Salzkörner

Freitag, 29. Juni 2018

Kein Ende der Krise in Sicht

Zur aktuellen Lage in Syrien

Sieben Jahre nach Ausbruch des Krieges sind so viele syrische Flüchtlinge, Vertriebene und Gewaltopfer auf Hilfe angewiesen wie niemals zuvor. Die Hälfte der Bevölkerung musste die eigenen vier Wände aufgrund der Kämpfe verlassen, viele mehrmals. Allein im ersten Quartal 2018 wurden 920.000 Menschen zur Flucht innerhalb Syriens gezwungen. So viele wie niemals zuvor. Und wer im siebten Jahr des Bürgerkrieges noch in seiner Heimat ausharrt, hat alle Ersparnisse längst aufgebraucht und alles zu Geld gemacht, was irgendwie von Wert war. Denn ein Kilo Reis kostet regional mittlerweile bis zu 20 Prozent eines durchschnittlichen syrischen Monatseinkommens. Benzin und Öl kostet das Zehnfache. Preise für Nahrungsmittel sind, verglichen mit dem Vor-Krisen-Niveau, um bis zu 800 Prozent angestiegen.

Die wenigsten Väter und Mütter haben angesichts solcher Preise und einer Arbeitslosigkeit von 60 Prozent noch die Möglichkeit, mit ihrer eigenen Hände Arbeit ihre Familien zu ernähren. Um die eigene Versorgung sicherzustellen, wären monatlich für eine Durchschnittsfamilie umgerechnet 200 US-Dollar notwendig. In der Regel stehen ihnen aber nicht mehr als 60 Dollar zur Verfügung. Schon einfachste Krankheiten werden lebensbedrohlich, weil die Behandlung für die allermeisten Syrer unerschwinglich ist.

Mehr als geschätzt 13,5 Millionen Hilfsbedürftige

Hilfe von außen entscheidet deshalb in Syrien tagtäglich über Leben und Tod. Caritas konnte bislang – ohne Ansehen von Religion oder Ethnie – Zehntausende Menschen in Syrien unter anderem mit Grundnahrungsmitteln wie Reis, Linsen und Öl sowie Hygieneartikeln, Decken, Matratzen und Mietbeihilfen versorgen. Als Beobachter ist es überraschend, wie oft solche Hilfe trotz Bombardements und Feuerhagel immer wieder möglich war und weiterhin ist. Der Bedarf jedoch ist so riesig, dass längst nicht mehr alle der geschätzt 13,5 Millionen Hilfsbedürftigen im Land von Hilfsorganisationen überhaupt versorgt werden können. Ist doch allein die Zahl der Menschen mit Behinderung seit Kriegsbeginn um 130 Prozent gestiegen. 300.000 Menschen warten im Großraum Damaskus bereits jetzt auf Prothesen.

So müssen wir als Caritas unsere begrenzten Mittel für diejenigen einsetzen, die die größte Not leiden und deshalb die Hilfe am dringendsten brauchen. Das sind zum Beispiel alte, kranke und behinderte Menschen. Das heißt aber auch: Wer "nur" von zuhause vertrieben wurde, ansonsten jedoch keines der anderen Bedürftigkeitskriterien erfüllt, dem kann oft nicht geholfen werden, obwohl er diese Hilfe bräuchte, weil schlicht das Geld fehlt. Es ist schwer zu ertragen, dass den humanitären Helfern in solchen Momenten die Hände gebunden sind, wenn man sich zuvor gerade erst nach den Fahrten durch zerstörte Wohnblockskelette mit eigenen Augen vom Leid der Menschen wie auch der Wirksamkeit der Hilfe vor Ort überzeugt hat.

Wachsende Erschöpfung der lokalen Helfer

Wo jedoch ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, da gelangt viel Hilfe zu den Kriegsopfern. So kommt Caritas-Hilfe mittlerweile in neun unterschiedlichen Regionen in ganz Syrien von Damaskus bis Idlib an. Partner bei der Umsetzung der Hilfsprojekte sind zum Beispiel die Caritas Aleppo und katholische Ordensgemeinschaften, aber auch Einzelpersonen und zivilgesellschaftliche Organisationen säkularer Orientierung. Ohne solche lokale Kenntnisse, freiwilliges Engagement und die Einbindung vorhandener gesellschaftlicher Organisationsformen wie Gemeinderäten, kirchlichen Strukturen oder lokalen Hilfskomitees ist humanitäre Hilfe im syrischen Kontext nicht zu leisten. Nur dank eines weit verzweigten Hilfsnetzwerkes ist es möglich, landesweit zu helfen. Denn kaum eine Hilfsorganisation hat in allen Regionen des Landes mit seinen unterschiedlichen Machthabern Zugang zu den hilfesuchenden Menschen. Die wachsende Erschöpfung der lokalen Helfer, die ja zugleich auch Betroffene der Krise sind, ist auch ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wie alle Hilfsorganisationen verliert auch die Caritas Syrien immer wieder Mitarbeitende durch Weggang und Flucht und kann qualifizierte Stellen oftmals nur mühsam neu besetzen.

Je länger der Konflikt dauert, desto wichtiger wird es, auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen zugeschnittene Lösungen zu finden. Deshalb werden von Caritas seit 2014 vermehrt und zuletzt vornehmlich Gutscheine an die Menschen ausgegeben, mit denen sie Waren und Dienstleistungen in den Supermärkten, Apotheken und Arztpraxen einkaufen können. Vieles ist noch auf den lokalen Märkten verfügbar. Engpässe gibt es jedoch immer wieder bei Grundnahrungsmitteln wie Brot, bei medizinischem Material und bei der Trinkwasserversorgung.

Es bleiben die Alten und Kranken

Mit solcher Art der Hilfe kann das Überleben tausender Menschen tagtäglich gesichert werden. Nicht jedoch ist damit eine Lebensperspektive zu schaffen, die angesichts der kollabierten Basisleistungen wie Bildung und medizinische Versorgung dringend nötig wäre. Die Bedingungen für einen nachhaltigen Frieden, darin sind sich alle Experten einig, sind in Syrien auf absehbare Zeit, nicht zuletzt aufgrund der in großen Teilen völkerrechtswidrigen Art der Kriegsführung, nicht gegeben. Allenfalls die Schaffung eines neutralen Umfeldes ohne "heißen Krieg", wie das die UN nennt, wird derzeit für realistisch gehalten. Doch für einen geregelten Alltag, der ein Leben in Syrien wieder ermöglichen würde, bräuchte es über die Beendigung des Krieges hinaus mehr.

Es bräuchte vor allem eine wirtschaftliche Entwicklung, die es den Menschen ermöglichen würde, ihre Familien mit der eigenen Hände Arbeit zu ernährten. Sonst werden weiterhin die Leistungsfähigsten das Land verlassen. Kaum ein Gesprächspartner, dem man in Syrien begegnet, der nicht im Laufe der Zeit zur Sprache bringt, dass er ans Auswandern denkt – nach Kanada, Australien oder Europa. Meist sind auch schon diverse Verwandte vorausgegangen. In Städten wie Aleppo und Homs herrscht durch die immensen Zerstörungen große Wohnungsnot, doch gleichzeitig fallen die vielen verriegelten und verlassenen Wohnungen in den nicht bombardierten Stadtteilen auf, die von ihren Bewohnern aufgrund von fehlenden Erwerbs- und Überlebensmöglichkeiten verlassen wurden. In Syrien bleiben werden, wenn sich dieser Trend fortsetzt, die Alten und Kranken.

Ausbluten der syrischen Gesellschaft

Es ist jedoch derzeit kaum vorstellbar, dass es dem Land, das vor dem Krieg zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaften im Nahen Osten zählte, gelingen wird, aus eigener Kraft wieder auf einen stabilen Wachstumspfad zurückzukehren. Das scheint schon allein deshalb illusorisch, weil Syrien laut Berechnungen der Weltbank durch Tod, Auswanderung und Vertreibung etwa 30 Prozent an, wie es so unschön heißt, "menschlichem Kapital" verloren hat. Die internationale Gemeinschaft wiederum wird sich kaum in dem Maße engagieren, wie das für ein substanzielles Wachstum notwendig wäre, solange das Assad-Regime weiter an der Macht festhält.

Das Regime selbst aber scheint weiterhin alles dafür zu tun, um das Ausbluten der eigenen Gesellschaft zu beschleunigen. So sorgte erst im April ein Dekret des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad für Irritationen, das dem Regime die Möglichkeit gibt, syrische Flüchtlinge zu enteignen. Sollten sich Eigentümer nicht binnen 30 Tagen vor Ort melden und ihre Ansprüche anmelden, fiele ihr Eigentum nach Ausweisung neuer Bauplanungen an den Staat. Eine Vorgabe, die für kaum einen Flüchtling zu erfüllen sein wird. Dabei wären es genau diese Menschen, um die der syrische Staat werben müsste. Ansinnen der Regierung scheint es jedoch mehr denn je zu sein, all jene abzuschrecken, die der eigenen Machtlogik entsprechend als nicht ausreichend regimetreu gelten.

 

 

 

 

Autor: Dr. Oliver Müller Leiter von Caritas international

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