Salzkörner

Mittwoch, 4. November 2020

Moria

Wie Europa seine Geflüchteten wegsperrte, bis es brannte

Anfang September brannte das europäische Erstaufnahmelager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ab – gefolgt von einem europaweiten Aufschrei. In Flammen ging auch die Maske einer humanen Flüchtlingspolitik auf. Jakob Fehr vom Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee (DMFK) war vor Ort. Er berichtet über die Situation vor dem Feuer, und ob sich seitdem etwas verändert hat.

In der Nacht, als Zelte und schäbige Notbehausungen zehntausender Menschen in Flammen aufgingen, fegte ein heftiger Wind über die Insel Lesbos. Es war nicht der erste Brand im europäischen Erstaufnahmelager Moria. In den großen wilden Camps im „Olive Grove“, den Olivenhainen rund um das offizielle, hoffnungslos überfüllte europäische Erstaufnahmelager Moria, brennt es immer wieder. Die Menschen kochen mit offenem Feuer, mit Gaskochern, backen Brot in selbstgebauten Öfen. Sanitäre Anlagen, Wasser, Löschkonzepte mit Fluchtwegen und Rettungspläne gibt es nicht außerhalb des UNHCR-Camps, dass für nur 2.800 Menschen konzipiert war.

Wurde das Feuer absichtlich gelegt, um das Camp abzubrennen? Möglich, aber schwer vorstellbar. Denn die Menschen im abgeschlossenen, offiziellen Teil haben kaum Möglichkeit zur geregelten Flucht. Zwar versuchte die griechische Feuerwehr zu löschen, doch hatten sie Probleme, an die Brandherde zu kommen. Das UNHCR-Lager brannte fast vollkommen ab.

11.500 Menschen obdachlos

Nach offiziellen Angaben wurden durch die Brände und innerhalb von drei Tagen 11.500 Menschen obdachlos, darunter 2200 Frauen und etwa 4000 Kinder. Sie flüchteten in Panik vor den Flammen.

Die griechische Bereitschaftspolizei MAT wurde schnell auf die Insel beordert. Sie trieben die Geflüchteten zusammen. Die Menschen sollten sich nicht verstreuen – auch in Angst vor dem Corona-Virus, welches erst seit August im Lager nachgewiesen ist. Monatelang gab es keinen einzigen Fall. 39 Menschen im Moria-Lager sollen nach offiziellen Angaben erkrankt sein, auch inselweit stiegen die Zahlen an. Die Menschen hatten kaum die Möglichkeit, sich zu schützen: Die Behörden bauten Straßensperren auf und riegelten den Zugang zur Stadt komplett ab. Sie blockierten auch die humanitäre Unterstützung direkt nach dem Feuer. Internationale Hilfe kam vor allem durch diverse NGOs, aber auch die griechische Bevölkerung, die segensreich immer wieder die Geflüchteten dort unterstützen. Sie versorgten die Geflüchteten mit Lebensmitteln, Wasser, Zelten und Kleidung.

Stabilisation?

In den Wochen danach stabilisierte sich die Lage. Die Hauptstraße von Mytilini in den Norden, nach Moria und dem neuen Camp bei Kara Tepe, wurde ab dem 20. September zum ersten Mal wieder befahrbar. Das neue Lager liegt auf einem ehemaligen militärischen Schießplatz. Es wurde in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Um die Geflüchteten ins neuerrichtete UNHCR-Lager zu bringen, brannten die griechischen Sicherheitskräfte illegale Zelte am Wegesrand ab. Das neue Lager ist keine freiwillige Sache, es ist Pflicht.

Wir standen vor dem neuen Camp, fünf Kilometer entfernt von Moria, nah am Meer und beobachteten das Geschehen. Das Gute ist, dass so etwas wie Ordnung eingekehrt ist. Es gibt ein neues Zentrum für Erstaufnahme und Identifizierung. Das Schlechte ist: Das neue Camp wird bald genauso schlimm sein wie Moria – allen Beteuerungen der griechischen und europäischen Politik zum Trotz.

Wir als Mennonitisches Friedenskomitee beobachten seit langem die menschenrechtliche Situation auf Lesvos. Wie viele andere Aktivist:innen vor Ort sehen wir schwarz für den regenreichen Herbst. Die Leute müssen in ihren Zelten direkt auf dem Boden schlafen. Es gibt auf der Halbinsel immer einen starken Wind und keine Bäume. Grundversorgung wie (sauberes) Wasser und Essen sind aktuell Mangelware. Die Zelte sind schon jetzt oftmals überfüllt. Es gibt keinen Strom, keine sanitären Anlagen wie Duschen oder Toiletten. Die Menschen gehen in die Büsche. Sie werden von Spezialkräften im Lager bewacht.

Was kann man tun? Erstmal beten natürlich. Dann zweitens spenden, etwa an die Organisationen die seit Jahren vor Ort sind. Ich kann insbesondere „Lesvos Solidarity“ empfehlen, die seit 2012 aktiv ist. Oder griechische Organisationen und Projekte, die vor Ort helfen, sich um einen Dialog bemühen, etwa das Café-Restaurant Nan oder das Projekt Mosaik Support Centre, die helfen, Misstrauen zwischen den Ethnien abzubauen.

Und man kann sich, drittens, einsetzen, bei seinen gewählten Vertretern in den Parlamenten und bei den Bürgermeistern, dass die europäische Flüchtlingspolitik liberalisiert wird. Werdet politisch aktiv. Die Aktion vor dem Reichstag mit den 13.000 Stühlen zeigt, um welche Größendimensionen es aktuell geht. Diese Menschen können in Europa aufgenommen werden. Sie können in Frieden und Sicherheit leben, sie wollen arbeiten.

Ich bin jetzt zum zwölften Mal seit 2014 für das mennonitische Friedenskomitee auf Lesbos. Wir beobachten die Einhaltung von Menschenrechten, dokumentieren Übergriffe der Polizei, begleiten LGBTQ-Minderheiten, unterstützen Frauen in deren eigenen Problemen im Lager, als Teil des Christian Peacemaker Teams und des Aegean Migrant Solidarity Projekts mit vier Mitarbeitern vor Ort.

Anspruch an Menschlichkeit

Ich persönlich hatte immer nur sehr herzliche und persönliche Erlebnisse mit den Menschen. Dennoch sind sie psychologisch stark belastet. Aktuell werden sie über Monate und Jahre gefangen gehalten, eingesperrt, ohne Hoffnung, wie in einem Gefängnis. Alle NGOs sprechen von einem Gefängnis. Es ist traurig zu sehen, wie diese Menschen leben – in Europa, auf einem Kontinent, in einer Europäischen Union, die stolz ist auf ihre Werte und Menschenrechte. Bemühungen, psychologische Unterstützung durch NGOs zu realisieren, sind in der Vergangenheit verhindert worden.

Mit Moria brannte die notdürftig humanistisch-verklärte Maske des Flüchtlingspaktes ab. Es wurde mehr denn je deutlich: Finden die europäischen Staaten keine europäische Lösung über die unsolidarischen Dublin-II-Regelungen hinaus, scheitert auch weiterhin die EU-Geflüchtetenpolitik an der Realität. Statt klarer Regelungen drohen Abschiebungen in andere EU-Staaten, Haft, jahrelange Kasernierung in unmenschlichen Erstaufnahmelagern an den EU-Außengrenzen, die in Wahrheit Dauerlager für die Menschen sind. Brechen sie aus, droht Illegalität, Obdachlosigkeit, Elend, Abschiebung in die Heimat, aus der sie vertrieben wurden oder vor Gewalt, Angst, Elend oder Tod geflohen sind. Kann das unser Anspruch an Menschlichkeit sein?

 

 

Autor: Dr. James Jakob Fehr | Deutsches Mennonitisches Friedenskomitee

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