Salzkörner

Montag, 11. Dezember 2000

Gemeinschaft der Heiligen

Zum Dialogdokument "Communio Sanctorum"
Im Herbst dieses Jahres wurde das Arbeitsergebnis eines zehnjährigen katholisch-evan- gelischen Dialogs veröffentlicht, das in einer Reihe von Kapiteln geradezu spannend zu lesen ist. Doch fast gleichzeitig veröffentlichte römische Dokumente haben dem Dokument "die Schau gestohlen".

Das Dialogdokument "Communio Sanctorum – Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen" wurde auf einer Pressekonferenz am 4. September 2000 in Hannover, dem Sitz der EKD, der Öffentlichkeit vorgestellt. Das war einen Tag nach der Seligsprechung der beiden so gegensätzlichen Päpste Johannes XXIII. und Pius IX. in Rom und einen Tag vor der Veröffentlichung der vatikanischen Erklärung "Dominus Jesus" samt der Note zum Ausdruck "Schwesterkirchen".

Diese beiden römischen Vorgänge haben im Abstand von 48 Stunden dafür gesorgt, dass das neueste deutsche Dialogdokument ökumenepolitisch erdrückt und demzufolge in der Öffentlichkeit so gut wie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen worden ist.

Einheit nicht Einheitlichkeit

1984 erschien das erste deutschsprachige Dialogdokument "Kirchengemeinschaft in Wort und Sakrament". Nach 16 Jahren liegt nunmehr das Ergebnis der zweiten Dialogphase vor. Die 15-köpfige "bilaterale Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands" hat dazu ein ganzes Jahrzehnt von 1987 bis 1997 gebraucht. Man spürt dem Dokument in Stil und Inhalt an, dass hier – anders als bei "Dominus Jesus" – ein Dialog stattgefunden hat.

Die Veröffentlichung ist der ökumenischen Hermeneutik des "differenzierten Konsenses" verpflichtet, die schon bei "Lehrverurteilungen – kirchentrennend?" 1986 und der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 erfolgreich angewandt worden ist. Es geht dabei um die Erkenntnis, "dass die angestrebte Einheit im Glauben nicht Einheitlichkeit bedeutet, sondern eine Vielfalt, in der verbleibenden Unterschieden keine kirchentrennende Kraft zukommt".

Daher ergeben sich aus den theologischen Informationen und Argumenten zum jeweiligen Thema zwei unterschiedliche Aussageformen: Einerseits werden gemeinsame Erkenntnisse formuliert ("Gemeinsam können Katholiken und Lutheraner sagen"), andererseits kommen die jeweils unterschiedlichen konfessionellen Gesichtspunkte zur Sprache ("Nach katholischer Auffassung", "aus evangelischer Sicht"). Dieses Verfahren macht die Lektüre gerade der kontroversen Themen ausgesprochen reizvoll und lässt den Leser den zugrunde liegenden Dialog nachvollziehen. Im folgenden werden einige brisante ökumenische Bereiche beleuchtet.

Schrift und Tradition

Angesichts der unverblümten Inanspruchnahme von apostolischer Sukzession und gültiger Eucharistie zur Begründung und Unterscheidung von eigentlicher und uneigentlicher Kirche in "Dominus Jesus" fragt sich der irritierte Nichtkatholik, wie es um das Verhältnis von Schrift und Tradition bestellt ist.

Es stimmt: In der Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation "ist die Kirche als ganze eine Traditionsgemeinschaft", aber im Blick auf die Prioritäten lässt "Communio Sanctorum" keinen Zweifel aufkommen: "Gemeinsam bezeugen wir, dass die Tradition eine Norm ist, die von der normativen Heiligen Schrift bestätigt werden muss... Das Zeugnis der Heiligen Schrift ist das Kriterium, mit dem zu prüfen ist, ob die Tradition das Wort Gottes richtig und vollständig wiedergibt".

Papstfrage

Den Nichtkatholiken berührt es angenehm, dass gleich zu Beginn dieses Abschnitts im Dialogdokument das selbstkritische Wort von Papst Paul VI. 1967 zitiert wird: "Der Papst, wir wissen es, ist zweifelsohne das größte Hindernis auf dem Weg der Ökumene". Es folgen erhellende Passagen zur unleugbaren Petrus-Rolle im Neuen Testament und der Entfaltung päpstlicher Machtansprüche im Verlauf der Kirchengeschichte.

Dem reformatorischen Einspruch, dass der Papst "sich mit seiner Autorität über die Autorität des Wortes Gottes" stellt, trägt die lutherische Seite heute mit ihrer Forderung Rechnung: "In Lehrfragen müssten die Überordnung der Heiligen Schrift sowie die Gesamtverantwortung aller Getauften gewahrt sein". Nach lutherischer Auffassung muss ein päpstlicher Jurisdiktionsprimat "in die Communio-Struktur der Kirche rechtlich verpflichtend" eingebunden werden und sogenannte unfehlbare "Ex-cathedra-Entscheidungen des Papstes einem letzten Vorbehalt durch die in der Heiligen Schrift gegebene Offenbarung unterliegen. Die katholische Seite anerkennt die Berechtigung dieser Bedenken.

Das sind weitgehende Entgegenkommen von beiden Seiten, die etwas von einem gelungenen Dialogprozess zu erkennen geben, der die beteiligten Partner zu neuen Einsichten und Ufern geführt hat. Allerdings heißt es einschränkend im Vorwort gerade zu dieser Passage, dass "gegenwärtig nicht erkennbar ist, wie hier Klärung und praktische Umsetzung möglich werden könnten". Dennoch sind jahrhundertealte Tabus und Denkverbote überschritten: "Gemeinsam können Katholiken und Lutheraner sagen: Ein universalkirchlicher Dienst an der Einheit entspricht dem Wesen und Auftrag der Kirche, die sich auf lokaler, regionaler und universaler Ebene verwirklicht".

Im Blick auf eine gesamtkirchliche Einheit, die die Beteiligung aller Kirchen einschließt, stellt sich die Frage neu, "ob und wieweit die historische Gestalt des Papstamtes den wahren, bleibenden und unverzichtbaren Kern des Petrusdienstes gewahrt hat". Hier wird der "brüderliche, geduldige Dialog" aufgenommen, zu dem Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika "Ut Unum Sint" von 1995 eingeladen hat.

Verehrung von Heiligen und Maria

Inzwischen hat es sich im ökumenischen Dialog einigermaßen herumgesprochen, dass Artikel 21 des Lutherischen Augsburger Bekenntnisses von 1530 positiv "Über die Heiligenverehrung" spricht und auch in der evangelischen Kirche "Maria die Mutter unseres Herrn" – so der Titel einer evangelischen Handreichung von 1991 – besondere Verehrung genießt. Jenseits der Alternative von abzulehnender Anbetung und anzustrebender Verehrung spitzt sich die Kontroverse auf die Frage der Anrufung von Heiligen und Maria zu.

Hier vertritt "Communio Sanctorum" die Position, dass "dieser Unterschied nach evangelischem Verständnis nicht kirchentrennend" ist, sofern die alleinige Heilsmittlerschaft Christi nicht beeinträchtigt wird. Das mag hinsichtlich einer evangelischen Tolerierung einer katholischen Praxis allenfalls denkbar sein, eine evangelische Beteiligung an der Praxis der Anrufung von Heiligen und Maria ist dagegen meines Erachtens undenkbar.

Selbst im Blick auf die beiden äußerst problematischen Mariendogmen von 1854 und 1950 wagt sich "Communio Sanctorum" bis zu einem Vermittlungsvorschlag vor: "So darf gefragt werden, ob es zur Einheit im Glauben notwendig ist, dass reformatorische Theologie sich diese Mariendogmen zu eigen macht, wenn sie andererseits bereit ist anzuerkennen, dass es sich bei ihnen um Sätze handelt, die grundsätzlich im Einklang mit der Offenbarung stehen". Genau das muss von evangelischer Seite aus – wie übrigens auch von orthodoxer – nach wie vor bezweifelt werden, nämlich dass die Dogmen von der unbefleckten Empfängnis und der Aufnahme Mariens in den Himmel "grundsätzlich im Einklang mit der Offenbarung" stehen. Hier wird eine derart allgemeine Dogmenauslegung und ein derart unscharfer Offenbarungsbegriff angewendet, dass man wohl nicht von einer überzeugenden Lösung sprechen kann.

Gewiss lassen sich evangelische Christen für die Perspektive gewinnen, dass "die Mutter Christi die Verkörperung des Rechtfertigungsgeschehens allein aus Gnade und durch den Glauben ist". Aber gerade auf diesem Hintergrund, der das Sündersein jedes und jeder Gerechtfertigten einschließt, fragen evangelische Christen: Warum ist das Eingeständnis so schwierig, dass man auf katholischer Seite im Blick auf die Mariendogmen von 1854 und 1950 einem Irrtum erlegen ist?


Der Text von "Communio Sanctorum" ist im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße 163, 53113 Bonn, erhältlich.

Autor: Dr. Hans-Georg Link, Pfarrer des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln für ökumenische Arbeit, Mitglied im Arbeitskreis "Pastorale Grundfragen" des ZdK

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