Salzkörner

Montag, 30. April 2007

Glaube und Leben

V. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik
Am 13. Mai 2007 eröffnet Papst Benedikt XVI. im brasilianischen Marienheiligtum "Nuestra Señora de Aparecida" feierlich die V. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats. Das Thema der Konferenz lautet: Jünger und Missionare Jesu Christi, damit unsere Völker in Ihm das Leben haben. "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14,6). Für den Papst ist es die erste Lateinamerika-Reise in seinem Amt.

Impulse für die Pastoral

Diese Generalversammlung, die vom lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM ausgerichtet wird, steht in der Tradition von vier großen Versammlungen, die maßgeblich die Pastoral in Lateinamerika und darüber hinaus beeinflusst haben. 1955 in Rio de Janeiro war die Geburtsstunde des CELAM, der seinen Sitz in Bogotá/Kolumbien hat und das Koordinationsorgan der 25 Bischofskonferenzen in Lateinamerika und der Karibik ist. Von Bogotá aus gibt es vielfältige Hilfestellung insbesondere für die kleineren Ortskirchen; Aus- und Weiterbildungsprogramme und der gegenseitige Erfahrungsaustausch geben in Lateinamerika wichtige pastorale Impulse. 1968 in Medellín/Kolumbien stand die Umsetzung der Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils im Mittelpunkt; es ging darum, die "Zeichen der Zeit" in Lateinamerika zu erkennen. Die Ortskirchen entschieden sich in Medellín für die "Option für die Armen", ergänzt 1979 in Puebla/Mexiko durch die "Option für die Jugend". In Puebla waren darüber hinaus die Volksreligiosität und die Theologie der Befreiung zentrale Beratungspunkte. Die IV. Generalversammlung fand 1992 in Santo Domingo/Dominikanische Republik statt. Kultur und Inkulturation sowie die Frage einer Neuevangelisierung waren Themen, die nicht immer spannungsfrei mit der römischen Kurie diskutiert werden konnten. Als wichtige Vorläufer-Konferenz von Aparecida ist hier aber auch die Amerika-Synode gemeinsam mit den nordamerikanischen Bischöfen 1997 in Rom zu nennen. Gemeinsame soziale Probleme, aber auch die Unterschiede zwischen Nord- und Lateinamerika standen im Brennpunkt.

Ein genauerer Blick auf die bisherigen großen lateinamerikanischen Bischofsversammlungen macht die spezifisch lateinamerikanischen Entwicklungen in der Theologie deutlich. Sehen, Urteilen, Handeln: dieser alte christliche Dreischritt bestimmte in den siebziger und achtziger Jahren die Koordinaten kirchlichen Handelns. In Theologie und Pastoral ging man zunehmend von den Armen und Ausgeschlossenen aus. Die soziale Frage und die befreiende Wirkung des Evangeliums standen mehr als früher im Zentrum kirchlichen Lebens. In den neunziger Jahren gab es eine Weiterentwicklung: die Ausgeschlossenen wurden als sehr unterschiedliche marginalisierte Gruppen wahrgenommen - als Indigene, als Afros, Frauen, Migranten. Zunehmend ist auch die Bedeutung der Bewahrung der Schöpfung gesehen worden und heute geht es darum, diese verschiedenen Bereiche, Fragestellungen, Herausforderungen einzubeziehen in die Theologie.

Lateinamerika im Spannungsfeld von Identität und Moderne

Dies alles findet statt auf dem Hintergrund von Lebenswirklichkeiten, die in ihrer Heterogenität es verbieten, ein homogenes Bild Lateinamerikas zu zeichnen. Gleichwohl gibt es einige übergreifende Kennzahlen. 50 Prozent der Menschen sind jünger als 25 Jahre, eines von 12 Kindern lebt auf der Strasse, 100 Millionen Kinder haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen, 45 Prozent aller Lateinamerikaner leben in Armut, 52 Prozent der Bevölkerung lebt vom und im informellen Sektor, Indigenas leben oftmals in allerärmsten Verhältnissen, die Besitzverhältnisse sind extrem ungleichgewichtig verteilt, 70 Prozent der Bevölkerung lebt in Ballungsräumen usw. Die Folgen sind dramatisch: Slumbildung, Verschärfung auf dem Arbeitsmarkt, fehlende Infrastruktur, soziale Spannungen, Kriminalität und Drogen. Die Demokratisierung hat zwar zu formal demokratischen Strukturen geführt und die Menschenrechtssituation im politischen Bereich insgesamt gebessert, aber zu nachhaltiger Enttäuschung in der Bevölkerung geführt, da die Armutssituation sich nicht deutlich verbesserte. Dies führt derzeit zu populistischen Regierungen, die handwerklich unfähig und ideologisch verblendet sind. Insgesamt ein schwieriges gesellschaftliches Umfeld, in das die V. Generalversammlung sich hineingestellt sieht.

Dabei ist die Kirche selbst natürlich mitten im Geschehen. Säkularisierung ist kein auf die Industriestaaten beschränktes Phänomen. Traditionsgebundene und -gestützte Wertmuster lösen sich auch in Lateinamerika zunehmend auf. Vielerorts geht dies mit einer starken Emanzipation von christlichen Werten einher. Andererseits gewinnen Pfingstbewegung und viele Sekten dort an Boden, wo die Kirche nicht präsent ist. Der Vorsitzende des CELAM, Kardinal Francisco Javier Errázuris Ossa, Erzbischof von Santiago de Chile, hat eine lange Liste pastoraler Herausforderungen für die Kirche in Lateinamerika benannt. Dazu gehören Fragen wie die kirchliche Bildungs- und Weiterbildungsarbeit für Laien und Geistliche sowie die Bildung lebendiger Basisgemeinden in den Großstädten. Kulturelle Herausforderungen, die Nutzung der Massenkommunikationsmittel, ökologische Probleme und die Sorge um die indigenen Völker erforderten neue Initiativen. Angesichts der sozialen Spannungen in Lateinamerika, bürgerkriegsähnlichen Zuständen in einigen Ländern und der Kirche fremd gegenüberstehenden Regierungen sehe sich die Kirche insgesamt mit der grossen Herausforderung konfrontiert, wirksam Sakrament der Communio und der Versöhnung sowie Multiplikator der katholischen Soziallehre zu sein.

Aparecida und der Blick nach vorn

Im Vorbereitungsdokument zur V. Generalversammlung heisst es: "Wir leben und evangelisieren in einer Zeit des Wandels. Der Wille, auf die neuen Herausforderungen zu antworten wie auch die pastorale Ausrichtung der Kirche in Lateinamerika hat zum Thema....geführt." Bei den Überlegungen zu einem geeigneten Thema hat dem Vernehmen nach auch die Feststellung der Bischöfe eine Rolle gespielt, dass es sowohl bei den Priestern als auch bei den Laien an Kohärenz zwischen Bekenntnis und Lebenspraxis mangele. Die Ernsthaftigkeit der Nachfolge werde nicht immer erkannt. In der Politik sei zwar die breite Mehrheit der Politiker getauft, aber gerade unter ihnen müsste das Engagement aus dem Glauben heraus gestärkt werden. Ebenso fehle es an herausragenden Laien, die in Wirtschaft und Gesellschaft als profilierte und glaubwürdige Christen geachtet würden.

Das Thema der V. Generalversammlung fokussiert dementsprechend die Bedeutung der christlichen Berufung, Jünger und Missionar zu sein. Deshalb geht es dieses Mal weniger um große Programmatik, als vielmehr um eine Konzentration auf diejenigen getauften Glieder der Kirche, die sich in ihrer Lebens- und Glaubenspraxis als Jünger in der Nachfolge und mithin als Missionare verstehen könnten. Der missionarische Auftrag an die Christen und die Kirche verpflichtet zur Sorge für eine Kultur des Lebens, zu einer Sorge auch für gerechte gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

Gesellschaftliche Relevanz stärken

In den Ländern Lateinamerikas und der Karibik ist nach allen Umfragen die Kirche die gesellschaftliche Kraft mit dem grössten Vertrauen seitens der Bevölkerung. Gleichwohl zeigt auch die jüngste Geschichte, dass sie es nicht immer vermocht hat, dieses Potential nachhaltig in die Gesellschaften einzubringen. Allzuoft artikuliert sich Politik als Werte-Nehmer - und die Kirche ist als Werte-Geber nicht präsent. In Aparecida besteht die Chance , dass durch die thematische Konzentration auf den tätigen Christen es zu einer Stärkung der Pastoral kommt, die auf dem Boden der katholischen Soziallehre kirchliches Handeln in Zukunft tiefergehend gesellschaftlich relevant sein lässt.

Autor: Michael P. Sommer, stellvertretender Geschäftsführer der Bischöflichen Aktion ADVENIAT

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