Salzkörner

Montag, 11. Dezember 2000

In uns selbst Gottesgeburt geschehen lassen

Wer ist der Mann dort an der Wand mit den ausgestreckten Armen? Und die Frau da mit dem kleinen Kind auf dem Arm? So fragten Kinder – 12 bis 14-jährige vielleicht -, die zusammen mit ihrer Lehrerin unsere wieder errichtete Klosterkirche in Helfta besuchten. Tabernakel, Hostie, Altar – nie gehörte Fremdwörter! Gott – ein Wort, das sie vielleicht irgendwo gehört oder gelesen hatten. Messe – ein leerer Begriff, mit dem sie nichts anfangen konnten. Absolutes und totales religiöses Vakuum. Als mir dies zum erstenmal begegnete, war ich zutiefst erschrocken und schockiert. Seitdem erlebte ich Ähnliches immer wieder, immer wieder. Ist es hier tatsächlich gelungen, Gott tot zu schweigen, endgültig hinauszudrängen aus der Welt, aus den Herzen, dem Leben der Menschen? Ist es nur hier so? Ist es nicht ähnlich in manchen anderen Teilen unseres Landes, der Welt?

Diese Fragen bedrängten mich zutiefst und machten mich sehr unruhig. Und dies umso mehr, als bei vielen auch nichts von Sehnsucht zu spüren war, von Verlangen nach letztem Sinn, nach endgültiger Geborgenheit, nach allumfassender Liebe – nach Advent. Ist Gott für einen Großteil der Menschen heute tatsächlich tot, ja nicht einmal nur tot, sondern nicht existent, nicht einmal als Toter, ein Wahn, ein Nichts?

Wie verhalten wir gläubigen Christen uns angesichts dieser Gegebenheit? Was können, müssen wir tun? Diese Frage stellte ich mir immer wieder, und sie wird mir auch oft von anderen gestellt. Was tun, da auch Worte nicht ankommen, auf taube Ohren treffen?

Im Alten Testament lesen wir: "Als die Nacht zu ihrer Mitte vorgerückt war und tiefstes Dunkel die Erde umfing, da sandtest Du Gott Dein allmächtigstes Wort vom ewigen Thron". Immer hat Gott es so gehalten: Erst in die schwärzeste Nacht hinein sandte ER sein Licht. Das war so bei Jesu Geburt und war so am Ostermorgen. Und wie viele Male, an wie vielen Punkten der Erde hat sich dieses Geschehen immer wieder ereignet! Auferstehung, neue Geburt Gottes in diese Welt hinein. Ich denke, dies vor allem, ist von uns gefordert angesichts dieser Situation: Fern jeder Resignation und Angst, diese strahlende Gewissheit und Zuversicht festzuhalten und das zu leben mitten in die Finsternis hinein: ER kommt, kommt wieder. Und, gerade weil die Nacht so tief ist, dürfen wir gewiss sein: ER steht schon vor der Tür. ER klopft schon, wenn es auch sehr viele noch nicht hören.

Diese strahlende Gewissheit, diese fraglose Zuversicht ist schon viel, aber längst nicht alles, was unser Gott heute und hier von uns erwartet. So wie ER damals vor 2000 Jahren nicht einfach vom Himmel sprang und dann eben da war, sondern durch menschliche Hilfe und Vermittlung in diese Welt eintreten wollte, so hält ER es immer noch. ER braucht uns, will sich unser als Vermittlern bedienen. Und das Beste, das wir tun können, um einer Neu-Geburt Gottes in diesen Finsternissen die Wege zu bereiten, ist, dass wir in uns selbst Gottesgeburt geschehen lassen. Dass wir zulassen, dass ER hineingeboren wird in uns, in uns sich entfalten und heranwachsen kann zum vollen Mannesalter, bis ER in vollendeter Gestalt in uns sichtbar werden und aufscheinen, sichtbar werden kann für die, die IHN nicht kennen, nie gehört haben von IHM.

Aber wie geht das? Von Gertrud der Großen, die in diesem Kloster hier lebte, wird berichtet, dass ihr das Jesuskind ins Herz gelegt wurde, damit sie es den Menschen zeige und bringe. Und Meister Eckhart, der ebenfalls in diesem Raum lebte und ihr Zeitgenosse war, predigte unermüdlich die Gottesgeburt auf dem Grund unserer Seele. Aber wie kann das geschehen? Wie können wir uns dafür bereiten? Das rufen die großen Gottesfreunde uns zu: Mach dich leer! Schaffe Raum für Gott!

Unser aller Herzen sind weithin Rumpelkammern, in denen sehr viel wertloser Kram und Krempel herumsteht, der Gott den Raum verstellt, und IHM keine Luft zum Atmen lässt: unsere Egoismen, unser Ehrgeiz, unsere Herrschsucht, unsere Habsucht, unser Wichtignehmen von tausend Nichtigkeiten, unsere oft recht zweifelhaften Neigungen und Antipathien und ... und ... und. Wertlosen Plunder halten wir krampfhaft fest und haben so Arme und Hände nicht frei, um den uns angebotenen Himmel zu umfassen und ihn, Gottes Liebe, Gott selbst in seiner Fülle und Herrlichkeit in unser Herz hineinzuziehen. Unbegreiflich, dass wir, die so stolz sind auf unseren Verstand und mit ihm ja auch tatsächlich einiges zuwege bringen, so vernagelt sind, das nicht zu sehen und uns wie Kinder an unser Spielzeug klammern und Gott nicht Raum geben in uns.

Mit ewiger Sehnsucht
halten meine Augen
Ausschau nach dir.
Voll Verlangen
von Ewigkeit her
erwarte ich dich.
Meine Augen
laufen alle Straßen
der Welt entlang,
dich zu suchen,
durchforschen
Wälder und Wüsten
und den Dschungel
der großen Städte
dass sie dich fänden.
Meine Arme,
ewig ausgestreckt nach dir,
werden nicht matt.
Und meine Füße
laufe ich mir wund
auf den Dornenwegen
der Welt
dich heimzuholen
zu mir.
Siehe, ein Gott der Sehnsucht
bin ich dir,
ein langmütiger,
geduldiger Gott,
Gott des langen Wartens.
Und dennoch,
brennend in Ungeduld,
dich in die Arme
zu schließen,
endlich:
dich trunken zu machen
von einem Glück,
das du dir nie
erträumt,
mit Rosen meiner Liebe
dich rings zu umranken,
zu betäuben
mit dem Duft meiner Zärtlichkeit:
dich zu durchtränken
mit meinem göttlichen Licht
und in das blühende Kleid
meiner Gottheit
dich ganz zu verhüllen.
Sieh meine Gottessehnsucht,
die mich verzehrt.
Verschliess dich ihr nicht.
Denn bin ich gleich
der ewig Ruhende,
so find ich doch nicht Ruhe,
bis ich finde,
wohin ich mich
mit aller Fülle
meines Seins
ergießen kann,
bis ich das Herz
gefunden hab'
das mich ganz
aufnimmt
und sich mir
ganz ergibt.


"Wo du dein Ich am Werk siehst, deinen Egoismus spürst", ruft Meister Eckhart uns zu: "da lass dich, schaff Raum für Gott! Und dir wird mit dem in den leeren Raum einziehenden Gott überschwenglicher Reichtum, überschwengliche Freude zuteil. Du verlierst nichts und gewinnst alles."

Diese Gottgeburt in uns, wenn wir ihr Raum geben, uns öffnen für sie , bringt aber nicht nur uns selbst unendlichen Gewinn und die Erfüllung unseres Menschseins – wozu sonst sind wir geschaffen? – sie ist auch der große Imperativ Gottes an uns, seine drängende Bitte an uns heute und hier in dieser Situation. Nur wenn in uns, die wir glauben, die Gottesgeburt geschieht, immer, immer wieder neu, dann kann sie eines Tages auch wieder geschehen in den Herzen derer, denen man Gott zu Tode geschwiegen hat. Ich bin ganz sicher, dass vor allen äußeren Aktivitäten, die in diesen Tagen vor Weihnachten notwendig sind, Gott in erster Linie sich dies von uns wünscht, dass dies seine große Sehnsucht ist, dass wir IHM Lebensraum geben in uns, IHM immer noch mehr Platz schaffen, IHN immer weniger behindern. IHM immer mehr Bewegungsfreiheit geben, dass sein Licht so mächtig werden kann in uns, so unbehindert aus- und herausstrahlen kann, dass die anderen es spüren, getroffen und erwärmt werden davon und irgendwann zu fragen beginnen.

Morgen ist Weihnachten. Vergessen wir einmal alles äußere Drumherum! Machen wir uns vielmehr tief bewusst: Gott liegt schon auf der Lauer vor meiner Tür. Seine Herrlichkeit wartet schon ungeduldig darauf, eingelassen zu werden in den weit offenen Raum unseres Herzens, strahlende, neue Gottesgeburt zu feiern in dir, in mir, in den vielen, die, wenn auch noch unbewusst, sehnsüchtig warten darauf.

Autor: Schwester M. Assumpta Schenkl O.Cist., Cistercienserin im Kloster St. Marien zu Helfta, Lutherstadt Eisleben

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