Salzkörner

Montag, 25. Februar 2019

Migration und Integration

Herausforderungen für Gesellschaft und Wissenschaft

Migration und Integration prägen öffentliche und private Diskussionen unserer Zeit und ziehen zunehmend auch tiefe Gräben durch die Gesellschaft, durch Freundeskreise und sogar durch Familien. Die Debatten sind spätestens seit dem Hochpunkt der Fluchtmigration 2015 besonders stark emotionalisiert und polarisiert, sie drehen sich aber über die Fluchtmigration hinaus auch um Fragen der Zuwanderung und Integration von Migranten im Allgemeinen. Die demographischen Dynamiken in Deutschland und Europa und die weltwirtschaflichen, weltpolitischen und klimatischen Entwicklungen legen nahe, dass die Relevanz des Themas auch in Zukunft eher zu- als abnehmen wird.

Diese Situation stellt auch für die wissenschaftliche Forschung eine enorme Herausforderung und Verantwortung dar. Wo Emotionen, Bauchgefühle und Fake-News die Debatten beherrschen, sind Nüchternheit, analytische Logik und gesicherte empirische Evidenzen in ganz besonderer Weise gefragt. Und in der Tat hat die Thematik auch in der Wissenschaft, insbesondere in den Sozialwissenschaften, eine hohe Konjunktur. Während eine Integrations- und Migrationsforschung lange Zeit nur eher sporadisch an deutschen Universitäten zu finden war, gibt es wohl mittlerweile kaum einen Ort, an dem sich nicht irgendein Projekt zumindest in einem weiten Sinne mit Fragen der Migration, der Integration bzw. den daraus resultierenden Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt befasst. In den nationalen und internationalen Fachzeitschriften ist die Anzahl der Beiträge, die in den Themenbereich fallen, rapide gestiegen, und im Lehrbetrieb werden in sehr unterschiedlichen Fächern immer mehr einschlägige Kurse angeboten und nachgefragt. Kaum ein sozialwissenschaftliches Feld ist in den letzten zwei Jahrzehnten wohl so stark gewachsen.

Forschungserkenntnisse stärker in gesellschaftliche Debatten einfließen lassen

Die Forschung hat äußerst vielfältiges und unzähliges Detailwissen produziert – teilweise mit geringerem, teilweise mit sehr hohem Gewissheitsgrad. Viele relativ gut gesicherte Erkenntnisse widersprechen dabei deutlich bestimmten Vorstellungen, die in den gesellschaftlichen Diskursen um Migration und Integration noch sehr verbreitet scheinen. So kann zum Beispiel das allgemeine Wohlstandsgefälle Migration nachweislich nur sehr schlecht erklären. Das eigentliche Rätsel ist eher, warum trotz dieses Gefälles so wenig Migration stattfindet – vor allem in Richtung Europa. Gemessen an dem Flüchtlings- und Migrationsaufkommen in der gesamten Welt sind wir hier vergleichsweise wenig betroffen. Was den Bereich der Integration angeht, so ist die oft beklagte "Integrationsunwilligkeit" von Migrantinnen und Migranten ein wissenschaftlich gut zu widerlegender Mythos. In fast jeder entsprechenden Studie in fast jedem Kontext auf der Welt findet sich das sogenannte 'aspiration paradox', d. h. die Tatsache, dass Migranten gemessen an vergleichbaren Personen der Aufnahmegesellschaft deutlich höhere Motivation, Leistungsbereitschaft und ambitioniertere Ziele mitbringen. Und auch was die gesellschaftliche Akzeptanz von Migration und Migranten angeht, so gibt es klare Befunde: nichts ist so gut bestätigt, wie zum Beispiel die 'Kontakthypothese', d. h. dass mit den täglichen Kontakten zu Migrantengruppen auch die gegenseitigen Einstellungen positiver werden. Die Liste ähnlicher zentraler Befunde ist lang, und aus den meisten von ihnen ergeben sich Handlungskonsequenzen, die populistischen Meinungen und Forderungen diametral gegenüber stehen.

Es ist deshalb eine zentrale Aufgabe, die vielen Erkenntnisse der Forschung stärker und systematischer in die gesellschaftlichen Debatten, in die Politikgestaltung und in die zivilgesellschaftliche Praxis einfließen zu lassen.

Aufbau einer zukunftsfähigen Forschungsstruktur

Mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas nimmt auch der konkrete Forschungsbedarf in Form von Einzelfragen weiter zu. Es gibt darüber hinaus größere bzw. systematischere Forschungslücken, die nicht von heute auf morgen zu schließen sind, sondern eine langfristige, institutionell abgesicherte Investition in verlässliche Datenquellen und Kompetenzen voraussetzen. Diese Lücken können oft nur dann qualitativ hochwertig geschlossen werden, wenn verstreute Einzelforscher, kleinere Arbeitsgruppen oder dezentrale Institute kooperieren, wenn Ressourcen konzentriert und Synergieeffekte zwischen bereits vorhandenen Potentialen und Stärken generiert werden.

Vor diesen Hintergründen hat der Deutsche Bundestag 2016 den Aufbau einer zukunftsfähigen Forschungsstruktur angestoßen und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit deren Aufbau beauftragt. Das BMFSFJ hat Mitte 2017 ein Konzept für das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) vorgelegt und dieses im Laufe des Jahres 2018 umgesetzt und arbeitsfähig gemacht. Es basiert auf zwei Säulen: einem zentralen DeZIM-Institut und einem Netzwerk aus bislang sieben bestehenden Forschungsinstituten, der sogenannten DeZIM-Gemeinschaft. Diese Struktur soll die oben angedeuteten Herausforderungen angehen.

In Fragen der Migration gilt es unter anderem genauer zu verstehen, wie die vielfältigen potentiellen Ursachenfaktoren, nicht nur die ökonomischen, in den komplexen Migrationsentscheidungsprozessen tatsächlich zusammenspielen. Dazu bedarf es Untersuchungen, die Migranten und Nicht-Migranten in Herkunfts-, Transit- und Zielländern in hochwertigen Stichproben erfassen, diese miteinander kombinieren und sie mit den notwendigen Informationen über die jeweiligen Kontexte anreichern. Das resultiert in sehr voraussetzungsreichen Projekten, die äußerst diverse Kompetenzen verlangen. In der DeZIM-Gemeinschaft wurde damit begonnen, solche Erhebungen entlang der beiden großen Migrationsrouten aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa in Gang zu setzen.

Integration ist nur als gesamtgesellschaftliche Leistung aller zu verstehen

Was die Integration angeht, sind in den sogenannten 'strukturellen' Aspekten wie Bildung und Arbeitsmarkt erhebliche Erfolge zu verzeichnen. Diese sind in der öffentlichen Wahrnehmung noch viel zu wenig sichtbar, was zum einen daran liegt, dass sie oft erst dann zu sehen sind, wenn man die schlechten sozioökonomischen Startvoraussetzungen, die viele Nachkommen von Migranten mitbringen, in den Analysen angemessen mitberücksichtigt – Nachteile liegen also tendenziell nicht an der Gruppenzugehörigkeit selbst, im Gegenteil, die oben genannten Aspirationen greifen eher positiv. Zum anderen sind die Erfolge naturgemäß erst in einer längerfristigen zeitlichen Perspektive zu erkennen. Hier fehlt es etwa noch an ausreichenden Informationen über die dritte Generation, über die zwar viel geredet wird, die in den vorhandenen Datensätzen der Sozialforschung aber nur selten genau identifiziert kann. Die Längsschnittbeobachtung der dritten Generation ist eines der knapp 20 Projekte, die jüngst im DeZIM-Institut begonnen haben.

Vorhandene Untersuchungen zu den eher sozialen (Freundschaften, Partnerschaften, Netzwerke, Mitgliedschaften etc.) oder kulturellen (Werte, Einstellungen, Religiosität, Identifikation etc.) Aspekten der Integration suggerieren, dass es hier für einige Herkunftsgruppen auch in der zweiten Generation oft noch deutliche Unterschiede zu den Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund gibt, die eher mit der Gruppenzugehörigkeit selbst zu tun haben. Es ist eine empirische Frage, inwieweit hier Ungleichheiten auch mit systematisch unterschiedlichen Lebenschancen oder gar mit Gefährdungen für die Gesellschaft insgesamt, für den Zusammenhalt, einhergehen. Damit wird hier auch besonders sichtbar, dass Integration nur als gesamtgesellschaftliche Leistung aller zu verstehen ist und beispielsweise die breitere gesellschaftliche Akzeptanz einer gewissen Diversität und Hybridität miteinschließt. Die komplexen Interaktionen zwischen Mehrheitsgesellschaft und migrantischen Minderheiten in angemessene Designs und Methoden zu überführen, um gesamtgesellschaftliche Integrationsprozesse zu analysieren, ist eine übergeordnete abstrakte Aufgabe, die sich quer durch viele Projekte des DeZIM ziehen wird.

 

 

 

 

Autor: Professor Dr. Frank Kalter Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Universität Mannheim und Ko-Direktor des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) e. V. in Berlin

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