Salzkörner

Freitag, 29. Juni 2018

Lust auf Ehe

Smartphone-App bietet christlichen Deutungsrahmen

Fragt man ein verliebtes Paar vor der Kirche oder dem Standesamt, was sie sich für ihr Glück wünschen, lautet die Antwort ziemlich sicher: Zukunft und Dauer. "Denn alle Lust will Ewigkeit", das wusste schon Friedrich Nietzsche, und das wissen Liebende erst recht. Das Ehesakrament setzt neben Treue, Ausschließlichkeit und Offenheit für Kinder auf die Dauer von Liebesbeziehungen.

Zu diesem Wagnis möchte die katholische Kirche Paare befähigen. Eine der unmittelbarsten Ideen dazu: Es gibt flächendeckende Angebote zur Ehevorbereitung. Diese werden längst nicht mehr von einem Gynäkologen, einem Rechtsanwalt und einem Priester bestritten, sondern von engagierten altersgemischten Teams aus hauptamtlichen pastoralen MitarbeiterInnen und erfahrenen Ehepaaren. Inhaltlich geht es neben Begegnung und Austausch, Kommunikation und Tipps rund um die Gestaltung des Traugottesdienstes im Kern um die Frage: "Warum willst du mich eigentlich in einer Kirche heiraten?" Diese Frage stellt man sich nicht ohne weiteres am Küchentisch oder in der Kneipe, und sie ist mit unserer Alltagssprache auch gar nicht so leicht zu beantworten. Wir sind ungeübt darin, Glaubensfragen und Liebesdinge zusammenzubringen.

Wer auch immer hofft, ein Ehevorbereitungskurs sei eine Art Versicherung gegen das Scheitern einer Ehe, muss sich enttäuscht sehen. Glaubt man den Statistiken, dann werden katholisch geschlossene Ehen nicht weniger geschieden als andere. Nun könnte man folgern, die Ehevorbereitung müsse besser werden, effektiver, im Zweifelsfall länger, deutlicher, verbindlicher. Man sollte einfach lauter werden. Doch im Grunde haben die Paare kein Informationsdefizit und sie hoffen auch nicht auf Belehrung. Es geht für sie um die eben genannte Frage. Und die ist leise. Und hat weitere im Schlepptau: Wie von der Liebe reden, die man als geschenkt erlebt und für die man doch zugleich Verantwortung trägt? Wie eine Sprache finden, in der ein liebender Gott vorkommt, der seine Freude an dieser Liebe hat? Und auf dessen Unterstützung man hofft? Wie findet man Worte oder Gesten jenseits von Verklärung auf der einen und einer technokratischen Sicht auf der anderen Seite?

"Mit dir hört sich lebenslang plötzlich sehr erträglich an." (Prinz Pi)

So wenig, wie es die vollkommene oder gar "heilige" Familie oder Beziehung gibt, so wenig ist eine dauerhafte Liebesgemeinschaft durch entsprechende Bemühungen selbst herstellbar. Liebe ist nicht einfach nur Arbeit, ihr wohnt immer das Moment der Unverfügbarkeit inne. Ebenso freilich die Aufgabe, sie zu hüten und zu pflegen. Liebesmüh ist dafür ein schönes altes Wort. Papst Franziskus nennt diese liebevolle Anstrengung ein "Handwerk", das man von Gott lernen kann: "Die Liebe ist ein Handwerk. … [Sie] bewirkt, dass einer auf den anderen wartet und […] Geduld übt, die man von Gott geerbt hat." (Amoris Laetitia 221) Das Schöne daran: Man nimmt diese Herkulesaufgabe der Liebesmühe an – nicht, weil man muss, sondern weil man nirgendwo auf der Welt besser aufgehoben wäre.

Aber was ist mit der Erfahrung des Alltags? Spätestens seit Ende des letzten Jahrhunderts wissen wir mit dem Soziologenpaar U. Beck/E. Beck-Gernsheim um "das ganz normale Chaos der Liebe". Liebe bleibt immer in Bewegung, im Durcheinander, in der Kreativität. Liebe wächst über sich hinaus, lässt etwas entstehen, "katholisch" gesprochen: Liebe ist fruchtbar. Sie ist turbulentes, Leben schaffendes Durcheinander, und darin gilt es zu bestehen. Das kann man nicht einüben, nicht in einer kurzen und nicht in einer langen Ehevorbereitungsphase. Das kann man nur wagen. Dazu muss Ehevorbereitung ermutigen – alltäglich und lebensnah.

"Ehe.Wir.Heiraten"

Eine schöne Idee hat die Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung in Zusammenarbeit mit den deutschen Bistümern entwickelt. Seit Juni 2017 gibt es die Smartphone-App "Ehe.Wir.Heiraten". Sie richtet sich an alle Paare, die innerhalb der nächsten zwölf Monate heiraten. Wer sich die kostenlose App herunterlädt, erhält – inhaltlich abgestimmt auf das eingegebene Hochzeitsdatum – wöchentliche Impulse per Push-Benachrichtigung. Das sind kurze Texte, Bilder und Videos, die sich mit diversen Themen rund um Hochzeit und Ehe beschäftigen: Kommunikation, Spiritualität, Organisatorisches, Ehetheologie, Ablauf der Trauung, Sexualität u. v. m. Die große thematische Bandbreite ist Kern des Konzeptes: Paare sehen sich vor der Eheschließung mit vielen ganz unterschiedlichen Entscheidungen und Herausforderungen konfrontiert. Ein passendes kirchliches Begleitangebot kann genau an diesen Entscheidungen und Herausforderungen ansetzen und die Kirche als empathischen und wertschätzenden Alltags-Akteur wahrnehmbar machen, der sich mit dem Paar freut.

Die App ist kein zusätzlicher Sonderbereich der Hochzeitsvorbereitung mit weiteren Anforderungen, sondern selbstverständlicher Teil des Lebens mit ganzheitlichem Blick auf die Situation – genauso alltäglich und universell wie ein Smartphone. Sie stellt Fragen, liefert Gedankenanstöße und bietet einen christlichen Deutungsrahmen für das Alltagserleben der Paare an. Die Haltung entspricht eher einem "Schaut mal, das kann hilfreich, spannend oder einfach schön sein …" und vermeidet ein "Das ist der einzig sinnvolle Weg!" Dahinter steht ein zentraler Satz aus dem päpstlichen Schreiben "Amoris Laetitia": "Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen" (37).

Wo die App organisatorische Informationen bündelt, erfüllt dies den Zweck der Entlastung. Gerade in dieser für die Paare manchmal anstrengenden Phase vor der Hochzeit ermuntert sie, den Kern der eigenen Beziehung nicht aus dem Blick zu verlieren. Durch die organisatorischen Impulse sollen den Paaren Zeitersparnisse entstehen, die dann für schönere und wichtigere Dinge genutzt werden können. So soll sie dabei unterstützen, die Beziehungsqualität insgesamt zu stärken.

Mit dem Paar freuen

Mit großer Selbstverständlichkeit tauchen Liebe, Glaube und Alltag nebeneinander und gemeinsam auf. Da wird in einem Impuls die Frage "Kirche oder Kapelle?" mit einem spirituellen Zitat eingeleitet und dann mit einem ausgewogenen Blick auf Ästhetik – "Welche Kirchräume findet ihr besonders?" – und Pragmatismus – "Passen alle Gäste rein?" – behandelt. Auf den Impuls zur Frage nach Glauben im Alltag ("Sind Sie eigentlich religiös?" "Nein, nein, ganz normal!") folgen praktische Informationen zur konstruktiven Kommunikation, und vor Impulsen über Sexualität und zur Liedauswahl für die Trauung stehen solche zur Muße (je nach Perspektive auch Work-Life-Balance) und zum Kultverständnis von Mann und Frau. Ganz wichtig: Immer wieder gibt es Impulse, die sich einfach nur mit dem Paar freuen. In denen Songs oder Gedichte nur eine Aufgabe haben: ein schönes und gutes Gefühl für das Projekt Ehe geben.

Keine App kann oder soll pastorale Angebote vor Ort ersetzen. Im Gegenteil: Beziehungsarbeit und regionale oder lokale Besonderheiten sind eng mit diesem Angebot verknüpft. Die App verfolgt hier einen ergänzenden, unterstützenden und subsidiären Ansatz: Die Diözesen speisen ihre lokalen pastoralen Angebote für Paare in die App ein und die NutzerInnen wählen die Diözesen aus, aus denen sie die Termine einsehen möchten. "Ehe.Wir.Heiraten" ist ein einjähriges Rahmenangebot der Ehevorbereitung, das möglichst alle Paare in ihrer Unterschiedlichkeit ansprechen soll. Entsprechend stammen die Impulse von ehepastoralen MitarbeiterInnen aus verschiedenen Diözesen in Deutschland. Über diesen Einstieg soll die App erhöhte Aufmerksamkeit für die jeweiligen Angebote vor Ort schaffen.

Durch die positive Erfahrung mit einer offenen und leicht zugänglichen App entscheiden sich die Paare dann auch hoffentlich eher für eine Teilnahme an den entsprechenden Angeboten. Ihre Funktion ist ein niedrigschwelliger Einstieg in ehepastorale Angebote. "Als Christen dürfen wir nicht darauf verzichten, uns zugunsten der Ehe zu äußern […] Wir würden der Welt Werte vorenthalten, die wir beisteuern können und müssen" (Amoris Laetitia 35), schreibt Papst Franziskus. Damit meint er, dass wir uns auf die Suche machen müssen, eine ermutigende, lebensnahe und alltagstaugliche Sprache für unsere Hoffnung zu finden.

 

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Martina Kreidler-Kos Ehe- und Familienpastoral im Bistum Osnabrück David Walbelder Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung, Bonn

zurück zur Übersicht