Salzkörner

Mittwoch, 4. November 2020

Klare Kante zeigen!

Position beziehen gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen

Was bringt bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dazu, plötzlich den Rahmen rationaler Auseinandersetzung zu verlassen und zu Verkündern der krudesten Verschwörungsfantasien zu werden? Der Popmusiker Xavier Naidoo erstaunte auf diese Weise die Öffentlichkeit Anfang 2020 mit mehreren Videos, in denen er die Existenz des Corona-Virus anzweifelte und emotional aufgelöst davon berichtete, dass ein global agierender Pädophilenring Kinder in seine Gewalt bringen würde, um aus diesen eine Superdroge namens Adrenochrom zu gewinnen. Diese würde dann, seiner Ansicht nach, von den Eliten der Welt als Verjüngungsmittel genutzt werden. In eine ähnliche Kerbe schlug auch der Vegan-Koch Attila Hildmann nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie. Er verkündete in seinen Videos, dass das Virus ein Vorwand wäre, damit eine sogenannte Neue Weltordnung aufgebaut werde, und in Wirklichkeit würde der Multimilliardär Bill Gates einen Massenmord an der Weltbevölkerung planen. Das „deutsche Volk“ sieht er besonders in Gefahr vom, wie er sagt, „Judenstamm“ der Zionisten vernichtet zu werden.

Diese Reaktionen auf die globale Krise der Corona-Pandemie sind zwar heftig, doch wenn man sich mit dem Thema Antisemitismus beschäftigt, sind sie sie leider nur allzu leicht vorauszusehen. Denn immer wieder kommen mit tiefen Einschnitten in das gesellschaftliche Leben Verschwörungsmythen als einfache Krisenerklärungen wieder ans Tageslicht. So geschah es beispielsweise beim Ausbruch der Pest, als sich die Menschen die verheerende Seuche nicht erklären konnten und Schuldige dafür suchten. Die folgenden Pestpogrome gegen jüdische Gemeinden kosteten unzählige Menschen das Leben. Auch die sozialen Umwälzungen bei der Einführung neuer Medien beförderten nicht nur Wissen, sondern waren gleichzeitig auch Vehikel für Verschwörungserzählungen. Der Buchdruck brachte schon bald den „Hexenhammer“ hervor, in welchem gegen Juden und Frauen gehetzt wurde, oder auch Luthers antisemitisches Spätwerk „Von den Juden und ihren Lügen“. Radio und Film wurden von den Nazis als antisemitische Propagandamaschinen genutzt. Und nun sind wir konfrontiert mit dem rasanten Wachstum von Sozialen Medien, in welchen sich Menschen zwar auf unterschiedliche positive Arten miteinander vernetzen können, aber wo auch die schlimmsten antisemitischen Vorstellungen grassieren und global verbreitet werden.

Jüdinnen und Juden als Feindbild

So auch in den Beispielen von Naidoo und Hildmann oder auch in der Digitalsekte „QAnon“. Diese Gruppierung, die sich auch hierzulande immer öfter zeigt, sieht in Donald Trump einen Erlöser, welcher die sogenannten korrupten liberalen Eliten, Demokratinnen, Wissenschaftler, Juden und Journalistinnen bezwingen soll. All diese Verschwörungsmythen, die eine Reaktion auf zunächst unerklärliche und gefährliche Krisen sind, gipfeln in ihren Erklärungen fast immer beim Feindbild von Jüdinnen und Juden. Diese sollen für das Böse in der Welt, für globale und persönliche Miseren verantwortlich sein. Auf der anderen Seite stehen die absolut Guten, diejenigen, die vermeintlich die Wahrheit kennen und sich im Kampf gegen die wahlweise satanischen, freimaurerischen oder in dieser Vorstellung schlicht jüdischen „Mächte“ befinden.

Die lange und unrühmliche Tradition der Beschuldigung von Jüdinnen und Juden besteht bis heute. Seit der Antike mussten Jüdinnen und Juden als Feindbild herhalten. Dies geschah auch deswegen, weil das Judentum als erste Religion in Alphabetschrift lehrte und sich auf verbindliche und allgemeine Gesetzestexte berief. Die Tradition, die Torah lesen zu können, brachte Juden eine hohe Bildung und sorgte dafür, dass sich das Judentum auch außerhalb Israels in der Diaspora auf ein gemeinschaftsstiftendes Element beziehen konnte. Doch so erschien zunächst den Römern, dann den Christen das Judentum als etwas Fremdes, das man nicht verstehen wollte und das kein Recht auf eine eigenständige Existenz haben sollte. Im Christentum kursierten verschiedenste Verleumdungen gegen Juden, laut denen sich Juden gegen Christen verbünden würden, um diesen zu schaden. Ab dem 19. Jahrhundert wurde diese Judenfeindschaft aus dem Religiösen ins Biologische überführt. Nun wurde kolportiert, dass Juden eine Rasse seien, die sich gegen die „arische Rasse“ verschworen hätte. Der Mythos der Verschwörung hat seine Wurzeln so tief in unser gesellschaftliches Denken gegraben, dass auch Personen wie Hildmann oder Gruppierungen wie QAnon und Reichsbürger sehr leicht auf diese bösartigen Erzählungen zurückgreifen und sie für ihre eigenen Zwecke nutzen können.

Dass diese Mythen nicht nur bloße Märchen sind, die man als harmlose Spinnerei abtun sollte, macht uns auch der Anschlag von Halle deutlich. Laut den Aussagen des Attentäters hätten sich Juden gegen die „weißen Männer“ verschworen und würden Geflüchtete ins Land lassen, die den Männern die Frauen wegnehmen würden. Seinen mörderischen Anschlag wertete der Attentäter als Notwehr gegen diese gefühlte Bedrohungsfantasie. Und er radikalisierte sich in Internetforen, in denen täglich Verschwörungsmythen und menschenverachtendes Gedankengut geteilt wurden.

Emotionale Ebene ist entscheidend

Mein Appell lautet daher, dass wir so früh es geht, diesen gefährlichen Fantasien etwas entgegensetzen sollten. Wir müssen Menschen die Chance geben, die Krisen, die sie als bedrohlich empfinden, auf eine andere Art zu bewältigen. Menschen, die stark autoritär geprägt sind, möchten die Schieflage der Welt durch Schuldzuweisungen und harte Feindbilder geraderücken. Leider können sie selten durch ganz rationale Argumente wieder in einen ausgeglichenen Diskurs eingebunden werden. Je mehr Argumente man vorbringt, desto mehr graben sich manche Menschen ein und sehen auch dort die bösen Verschwörer am Werk. In der Begegnung mit Menschen, die Gefahr laufen, in Verschwörungsmythen abzutauchen, ist weniger die rationale als vielmehr die emotionale Ebene entscheidend. Die Ängste der Menschen wahrzunehmen und ihnen zu zeigen, dass man ihre Verunsicherung in der Krise ernst nimmt, kann eine gewisse Basis herstellen, über die man kommunizieren kann. In solchen Situationen versuche ich zu fragen, wie es meinem Gegenüber geht, welche Gefühle in ihr oder ihm vor sich gehen. Ich verzichte darauf, zunächst die Konfrontation mit harten Fakten zu suchen, sondern gebe den Menschen Raum, um sich ihrer eigenen Verunsicherung zu stellen. Auch das ist kein Geheimrezept. Wir werden als Gesellschaft den gefährlichen Verschwörungsglauben und den aus ihm folgenden Antisemitismus nicht alleine mit sozialpsychologischen Mitteln lösen können. Einem Attila Hildmann wird die emotionale Ansprache wahrscheinlich nicht mehr viel helfen. Manche haben sich bereits so tief in die Mythen hinabbegeben, dass nur noch die harten rechtsstaatlichen Mittel angewandt werden müssen, um unsere Demokratie vor gewaltbereiten Verschwörungspropheten zu schützen. Hier müssen der Staat und die Gesellschaft klare Kante zeigen!

Die Kirchen und Religionsgemeinschaften sind in diesem Prozess in hohem Maße gefragt. Menschen, die verunsichert sind, brauchen mehr Seelsorger und weniger Landesbeauftragte. Der Staat kann nicht über das Seelenleben der Menschen bestimmen und es kann auch nicht seine  Aufgabe sein, emotionale Stützen zu liefern. Dafür braucht es auch zunehmend die Fähigkeiten von Priestern, Pfarrerinnen und Pfarrern, Rabbinern, Imamen, Psychologen, Therapeutinnen und Therapeuten oder Menschen in sozialen Berufen. Denn der Ausstieg aus Verschwörungsmythen ist vergleichbar mit dem Ausstieg aus Sekten. Wer sich in die Fänge von Verschwörungsfantasien begibt, bricht häufig den Kontakt mit Freunden und Verwandten ab, er findet eine neue Gruppe von Menschen, meist im Internet, die sich zu den „Erleuchteten“ zählen, die ihre ganz eigene Wahrheit zu haben scheinen. Familienangehörige brauchen daher verstärkt Unterstützung, wenn sich Nahestehende mehr und mehr in Verschwörungsgefilde bewegen. Beratungsstellen unterschiedlicher Arten müssen ausgebaut werden, um diesem Thema gerecht zu werden. Gegen diese Art von gefährlichen Erzählungen können wir uns daher nur als ganze Gesellschaft stemmen und es gilt für jede und jeden Einzelnen von uns, gegen Antisemitismus und Verschwörungsmythen Position zu beziehen. Ich habe große Hoffnung, dass wir es diesmal schaffen werden, unsere Demokratie zu schützen und sie nicht ihren Feinden preiszugeben.

 

 

Autor: Dr. Michael Blume | Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg

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