge angewiesen. Danach zeichnen sich bereits weitere Herausforderungen ab wie etwa die Suche nach einer Kinderärztin in Wohnortnähe – aber das ist ein neues Thema.

 

 

 

Autor: Regine Hölscher-Mulzer Referentin beim Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein e. V. (SkF)

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