Salzkörner

Montag, 11. Dezember 2000

Kein Rückzug ins Private!

Vielfalt des Zeugnisses in der Pluralität unserer Gesellschaft muss die Devise sein
Die Pfarrgemeinden befinden sich seit mehr als 20 Jahren in einem tiefgreifenden Wandel. Als Territorialgemeinden sind sie für die meisten Gläubigen der Mittelpunkt ihres Lebens in der Kirche. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat auf seiner jüngsten Vollversammlung acht Thesen zur Zukunft der Gemeinden verabschiedet.

Prägend für den heutigen Wandel des Gemeindebildes ist das vom II. Vatikanischen Konzil entfaltete biblische Bild vom Volk Gottes. Im Aufbruch aus bisher gewohnten Formen zu einer ungewohnten Vielfalt von Gemeindegestalten erleben wir das heute ganz konkret. Die Vielfalt selbst ergibt sich aus der heterogen gewordenen Gesellschaft, in der Kirche ihre Sendung wahrnehmen muss.

Daneben tritt heute verstärkt ins Bewusstsein, wie wichtig andere kirchliche Organisationsformen wie Verbände und geistliche Bewegungen für das Leben der Kirche sind. Dennoch behält die Territorialgemeinde ihre große Bedeutung als erlebbare Glaubensgemeinschaft in räumlicher Nähe, als kontinuierliche Glaubensquelle und als konkreter Ort praktisch geübter Solidarität und politischer Verantwortung.

Zwischen Fels und Schiff

Die Vorstellungen von Gemeindemitgliedern über das, was Kirche ist, reichen von größtmöglicher Zuwendung zur Welt bis zur kleinen sich selbst genügenden Herde der Bekennenden. Im Bild gesprochen bewegen sich die Vorstellungen im Spannungsbogen zwischen "Fels" und "Schiff", wobei "Fels" für Stabilität, Sicherheit, Bollwerk und Kontrast zu den hin und her wogenden Trends des Zeitgeistes steht und "Schiff" für die Bereitschaft zu Aufbruch und den Mut, die Wirklichkeit ernst zu nehmen, neue Ufer anzusteuern, Stürme nicht zu fürchten, eben unterwegs zu sein.

Ein anderes Element, das das Erleben von Gemeinde heute prägt: Oft liegen gelebter Glaube und die Postulate der Kirchenleitung in dogmatischen und sittlichen Fragen weit auseinander. Glaube ist immer biografisch mitbestimmt. Die Erfahrungen der Gemeindemitglieder werden von der Kirchenleitung häufig nicht hinreichend wahrgenommen. Dies führt zur Entfremdung zwischen Teilen des Kirchenvolkes und der Kirchenleitung und damit zu einem bedauerlichen Autoritätsverlust des kirchlichen Amtes in wichtigen Fragen.

Ein die Situation der Gemeinden heute kennzeichnendes Problem ist der Mangel an Priestern. Er gefährdet in vielfältiger Weise die Existenz vieler Gemeinden als sakramentale Gemeinschaft. Andererseits haben sich selten zuvor so viele Frauen und Männer in Kirchengemeinden engagiert. Sie übernehmen manche Aufgabe, die früher von Pfarrern und Kaplänen wahrgenommen wurde. Neben vielen positiven Impulsen fördert dies aber leider auch den Verdacht, man wolle sich priesterliche Funktionen anmaßen.

Öffnung nach innen und nach außen

Vor dem Hintergrund dieser Situation hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken Ende November ein acht Thesen umfassendes Papier zur Zukunft der Gemeinden verabschiedet. Es wendet sich damit vor allem an diejenigen, die sich vor Ort für die Zukunft der Gemeinden verantwortlich fühlen. Dabei ist es Kernanliegen des ZdK für eine Öffnung der Gemeinden zu werben, für eine Öffnung nach innen, die das neben- und miteinander vieler Individuen und Gruppen möglich macht, die die individuellen Lebensentwürfe der Gläubigen integriert, aber auch ein Öffnen nach außen, hin zu ökumenischer Geschwisterlichkeit und auch zu denen, die am Rande stehen.

Die Thesen des ZdK-Papiers lauten in Kurzform:

1.Öffnen der Gemeinden – wider die Gefahr der Milieuverengung Jeglicher Milieuverengung, etwa auf die regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer, ist durch größere kirchliche Lebensnähe zu anderen Milieus zu begegnen. Hierzu sind Orte der offenen Begegnung nötig. Gemeinde muss einen einladenden Charakter haben und jede Chance wahrnehmen, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die mit ihr in Kontakt kommen wollen. Zugleich müssen sich die Glieder der Gemeinde fragen, ob sie bereit sind, in anderen, nichtkirchlichen Milieus gegenwärtig zu sein.

2.Raum für Lebensgeschichte und Biografie aus der Kraft des Glaubens – wider einen umfassenden Regelungsanspruch Die Gegenwart ist von einem starken Trend zur Individualisierung geprägt, die neben der Gefahr, sich selbst zum Maß nehmen zu wollen, auch die Chance zur persönlichen Glaubensentfaltung umfassen kann. Wenn Menschen ihre eigene Lebensgeschichte als Geschichte mit Gott erfahren sollen, muss es der Gemeinde gelingen, deren Situation ernst zu nehmen und mit ihrer guten Botschaft die Menschen so annehmen, dass sie Glaube zuerst als Hilfe zum Leben erfahren und nicht als Geflecht von zahlreichen, alles regelnden Lehrsätzen, Geboten und Verboten, die sie als lebensfremd und daher sie nicht betreffend und oft als unangemessen einengend empfinden.

3.Vielfalt der Gruppen als Chance – wider den Zwang zu gemeindlicher Uniformität In vielen Gemeinden gibt es verschiedene kirchliche Gruppen und Verbände, die für das Leben einer Gemeinde wichtig und wertvoll sind. Sie stellen eine Herausforderung dar, den Grundsatz der Subsidiarität auch auf ihrer Ebene zu leben und zugleich im Dialog ein "Netzwerk des Vertrauens" zwischen den Gruppierungen zu knüpfen, so dass für alle das Ganze im Blick bleibt. Die verschiedenen Gruppierungen und Verbände bieten auch den Nichtgottesdienstteilnehmern die Chance, auf dem Weg solidarischen Handelns in Projekten und Aktionen ihren eigenen Glauben und die Kirche wieder neu zu entdecken.

4.Gemeinden als Orte öffentlich wirksamen Gottesglaubens – wider einen religiösen Rückzug ins Private Der Zug der Zeit zur Privatisierung macht auch vor dem Glauben nicht Halt. Der Slogan "Glaube ist Privatsache" hat nicht nur in Teilen der Gesellschaft Konjunktur. Davor resignieren auch manche kirchliche Kreise und reden einem Rückzug der Kirche aus der vermeintlich gottlosen Gesellschaft und ihren Strukturen das Wort. Demgegenüber ist festzuhalten: Glaube hat unverzichtbar eine öffentliche Dimension, indem er die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums interpretiert und die Welt aus dieser Sicht mitgestaltet.

5.Gemeinden in der Mitverantwortung und Mitentscheidung aller – wider eine Missachtung der Kompetenz des ganzen Gottesvolkes Die ureigene Kompetenz von Laien, die – verglichen mit den Trägern des kirchlichen Amtes – keine "Christen und Christinnen zweiten Ranges" sind und über eine andere Lebenserfahrung aus Beruf, Ehe und Familie etc. verfügen als die Träger des Amtes, wird bisher strukturell zu wenig anerkannt und genutzt. Demokratie ist unlöslich mit den Lebenserfahrungen der Menschen heutiger Generationen verbunden, sie ist Teil ihres kulturellen Selbstverständnisses. Partizipation, Dialog, Selbstverantwortung, Freiheit und Gewaltenteilung sind Werte, die das persönliche und soziale Leben der Menschen prägen.

6.Heraus aus den Verlegenheitslösungen wegen des Priestermangels – wider die Gefährdung der sakramentalen Mitte der Gemeinde Der Priestermangel trifft die sakramentale Mitte der Gemeinde durch Mangel an Eucharistie. Das ZdK erinnert an seinen – leider bisher wirkungslosen – Vollversammlungsbeschluss vom 18.11.1994, die kirchenrechtlich zwingende Verbindung von Ehelosigkeit und Priesteramt um der Zukunft der Gemeinden willen ernsthaft zu überdenken.

7.Zukunft gewinnen durch die Kompetenz lernender Gemeinden – wider die Fixierung auf den Status quo In den meisten Bistümern Deutschlands sind Überlegungen zu veränderten pastoralen Planungen im Gange. Manches erscheint noch allzu sehr auf die "Verwaltung des Priestermangels" fixiert: Ohne Differenzierung der Gemeindeleitung in eigentliche und unverzichtbare Aufgaben des Priesters und solche, die auch von entsprechend ausgebildeten und beauftragten hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Laien gut geleistet werden können, wird den Anforderungen heutiger Pastoral unter veränderten Bedingungen nicht genügt.

8.Den Auftrag zur Überwindung der Spaltung leben – wider konfessionelles Kirchturmdenken Entsprechend dem Auftrag des Herrn, "eins zu sein", ist in den Kirchengemeinden die ökumenische Zusammenarbeit im gottesdienstlichen und sozialen Bereich zu verstärken. Christen verschiedener Konfessionen sollten all das aus ihrer gemeinsamen Sendung heraus gemeinsam tun, was heute verantwortbar gemeinsam getan werden kann.

Autor: Dr. Walter Bayerlein, Vizepräsident des ZdK und Sprecher für Pastorale Grundfragen

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