Salzkörner

Dienstag, 30. April 2019

Kirchengebäude und ihre Zukunft

Veränderte Lebensweisen und Glaubensinhalte räumlich gestalten

Die Zahl der Kirchengemeinden in Deutschland schrumpft. Die Grenzen der Gemeinden werden immer weiter. Wie Relikte aus der Vergangenheit bleiben oft Kirchengebäude zurück. Was soll mit ihnen geschehen? Abriss oder Umnutzung? Und wenn weitere kirchliche Nutzung, dann wofür und vor allem wie?

Grundüberlegung

Kirchengebäude haben städtebaulich und gesellschaftlich seit jeher eine starke Relevanz. Die aktuellen Veränderungen in der Kirche mit weniger Gottesdienstbesuchern und veränderten Glaubensgewohnheiten wirken sich unmittelbar auf die Nutzung von Kirchenräumen aus. Der Kirchbau war einst eine der Königsdisziplinen in der Architektur. Heute stellt sich die Frage, wie der christliche Glaube zeitgemäß in Kirchbauten zum Ausdruck gebracht werden kann.

Rahmenbedingungen

Anstatt mit Aufbruch haben wir es heute aus strukturbedingten und finanziellen Gründen oft mit der Diskussion um Umnutzung, Abriss oder Zweckentfremdung von Kirchengebäuden zu tun. Wenn Kirchengebäude nun aber für kirchliche Zwecke weitergenutzt oder umgestaltet werden sollen, ist es auch erforderlich, nach einem spirituellen und liturgischen "Update" zu fragen, um den Glauben ins Licht zu rücken.

Mit kurzem Blick zurück wird schnell deutlich, dass Kirchengebäude in allen Epochen der Geschichte Ausdruck von Glaubensinhalten und Erkenntnissen ihrer Zeit geworden sind. So bildete die Romanik mit ihren burgenhaften Kirchen beispielsweise einen beschützenden, wehrhaften und mächtigen Gott ab, die Gotik mit ihren unfassbar hohen und lichtdurchfluteten Räumen eine allumfassende Präsenz Gottes, eines Gottes, der Licht und Fülle ist.

Wie weiter? Neues wagen?

In Zeiten der Reduktion und eines Schrumpfungsprozesses gibt es die nicht unberechtigte Tendenz, am Bestehenden und Altbewährten festzuhalten. Tradiertes und historisch Gewachsenes wird wieder herausgearbeitet, Kirchengebäude werden oftmals denkmalgerecht saniert. Aber schaffen wir da nicht fast museale Räume? Stellen wir nicht unseren Glauben gleichsam ins Museum?!

Wenn wir die Zukunft der Kirche im Blick haben, müssen wir uns doch fragen, wie wir selber Kirchenräume wahrnehmen. Was empfinden zum Beispiel meine Kinder oder junge Menschen heute beim Betreten von Kirchenräumen? Was verbinden sie mit diesen Räumen, und fühlen sie sich angesprochen, reflektiert, ausgedrückt mit ihrem Weltbild, ihren Glaubens- und Seinsfragen?

Der Zustand einer Kirche, wenn keine Gemeinde darin ist, müsste sich idealerweise so darstellen, dass ein "still-heiliger Zustand der schweigenden Welt" (Schwarz/ Guardini) die Fülle von Gottes Dasein heute widerspiegelt.

Eine echte Erneuerung des Kirchenbaus beginnt ganz aus den Menschen heraus, die wieder (Ur-) Gemeinde darstellen, die eine ihnen immanente Bildhaftigkeit ihrer Jetztzeit hervorbringen. Symbole, Zeichen und Gleichnisse prägen seit jeher Kirche und Christentum. Doch welche sind die des 21. Jahrhunderts? Welches sind die heutigen Elemente und Identitätsmerkmale?

Natürlich dürfen wir nicht vordergründige Raum und "Event-architektur" produzieren, die auf kurzzeitige Effekte aus ist. Tradition und Glaubensinhalte müssen in Raum und Konzept Widerhall finden.

Unser Büro durfte sich in den letzten Jahren bei Veränderungsprozessen in der Kirche einbringen. (http://www.klodwig-company.de/home/) Die Projekte sie sind in erster Linie Orte des Glaubens, die das Geheimnis unseres Glaubens und unseres Lebens erahnen lassen. Es sind Orte, die spannend und anziehend sind.

Perspektive

Behandeln wir die Prozesse der sich wandelnden Kirche(n) so, dass sie Zeugnis für Christus und unseren Glauben geben, dann werden auch die Gebäude Zeugnis seiner Gegenwart heute sein. Man sagt: "Gebäude machen uns zu dem, was wir sind". Schön wäre es, wenn wir, gerade im christlich-kirchlichen Kontext, Gebäude zu dem machen, was wir glauben und sind.

 

Autor: Tobias Klodwig Dipl.-Ing. Architekt

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