Salzkörner

Montag, 11. Dezember 2000

Machbarkeitswahn

In der Öffentlichkeit der westlichen Welt werden die Stimmen immer zahlreicher und lauter, die einem neuen Machbarkeitswahn huldigen. Nachdem die kollektivistische Ideologie der gesellschaftlichen Machbarkeit gescheitert ist, stehen wir nun vor der Gefahr einer individualistischen Ideologie. In offener Frontstellung gegen das Christentum proklamiert sie die Machbarkeit eines wissenschaftlich und technologisch perfektionierten Menschen.

Ein solcher Anspruch bedroht die Eltern, die der Geburt eines Kindes entgegensehen und unter den Druck einer vorgeburtlichen Qualitätskontrolle gesetzt werden. Eine solche Ideologie beseitigt außerdem alle ethischen Hemmungen, menschliches Leben als Materialquelle und Ersatzteillager für die Vervollkommnung von Menschen zu nutzen.

Diese Tendenzen beweisen erneut, dass der Grundsatz der Menschenwürde und des gleichen Lebensrechtes aller Menschen nur von Bestand sein kann, wenn er im Glauben an Gott als dem Schöpfer jedes einzelnen Menschen seine festen Wurzeln hat.

Der kollektivistische und der individualistische Machbarkeitswahn leiden an der gleichen Verblendung: Der Mensch könne die perfekte Gesellschaft errichten, in der ihm ewige Glückseligkeit garantiert ist. Bei dem Wunsch, sich selbst unter Einsatz aller Mittel zu verwirklichen und zu vervollkommnen, steht gleichermaßen am Anfang die Versuchung: Ihr werdet sein wie Gott.

Auf diese geistige Herausforderung kann die christliche Antwort nur sein, sich um so entschlossener in die Auseinandersetzungen unserer Zeit zu begeben und sich nicht in die Festung der Vergangenheit zurückzuziehen – fern von den Stürmen der Zeit.

Autor: Hans Joachim Meyer

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