Salzkörner

Montag, 11. Dezember 2000

Integration gelingt am besten im Familienverbund

Einsichten aus dem 6. Familienbericht der Bundesregierung
Erstmalig widmet sich ein Familienbericht der Bundesregierung den vielfältigen Lebenssituationen zugewanderter Familien in Deutschland. Die gewonnenen Erkenntnisse belegen, dass ein zentraler Bereich der Integrationsaufgabe bei der Familienpolitik liegen muss

1996 beauftragte die vormalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Claudia Nolte, eine Kommission aus fünf Sachverständigen, einen Familienbericht zu erstellen, der die Leistungen, Belastungen und Herausforderungen von Familien ausländischer Herkunft in Deutschland umfassend darstellt. Der nunmehr von der Nachfolgerin Noltes im Amt, Dr. Christine Bergmann, vorgelegte Bericht zeichnet ein sehr differenziertes Bild der Entwicklung und der Lebenslagen von Familien ausländischer Herkunft.

Eine Daueraufgabe nicht nur für die Politiker

Die Auseinandersetzung mit der Thematik "Familien ausländischer Herkunft" erweist sich als äußerst komplex und heterogen. Sie lässt verallgemeinernde Vorstellungen und Vorurteile über "die ausländische Familie" nicht zu. Die Lebenslagen dieser Familien unterscheiden sich je nach Migrationserfahrung, kultureller Herkunft, sozialer Integration, aufenthaltsrechtlichem Status, Zugehörigkeit zu einer Minorität, Plazierung in sozialen Ungleichheitsstrukturen, nationaler und ethnischer Zusammensetzung und Migrationsmotivation.

Eine grundlegende Prämisse des Berichtes ist, dass Familien ausländischer Herkunft ein integraler Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland sind. Dabei wird Integration keineswegs als zeitlich befristetes Phänomen, sondern als vielfältiger und dauerhafter Prozess gesehen, der für Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche dauerhafte Herausforderungen mit sich bringt.

Die Sachverständigen stellen fest, dass die besondere Bedeutung von Ehe und Familie in den nicht unerheblichen Leistungen sichtbar wird, die Familien in der Migration und im Integrationsprozess für ihre Mitglieder und für die deutsche Gesellschaft insgesamt erbringen.

Im Bericht heißt es: "Für die sozialen Beziehungen von Migranten spielen Familie und Verwandtschaft die wichtigste Rolle. So sind es auch die durch Kettenmigration häufig sehr verzweigten familialen und verwandtschaftlichen Netzwerke der Zugewanderten, die hauptsächlich zu ihrer sozialen Integration in die deutsche Gesellschaft beitragen."

Und weiter: "Die Integrationsleistungen in die Aufnahmegesellschaft, die in diesen Verwandtschaftsbeziehungen von Familien ausländischer Herkunft erbracht werden, wären als institutionalisierte Angebote personell und finanziell außerordentlich aufwendig und stellen damit eine wesentliche Entlastung der Aufnahmegesellschaft dar". (BMFSFJ, 6. Familienbericht, S. 201)

Gemeinsame Auswanderung erleichtert die Eingliederung

Außerdem wird aufgezeigt, dass Familienmitglieder, die zum gleichen Zeitpunkt beziehungsweise mit kurzen Zeitabständen nach Deutschland kommen, die mit der Migration verbundenen neuen Aufgaben und Herausforderungen besser bewältigen können als jene Familien, bei denen der Kettenmigrationsprozess über längere Zeiträume andauert.

Familienmitglieder, die gemeinsam wandern, treffen die meisten Entscheidungen gemeinsam und kooperieren bei der Erfüllung der Aufgaben, was sich stabilisierend für die durch Familienmigration ausgelösten Veränderungen auswirken kann. In Untersuchungen wurde deutlich, dass die geschlechts- spezifische Aufgabenteilung bei jenen Familien am größten ist, in denen der Ehemann zuerst gewandert ist ("männlicher Pionierwanderer").

Die Lebenslagen ausländischer Familien und Privathaushalte ausgewählter Nationalitäten sind sehr unterschiedlich. Ihren Lebensunterhalt erzielen sie überwiegend aus Erwerbsarbeit. Die Migration von Familien stellt sie im Aufnahmeland vor neue Herausforderungen.

Eltern, insbesondere jene aus bildungsfernen Milieus, benötigen Informations- und Entscheidungshilfen, die sie bei der Neugestaltung des Familienlebens unterstützen und sie in ihrer Erziehungskompetenz stärken. Unerlässlich für eine dauerhafte Integration in Deutschland ist das Erlernen der deutschen Sprache, was nicht im Widerspruch stehen muss zum Wunsch vieler Familien ausländischer Herkunft ihre Muttersprache zu pflegen.

Rahmenbedingungen müssen den Zusammenhalt fördern

Da die Migration ein Dauerphänomen ist und bleiben wird, müssen migrationspolitische und familienpolitische Überlegungen darauf ausgerichtet sein, Lösungen zu finden, wie die Daueraufgabe des Zuzugs von Familien ausländischer Herkunft zukünftig gelöst werden kann. Im Bericht wird deutlich dargelegt, dass für den Integrationserfolg entscheidend ist, dass Familien möglichst gemeinsam nach Deutschland kommen.

Es sind daher alle Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine Trennung der Ehepartner oder der Kinder von ihren Eltern sich minimalisiert. Diese Ergebnisse sollten bei der anstehenden europäischen Regelung des Familiennachzugs von Ausländern einbezogen werden.

Familien ausländischer Herkunft leiden in besonderer Weise unter der strukturellen Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft gegenüber der Familie. Die Förderung der Eingliederung wird nicht nur durch verlässliche ausländer- und aufenthaltsrechtliche Rahmenbedingungen, sondern auch durch eine familiengerechte steuerliche Entlastung aller Familien bei den anstehenden Gesetzesvorhaben im Bereich des Familienlastenausgleichs erreicht.

Ebenso muss die Migrations- und Familienpolitik darauf reagieren, dass familiäre Entscheidungen bezüglich des Verbleibs im Aufnahmeland beziehungsweise Rückkehr ins Herkunftsland oder Pendeln zwischen den Ländern durchaus unterschiedlich ausfallen können.

Mütter sind für den Integrationserfolg maßgeblich

Die Beherrschung der deutschen Sprache ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Jugendliche ausländischer Herkunft weiterführende Schulen besuchen und eine qualifizierte Berufsausbildung aufnehmen können. Die Integrationsförderung kann ferner über eine Einbeziehung der Eltern ins vorschulische und schulische Geschehen verbessert werden.

Durch gezielte Familien- und Elternbildung können die Erziehungskompetenz gestärkt sowie wichtige Informationen über das Aufnahmeland vermittelt werden. Hierfür müssen in ausreichendem Maße finanzielle Mittel bereitgestellt werden, damit die Bildungseinrichtungen vorbereitet sind, adäquat die besonderen Schwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen aus Familien ausländischer Herkunft zu erkennen und die vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen zu fördern.

Da nach der Analyse der Sachverständigen Frauen und Mütter maßgeblich für den Integrationserfolg verantwortlich sind, müssen geeignete Maßnahmen entwickelt werden, um ihre Lebenssituation in Deutschland zu stärken.

Auch kirchliche Einrichtungen können einen Beitrag zur erfolgreichen Integration leisten, indem sie nicht nur ihre vielfältigen Beratungs-, Informations- und Aufklärungsangebote zielgruppenspezifisch erweitern, sondern auch eine verstärkte Kooperation mit Migranteneinrichtungen sowie Frauen- und Jugendschutzeinrichtungen anstreben.

Deutschland ist auf Zuwanderung angewiesen – eine Erkenntnis, die sich mittlerweile bei allen durchgesetzt hat. Für die Zukunftaufgaben fehlt es sowohl der Zahl als der Qualifikation nach an jungen Deutschen. Ohne Zuwanderung wird unser Land weder die Vorteile der Europäische Integration noch die Chancen der Internationalisierung der Märkte in besonderem Maße nutzen können.

Es liegt daher im nationalen Interesse, ein tolerantes und friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen gesellschaftspolitisch zu gestalten. Darüber hinaus stellen die Migranten und hier insbesondere die Familien ausländischer Herkunft eine besondere Bereicherung unserer Gesellschaft dar.



Der sechste Familienbericht ist erhältlich im Bundesfamilienministerium.

Autor: Dr. Barbara Hoffmann, Wissenschaftliche Referentin beim Familienbund der Katholiken

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