Salzkörner

Montag, 5. November 2018

Mit Menschen reden – aber wie?

Eine Ergänzung zu den Nachbetrachtungen von Bettina Jarasch

In der letzten Salzkörner-Ausgabe, 24. Jg. Nr. 4, blickte Bettina Jarasch kritisch auf die Diskussion von Religionspolitikern beim 101. Deutschen Katholikentag zurück, an der auch der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion teilgenommen hatte. Auf ihren Beitrag "Mit Rechten reden – aber wie?" antwortet Thomas Arnold, der die Diskussion in Münster moderierte.

2016, 2017, 2018 – und jetzt schon für 2019: Über Konfessionsgrenzen hinweg beherrscht die öffentliche Debatte seit fast drei Jahren nicht, wie es uns als Christen bei unseren Großveranstaltungen gelingt, die Faszination vom Reich Gottes hier und heute in die Debatten unserer Gesellschaft einzubringen. Stattdessen begeben wir uns auf die Suche nach dem Umgang mit einer Partei, die sich zwar im demokratischen Spektrum bewegt, aber nicht zwangsläufig die Demokratie durch ihre Mitglieder bejaht. Vor jedem Kirchen- und Katholikentag wird die mediale Debatte immer wieder mitbestimmt von der Frage, ob die Kirchen mit der AfD sprechen dürfen.

Dieses Ringen um den richtigen Umgang ist legitim. Denn gerade unser Land trägt die schmerzhafte Erfahrung in seiner Geschichte, wie demokratische Strukturen zum Steigbügelhalter einer Diktatur wurden. Es ist daher wichtig, immer wieder neu abzuwägen, wo man in der Dilemma-Situation, einerseits solchen Positionen einen öffentlichen Raum zu geben und andererseits Positionen aus einem Podium auszuschließen, die Grenzen zieht und hierfür auch öffentliche Kritik in Kauf nimmt.

Gerade im Rückblick auf die Veranstaltung in Münster braucht es aus meiner Sicht eine stärkere Differenzierung in der Betrachtung, die bisher kaum öffentlich erfolgte. Dies beginnt bereits bei dem die Münsteraner Diskussion bestimmenden Narrativ. Anders als vielfach dargestellt, hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) oder der Katholikentag nicht alleine mit der AfD gesprochen, sondern alle im Bundestag vertretenen politischen Kräfte waren dazu eingeladen, ihre Positionen zu einem künftigen Staat-Kirche-/Religionen-Verhältnis darzulegen. Dies war keine Schau von Plattitüden oder eine Prüfung, wie christlich eine Partei tatsächlich sei. Stattdessen stand dahinter die Frage, wie wir das Recht auf die staatlich verbriefte positive wie negative Religionsfreiheit und die über Generationen eingeübte Trennung der religiösen und staatlichen Institutionen in unserem Land künftig ausgestalten wollen. In den 90 Minuten des Podiums wurde deutlich, wie verschieden die Fachvertreter ihrer Parteien dazu Position beziehen. Dabei schien auf, dass von links wie auch von rechts Tendenzen bestehen, die Religionsausübung in den Privatbereich zurückzudrängen und den Gestaltungsspielraum der Religionsgemeinschaften spürbar einzugrenzen. Durch das Podium wurde deutlich, was gerade in diesem Punkt von den jeweiligen Parteien zu erwarten wäre.

Religion als Friedensstifter

Der zunehmende kulturelle und religiöse Pluralismus, verbunden mit einer abnehmenden christlichen Bindung in Deutschland lassen annehmen, dass die Zustimmung zu diesen Plänen künftig wachsen wird. Eine Lernerfahrung aus Münster darf daher sein, die Parteien deutlicher als bisher nach ihren Vorstellungen von Religion im öffentlichen Raum der Gesellschaft in Deutschland zu fragen – und dem argumentativ zu begegnen. Denn auch im 21. Jahrhundert hat die Religion nicht nur das Potential zum "Feuerteufel", sondern vor allem zum Friedensstifter. Wir haben die Verantwortung, solche Debatten auch öffentlich zu führen und deutlich zu machen, welche Partei wofür steht. Dabei geht es nicht um Wahlhilfe für eine oder mehrere Parteien, sondern um die Qualifizierung von Wahlentscheidungen aufgrund der Darstellung von Pro- und Kontra-Argumenten. Dies führt zu einem weiteren Lerneffekt aus diesem Podium für einen öffentlichen Katholizismus: Es reicht nicht aus, direkt die rote Linie per se vor einer Partei zu ziehen. Stattdessen hoffe ich auf Christen, die aus ihrer christlichen Überzeugung heraus Themen aktiv erkennen und ihre Standpunkte öffentlich mit Argumenten untermauern, ohne dabei andere zu verunglimpfen. Trauen wir etwa unserem Glauben nicht mehr zu, auch für die Menschen im 21. Jahrhundert überzeugend zu sein? Wir brauchen zu dessen Verkündigung nicht die provokativen Methoden von Populisten. Aber vielleicht würde es uns gut tun, unsere Überzeugungen mit mehr Mut und Verve in die öffentliche Debatte einzubringen. Emotionen sind nicht grundsätzlich ungeeignet, um daraus vernunftgeleitete Prozesse in Gang zu bringen. Erst dann wird die Debatte fruchtbringend.

Es bleibt die Frage, wer legitimiert ist, sich in diese Debatten einzubringen. Dabei wundert mich das Plädoyer von Bettina Jarasch, ein 1:1-Gespräch zwischen "hochrangigem Vertreter von Kirche oder ZdK mit einem Rechtspopulisten" zu suchen. Bereits im September 2016 hat sich der Präsident des ZdK, Thomas Sternberg, zur Frage um den Kampfbegriff des christlichen Abendlands dem direkten Gespräch mit Alexander Gauland gestellt. Wir sollten einen solchen Diskurs nicht nur auf einzelne Spitzenvertreter beschränken. Delegieren wir nicht die Verantwortung für konfliktive Gespräche, die uns nicht nur in unseren Überzeugungen, sondern auch in unserer Argumentationsfähigkeit herausfordern, an die obersten Repräsentanten. Es ist ein Anwendungsfall für die "Taufwürde aller", die in dem Dokument der deutschen Bischöfe "Gemeinsam Kirche sein" so betont wird. Jeder Christ ist legitimiert, über seinen Glauben und die daraus erfolgende Gesellschaftsgestaltung mit anderen ins Gespräch zu kommen. Dazu passt, dass auf dem Podium – abgesehen von Christine Buchholz (Die Linke) – alle Diskutanten einer christlichen Konfession angehörten.

Antwortoptionen aus dem Glauben

Ein letzter Punkt: Ich selbst weiß, wie schwierig es ist, in der Begegnung mit Menschen, die rechtspopulistische Positionen vertreten, ins Gespräch zu kommen, ohne sie als Menschen an sich abzulehnen. Wir reden nicht mit Rechten. Wir streiten mit Menschen! Und wer, wenn nicht wir Christen, haben ein Vertrauen in die Bereitschaft von Menschen, auch umzukehren und den eigenen Weg nochmals zu ändern? Dies gelingt aber nicht durch Wegdrehen, sondern durch den – ohne Frage mühsamen – Dialog. Der geht über die Kampfbegriffe von christlichem Abendland, Islamisierung, Genderwahn, Frühsexualisierung und die Zerstörung der Familie hinaus. Im Kern ist es das Ringen um die eigene Identität angesichts der zahlreichen und dynamisierenden Veränderungen unserer Welt. Dies verunsichert und macht Angst. Hoffnungsoptionen zu entwickeln, die nicht in unerreichbaren Utopien gipfeln, sondern die Lebenssituation der Menschen ernst nehmen – das liegt nicht in der Verantwortung von Medien, Politik oder Verbänden, sondern ist jedem Einzelnen aufgegeben.

Es wäre viel gewonnen, wenn sich mehr Menschen aktiv auf ihre Art in gesellschaftliche Prozesse einbringen und sie mitgestalten. Dass es die Grundvoraussetzung hierfür zu schützen gilt, ist eine Erfahrung, die gerade die Menschen in den neuen Bundesländern immer wieder mit ihrer eigenen Biografie erzählen können – damit die freiheitliche Demokratie nicht zu einer abschaffbaren Selbstverständlichkeit verkommt. Dadurch wird sie "sturmreif geschossen" (Andreas Püttmann), nicht nur durch "rechtskatholische Denker". Wir brauchen daher nicht die Debatte, ob wir mit Menschen sprechen, die rechtspopulistische Positionen vertreten. Stattdessen wünsche ich mir mehr Christen, die bereit sind, sich in Debatten mit Argumenten einzubringen und klar zu benennen, wo die Freiheit und die Würde des Menschen bedroht werden. Aus diesem Verständnis heraus ist es richtig, dass Thomas Sternberg kürzlich deutlich machte, dass er in der AfD Parallelen zum Nationalsozialismus sehe und dies auch sachlich begründete. Denn ausgrenzender Nationalismus und pauschalisierende Verunglimpfung einer Religion sind mit dem Christentum nicht vereinbar.

Wir brauchen also den Mut zur klaren Aussprache ebenso wie das Vertrauen auf gute Argumente, die im Dialog und auch im Streit bestehen. Und auch im erbitterten Streit gilt es, den anderen als Menschen ernst zu nehmen, auch auf seine Positionen zu hören und ihm Antwortoptionen aus dem Glauben heraus anzubieten.

 

 

 

 

 

Autor: Dr. Thomas Arnold Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen

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