Salzkörner

Freitag, 28. Februar 2020

Inklusion lohnt sich!

Beschäftigung mit einem Begriff, der auf seinen Kern geprüft werden will

Im Rahmen des zehnten Jahrestages des Inkrafttretens der UN-Behindertenrechtskonvention (kurz: UN-BRK) in Deutschland, hat es im vergangenen Jahr eine Vielzahl von Auswertungen, Foren und Aktionen gegeben, die eine klare Botschaft sendeten: Gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, einer diversen Menschengruppe, die laut Statistischem Bundesamt etwa 9,4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, ist noch lange nicht erreicht. Kurz vor dem elften Geburtstag der deutschen Ratifizierung der UN-BRK am 26. März lohnt es sich auch deshalb, erneut von einem systemischen Ansatz zu lernen, der in seiner vollen Konsequenz das Ende von gesellschaftlichem Ausschluss bedeutet: Inklusion.

Inklusion ist eine Vision, in der sämtlichen Menschen (-gruppen) die Möglichkeiten gegeben werden, in allen gesellschaftlichen Bereichen partizipieren zu können. Die Realität sieht anders aus: Eine Vielzahl von Menschen(-gruppen) wird tagtäglich ausgeschlossen. Familien, die aufgrund ihres Nachnamens nicht zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen werden, Menschen mit Behinderungen, die keinen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt finden, Menschen mit Fluchterfahrungen, die der deutschen Bürokratie unterliegen. Die Liste der Ausschlusserfahrungen ist schier endlos und umfasst viele individuelle Geschichten, die oft von den Betroffenen als persönliches Scheitern empfunden werden.

Inklusion nimmt Individuen den Anpassungsdruck und erfordert von Systemen, sich an die Bedarfe und Fähigkeiten von Menschen anzugleichen. Mittel hierfür ist eine umfassende Barrierefreiheit, die nicht nur auf bauliche Vorgaben, wie etwa in der Stadtentwicklung oder dem Hausbau, beschränkt ist, sondern alle Bereiche menschlichen Handelns in einer Gesellschaft betrifft. Praktische Beispiele eines solchen Barrierenabbaus sind die Vielsprachigkeit bei behördlichen Briefen in leicht verständlicher Sprache, der Einsatz von Dolmetschenden der Gebärdensprache(n) und die Untertitelung von medialen Videoproduktionen. In der Arbeitswelt können Assistenzen zur Unterstützung eingesetzt, in Schulen Methoden und Didaktiken auf den Ressourcen der Schüler*innen aufgebaut werden. Beispiele guter Praxis gibt es mittlerweile viele, wohingegen die Frage der stetigen Finanzierung immer noch oft zu kurz gedacht ist. Grundvoraussetzung für Barrierefreiheit ist, dass Systeme sich kritisch prüfen und empfänglich für die Rückmeldungen der einzelnen Gruppen sind, auch wenn es um Kostenübernahmen geht.

Mal nicht die Haltung bewahren!

Im Rahmen der deutschen Realisierung der UN-BRK ist der wohl bekannteste Ansatz eines Haltungswechsels die gesetzliche Änderung der Sozialhilfeleistungen für Menschen mit Behinderungen hin zum Bundesteilhabegesetz (BTHG), also der Wechsel in der Sichtweise der behinderten Menschen als Empfänger*innen staatlicher Hilfeleistung hin zu aktiv partizipierenden Bürger*innen. Die Effektivität des erst im Jahre 2017 in Kraft getretenen BTHGs wird von Menschen mit Behinderungen, Verbänden und sozialen Trägern kritisch geprüft. Dabei stellen sie an alle die Frage, wie Menschen mit Behinderungen gesehen werden: als Menschen, denen geholfen werden muss oder als Gleichberechtigte? Barrierenabbau beginnt im Kopf. Doch wie geht das? In einem ersten Schritt gilt es Vorannahmen sowie Vorurteile zu erkennen, sich bewusst zu werden, wie exklusiv die Strukturen sind, in denen man sich bewegt, sowie mit welchen Privilegien sie verbunden sind. Über soziale Medien ist der Zugang zu Stimmen von Menschen verschiedener Gruppen niedrigschwelliger geworden . Sich mit ihren Berichten und Lebensbedingungen auseinanderzusetzen, kann dabei unterstützen, diskriminierende Denk- und Handlungsmuster abzubauen. Bei einer solchen Arbeit an der persönlichen, organisatorischen oder systemischen Haltung geht es final darum, sich für Vielfalt zu öffnen, anzuerkennen, dass Menschen(-gruppen) selbst Expert*innen über ihr Leben sind und dass es lohnt, Kompetenzen abzugeben, um zu multiperspektivischen Ergebnissen sowie gemeinsamen Erlebnissen zu kommen.

„Nichts über uns ohne uns“ lautet die Forderung der politischen Bewegung von Menschen mit Behinderungen, die die gewünschte Anerkennung von Expertise in eigener Sache bündelt. Konkret geht es sowohl um alltägliche als auch politische Entscheidungsmomente, in denen nichtbehinderte über behinderte Menschen verfügen. Echte Teilhabe kann nur da passieren, wo entsprechende Entscheidungsgewalt übertragen wird. Was sich theoretisch einfach anhört, ist in der Umsetzung eine Herausforderung: Die Ermächtigung der bislang nicht vertretenen Gruppe(n) bedeutet, dass Macht von den bislang vorherrschenden Gruppen abgegeben werden muss. So ändert sich dann auch die inhaltliche Ausprägung von „Expertentum“, welches diskriminierte Menschengruppen von zu erforschenden und zu bewertenden Objekten zu selbst sprachfähigen Subjekten, zu Expert*innen in eigener Sache bzw. Selbstvertreter*innen werden lässt.

Inklusion, nicht Integration

Der gar revolutionäre Kern von Inklusion zeigt sich, wenn durch Teilhabe- und Teilgabe-Prozesse bislang ausgeschlossene Gruppen Teil der Gesellschaft werden und sich so das ganze System verändert. In Abgrenzung dazu stehen integrative Systeme, in denen sich einzelne Gruppen weiterhin an eine Mehrheitsgesellschaft anpassen müssen. In vielen Diskussionen werden die Begriffe Integration und Inklusion nicht trennscharf genutzt. Ein berühmtes Beispiel verdeutlicht, wie notwendig die genaue Prüfung der Nutzung der Begrifflichkeiten ist: In der Übersetzung der UN-BRK ins Deutsche ab 2009 waren es die Zivilgesellschaft und insbesondere Selbstvertreter*innen die darauf hingewiesen haben, dass das englische Wort „inclusion“ in der deutschen Übersetzung mit „Integration“ übersetzt wurde und somit die deutsche Übersetzung zunächst einen völlig anderen Charakter als das englische Original aufwies. Entsprechend sollten Begrifflichkeiten sowohl bei ihrer Nutzung durch andere als auch in der eigenen Arbeit geprüft werden. Wenn Inklusion draufsteht, sollten auch systemische Änderungsprozesse, die darauf abzielen, das Individuum teilhaben zu lassen, drinstecken!

Inklusion ist eine Vision, die auf der Annahme fußt, dass alle davon profitieren, wenn es keinen Ausschluss mehr gibt, und noch mehr, dass menschliches Leben reicher wird durch Austausch, Begegnung und die gemeinsame Gestaltung von Gesellschaften. Die Frage danach, warum es sich lohnt für diese Utopie einzustehen, ergibt eine interessante Schnittmenge zu Nachfragen an kirchlich engagierte Menschen: Warum auf eine Hoffnung bauen, die nicht greifbar ist? Ist es nicht das Erleben von noch so kleinen Momenten des Ideals, welches ausreicht, um weiter am Unerreichbaren festzuhalten?!

Eine letzte Anregung, gerichtet an eben diese Menschen in der Kirche: Das Leitbild der christlichen Gemeinde beschreibt eine Orientierung an Fähigkeiten und Kompetenzen, die auch im inklusiven Gesellschaftsideal von Bedeutung ist. Menschen bringen sich nach ihren Gaben für die Gemeinde ein, dabei wird jedes Teil als gleich wichtig empfunden. Manch eine kirchliche Gemeinschaft mag aus einem entsprechenden Selbstverständnis bereits seit Jahren, wohlmöglich länger als jede Debatte über Inklusion alt ist, nach inklusiven Ansätzen aufgebaut sein. Kurz nach dem zwölften Geburtstag der Ratifizierung der

UN-BRK wird im Jahr 2021 in Frankfurt der 3. Ökumenische Kirchentag begangen, mit vielen Orten, die dafür genutzt werden können, ökumenisch, laut und deutlich zu zeigen, wie viele Beispiele guter, inklusiver Praxis es in kirchlichen Kontexten bereits gibt. In diesem Sinne: Schaut hin, prüft und berichtet!

            

Autor: Kathrin Hölscher Master of Arts Empowerment Studies, arbeitet in der Geschäftsstelle des 3. Ökumenischen Kirchentages Frankfurt 2021 e. V. in den Bereichen Barrierefreiheit und Umwelt

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