Salzkörner

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Mehr was feiern wir und weniger wie …

Die Dramaturgie von Hell und Dunkel, die in der Feierkultur der Weihnacht auch heute noch eine bedeutende Rolle spielt, hat eine Wurzel in der Wintersonnenwende und mit ihr verbunden in überlebensrelevanten Mechanismen unserer Vorfahren, die noch nicht in der Lage waren, die reale Nacht durch künstliches Licht taghell zu beleuchten.

Schon in der Antike waren auf der Nordhalbkugel die zunehmenden hellen Stunden des Tages Grund zu feiern. Auch deshalb, weil die Kräfte der dunklen Mächte bei zunehmendem Tageslicht mehr und mehr zurückwichen. Ein solcher Antagonismus, besonders in der Deutung des Widerstreits, findet sich im 1. Brief an die Thessalonicher: „Ihr seid ja alle ‚Söhne und Töchter des Lichts‘ und ‚Söhne und Töchter des Tages‘; wir gehören nicht der Nacht noch der Finsternis“ (1 Thess 5,5).

Auch die Kindheitsgeschichte Jesu ist eingetaucht in diesen Gegensatz: Der Flucht Jesu nach Ägypten ging die Gefährdung des „leuchtenden“ Miteinanders der Heiligen Familie voraus (Krippe), bewirkt durch dunkle, die Heilige Familie bedrohende Mächte (Herodes). Einen solchen Gegensatz erleben wir in diesem Jahr gefühlt ähnlich: Das alles auf Distanz haltende Dunkel der kontaktreduzierenden Corona-Pandemie bedroht die Pflege der lichtdurchfluteten Weihnachtstradition. Diese Dunkelheit betrübt und kann Angst machen, sicher bringt sie sehr viel Einsamkeit hervor und stellt manche Familie vor Zerreißproben.

Doch auch in dieser Dunkelheit kann die Suche nach Licht Erleuchtung bringen. Und zwar, wenn wir uns nicht nur ängstlich fragen, wie unter Corona-Bedingungen Weihnachten gefeiert werden kann, sondern uns auch die rückbesinnende Frage gönnen, was wir da feiern unter Corona-Bedingungen.

Die christliche Glaubenspräsenz, in die hinein auch die Antwort auf die Frage nach dem, was wir feiern, gestellt wird, ist in unseren Breiten unterschiedlich verdichtet. Das Familienfest, das oft nur den Kosenamen „Weihnachten“ trägt, hat in weiten Kreisen unserer Gesellschaft schon längst reduzierten Glaubenshintergrund oder auch gar keinen mehr. Das ist ernst zu nehmen, genauso wie die Erkenntnis, die so manchen „irgendwie immer schon christlich daherkommenden“ Heiligabend ereilen kann: Gott ja, den gibt es, aber Gott Mensch geworden, ist das nicht ein Produkt der ewigen Hoffnung des Menschen, schlechthin sein Leben überleben zu wollen? In der Schöpfung, in all dem, was uns umgibt, einen Schöpfergott zu spüren, zumindest aber ihn hineinzuerklären, ist akademisches Blumenpflücken. Der Fakt aber, dass Gott Mensch wird, ist nur in seiner radikalen Akzeptanz zu „haben“ – und das ist es, was wir feiern! Die Antwortsuche auf das „Was“ provoziert die „alte“ Erkenntnis, dass die Feier der Geburt Jesu mit Krippe und Stall sich aus der Perspektive Gottes anders darstellt: Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist von ihm aus betrachtet erst einmal eine Trennung. Gott erzählt von sich in der Menschwerdung seines Sohnes, in der er ihn loslässt. Gott lässt los, wen er liebt. So ist biblisch überliefert: „Der in Gestalt Gottes war, machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist und der Gestalt nach wie ein Mensch befunden …“ (vgl. Phil 2,6f).

Dieses „Was“ hat sich im Lauf der Zeit in dem Bild familiärer Zusammengehörigkeit entfaltet und ist zum Familienfest mutiert. Aber die Perspektive Gottes geht in diesem Bild nicht auf. Trotzdem wird jedes Jahr neu die die Menschwerdung Gottes umgebende Faszination eingepackt in weihnachtliche Sehnsucht nach Familie. Nichts gegen dieses Fest, aber die Faszination, das Staunen über das Unfassbare bedarf der eigenen Vergegenwärtigung und somit „vorweihnachtlicher“ Präsenz, auch in Corona-Zeiten.

Die Glaubenden sind in diesen Tagen aufgerufen, dieser ihrer Faszination, insofern sie von ihr sprechen können und möchten, in unserer Gesellschaft Präsenz zu schenken. Die Faszination von der Menschwerdung Gottes braucht ihren eigenen Raum, der da entsteht, wo von ihr gesprochen und erzählt wird, wo sie in Stille ausgehalten wird oder wo sie in liturgischer Konzentration gefeiert werden kann. Wer seiner Faszination von der Menschwerdung Raum schenkt, hat das Licht der Weihnacht in den Augen.

 

 

Autor: Christoph Stender, Geistlicher Rektor im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)

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