Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Plötzlich digital

Auswirkungen der Corona-Krise auf die digitalen Aktivitäten der Caritas

Die Erinnerungen an die erste Woche Ausgangsbeschränkung sind noch ganz frisch: Intensivste Lobbyarbeit, um soziale Träger unter den „Schutzschirm“ der Bundesregierung zu nehmen, Orientierung im Home Office, Schulkinder zu Hause. Was am Freitag noch gültig war, ist schon am Samstag überholt. Wer weiß, wie dieser Eindruck wirkt, wenn diese Sonderausgabe der Salzkörner erscheint? Es ist eine Momentaufnahme. Ebenfalls vorausgeschickt: Ich berichte aus meiner Arbeit, spreche aber nicht für den Deutschen Caritasverband e. V.

Alle Welt muss nun plötzlich so weit wie irgend möglich „digitalisiert“ werden: Informationen können kaum schnell genug transportiert werden, sind verstreut, Abstimmung und Kommunikation laufen auf Hochtouren, all das mit möglichst wenig „echtem“ Kontakt. Die Chancen des digitalen Wandels kommen hier zum Tragen. Leistete ich bislang Überzeugungsarbeit für die digitalen Möglichkeiten, können selbige jetzt kaum schnell genug genutzt werden.

Soziale Dienste digital

Beratungsstellen, Jugendhilfe-Einrichtungen und andere Orte müssen schließen – bricht damit der Kontakt zu den Ratsuchenden ab? Seit zwei Jahren baut die Caritas ihre bestehende Online-Beratung intensiv zu einer Plattform für vernetztes Beraten aus, als Erweiterung der umfangreichen Angebote vor Ort: #sozialbrauchtdigital. Schon in der ersten Woche der Ausgangsbeschränkungen wird deutlich: Der Bedarf an Hilfe und Beratung wächst auch noch, denn berufliche Unsicherheit, die allgemeine Bedrohungslage sowie die räumliche Enge setzen den Menschen zu, bis hin zum deutlichen Anstieg häuslicher Gewalt.

Hunderte weiterer Berater_innen wollen und müssen jetzt geschult werden, um auch online beraten zu können – und das alles rein digital. Eine Herausforderung für die Fortbildung. Es ist umso dringlicher, weil es keine Option ist, ohne Schulung in die digitale Beratung zu gehen oder den vermeintlich schnellen Weg zu wählen, über völlig ungeschützte Formate wie E-Mail sensibelste Themen zu bearbeiten.

Mit Hochdruck arbeiten wir daran, dass unsere Online-Beratung als technische Basis auch anderen Wohlfahrtsverbänden zur Verfügung steht. Es ist zu hoffen, dass die Online-Beratung den Ausfall der Beratungsstellen vor Ort überbrücken hilft. Dabei ist das Ziel, digitale und Angebote vor Ort mit ihren jeweiligen Vorteilen als „blended counseling“ zu verbinden. Die „nur-digitale“ Welt, wie sie sich jetzt gerade als notwendig darstellt, ist nicht die, die wir als Ziel einer digitalen Transformation anstreben.

Videokonferenz im Wohnzimmer

Die verbandsweite Informationsplattform CariNet war für einige gerade erst wieder neu ins Bewusstsein gekommen als Vernetzungsoption, die wir „jetzt bald mal“ für neue Bedarfe fit machen sollten. Sie konnte in kürzester Zeit zu einem essentiellen Informationsknoten ausgebaut werden, an dem die neuesten Entwicklungen aus dem und für den ganzen Verband gefiltert und gebündelt werden. Wirklich auf Höhe der digitalen Möglichkeiten sind aber weder die Ausrüstung noch unsere Fähigkeiten, wie wir angesichts der harten Anforderungen nun merken. Mit enormem Engagement aller Beteiligten holen wir das Beste heraus.

Es braucht nicht nur Technik, sondern auch Anwendungswissen: Wie kann man eine Videokonferenz mit über 30 Leuten noch effizient durchführen? Vor allem aber fällt der kollegiale Kontakt weg, die schnelle Absprache an der Kaffeemaschine. In Berlin verortet, arbeite ich seit Beginn „auf Entfernung“ mit meinen Kolleg_innen in Freiburg und im ganzen Verband zusammen. Nun teilen wir alle den Bedarf, neue Rituale zu finden, mit denen wir Zusammenarbeit online auch kollegial-emotional gestalten.
Die Herausforderungen und Möglichkeiten zu verstehen, neue Angebote zu schaffen und gleichzeitig den Zusammenhalt in einer Gesellschaft zu stützen, die schon vor der Epidemie nach Orientierung im digitalen Wandel gesucht hat – das ist die Situation der Freien Wohlfahrt. Der Bedarf an Digitalkompetenz geht durch die Caritasverbände schon fast wie ein Fieberschub. Plötzlich wird sichtbar, wo es an Ausrüstung, Kompetenzen und Kultur der virtuellen Zusammenarbeit fehlt. Aber auch, was alles möglich ist (und schon zuvor möglich gewesen wäre).  

Autor: Dipl.-Des. Johannes Landstorfer M. A, Koordinator Digitale Agenda beim Deutschen Caritasverband e. V.

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