Salzkörner

Montag, 5. Juli 2004

Leben im Zeitraffer

Verlorene Jahre für die Familie
Es ist noch keine zehn Jahre her, seit der Bevölkerungshistoriker Arthur E. Imhof den Begriff der "gewonnenen Jahre" prägte. Er stellte die Verlängerung der Lebenszeit in den Mittelpunkt einer Studie, die die Auswirkungen der gestiegenen Lebenserwartung auf das Verhältnis der Generationen, auf Lebenssinn und Lebenspläne thematisierte. Heute führen wir eine andere Diskussion. Denn neben der Verlängerung der Lebenszeit haben wir eine zweite Entwicklung ausgemacht: Die Überforderung der mittleren Jahre.

Verlängerung der Ausbildung, Frühverrentung und Intensivierung des Erwerbslebens haben dazu geführt, dass die meisten Menschen zwischen 30 und 50 sich einer "rush hour" des Lebens (Hans Bertram) ausgesetzt sehen.

Familiengründung, Fürsorge für die Älteren sowie Karriere und Berufserfolg stellen gleichzeitig ihre Anforderungen an Männer und Frauen.

Die Wirtschaft setzt auf den voll leistungsfähigen, gut ausgebildeten Erwerbstätigen im mittleren Alter. Sie hat neben dem "Mann in den besten Jahren" längst auch die "Frau in den besten Jahren" als Arbeitnehmerin entdeckt und entzieht – je nach Bedarf – die Vitalität der mittleren Jahre "aus anderen Lebenssphären, insbesondere aus der Familie." Karl Otto Hondrich beschreibt so – ähnlich wie Bertram –, was wir alle mehr oder weniger deutlich spüren: Die starke Konzentration auf die Leistungskraft der mittleren Jahre ist nicht ein Problem für die Berufswelt, sondern es ist ein Problem für die Familie: "ein Problem der Beziehungsbelastungen. In der Lebensmitte müssen Eheleute es einander recht machen, dazu ihren Arbeitgebern, Kollegen, Kunden und natürlich ihren Kindern und Eltern".
Die Radikalkur, sich von den Doppel- und Dreifachbelastungen der mittleren Jahre zu befreien, hat allerdings nicht lange auf sich warten lassen: Immer weniger Menschen entscheiden sich für Kinder. 40 Prozent der weiblichen und noch mehr männliche Akademiker bleiben zeitlebens kinderlos. Subjektiv ist diese Entscheidung oft mit Verzicht und Verlust verbunden. Objektiv ist sie eine Entlastungsentscheidung. Sie entlastet, indem sie eine zentrale Sphäre der mittleren Jahre, die Elternschaft, einfach wegschneidet. Entsprechend können andere Sphären, insbesondere der Beruf, Raum gewinnen. Aber die Erfolgreichen der mittleren Jahre zahlen nicht selten einen hohen Preis durch geringe soziale Bindungen besonders im Alter. Unabhängig von den Problemen, die dauerhaft niedrige Geburtenraten für die Systeme der sozialen Sicherung darstellen, büßt daher eine Gesellschaft, die massenhaft Kinderlosigkeit als Ausweg aus der Überforderung der mittleren Jahre akzeptiert, mit den verlorenen Jahren für die Familie in kürzester Zeit Vitalität, soziale Wärme und Zukunft ein.


Statt Verlängerung der Wochenarbeitszeit …

Erstaunlich, dass die Suche nach der verlorenen Zeit politisch kaum zukunftsweisend gesteuert wird. Anstatt darüber nachzudenken, wie Lebensläufe aussehen könnten, die Ausbildung, Familie und Beruf leichter verbinden lassen, erhält aktuell die Forderung nach einer Verlängerung der Wochenarbeitszeit lautstark Unterstützung. Leben und Arbeiten im Zeitraffer: Würde die tägliche Arbeitszeit den aktuellen Vorschlägen entsprechend erhöht, so würde sich die Wochenarbeitszeit von zwei Eltern von heute 70 auf 73 Stunden verlängern, ohne dass auch nur andeutungsweise erkennbar wird, wie diese Arbeitszeit mit den Anforderungen eines "normalen" Familienlebens vereinbar sein könnte.

… Kultur der Fürsorglichkeit

Wo bleibt bei diesem Modell der Erwerbstätigkeit im Zeitraffer Raum für Kinder und ältere Menschen? Wir brauchen aber neben einer Kultur der Leistungsbereitschaft auch eine "Kultur der Fürsorglichkeit" unterstreicht Hans Bertram, Vorsitzender der Kommission zur Erarbeitung des neuen Familienberichts. Das setzt dringend auch in der Wirtschaft die Bereitschaft voraus, Frauen und Männern (!) mit flexiblen Arbeitszeiten Rahmenbedingungen anzubieten, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Lebenslauf erleichtern. Denn eine Gesellschaft, die "aus ökonomischen Gründen keine Zeit für Partnerschaften, keine Zeit für Kinder und keine Zeit für die Unterstützung der Älteren hat, hat sich längst selbst aufgegeben."

Autor: Christa Licharz-Lichtenthäler, familienpolitische Sprecherin des ZdK

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