Salzkörner

Mittwoch, 28. August 2019

Sich bewegen lassen von dem, was die Menschen bewegt

Wirksame Akademiearbeit heute

Die Frage zu beantworten, was Akademiearbeit heute bedeutet, ist nicht grundsätzlich möglich, sondern kann nur aus der jeweiligen Perspektive einer Akademie geschehen. Zu unterschiedlich sind die regionalen Bedingungen für Akademiearbeit und zu unterschiedlich müssen auch die Antworten auf die Frage ausfallen, was Akademiearbeit heute ausmacht. Am Beispiel der Katholischen Akademie Wolfsburg gehen wir diesen Fragen nach.

Die Wolfsburg liegt in der Metropole Ruhr, dem drittgrößten Ballungsraum Europas: 53 Städte, in denen 5,3 Millionen Menschen aus über 170 Nationen leben. Durch Kohle und Stahl geprägt, gibt es heute in dieser Region viele Aufbrüche. Aber auch das gehört zum Blick auf das Ruhrgebiet: Verfestigte Arbeitslosigkeit, eine stark ausgeprägte Segregation der Bevölkerung und damit einhergehend zahlreiche Kinder und Jugendliche, die nicht ausreichend an Bildungschancen partizipieren können. Chancen und Benachteiligungen liegen hier nahe beieinander. Diese Charakteristik der Region prägt auch die Arbeit der Akademie.

Ebenfalls von großer Bedeutung ist das kirchliche Umfeld: Die Wolfsburg ist die Akademie des Bistums Essen. Ein junges und nicht finanzstarkes Bistum, das fast ausschließlich auf Kirchensteuermittel angewiesen ist und für das nachhaltiges Wirtschaften unerlässlich ist. Diese Tatsache setzt aber auch viel Kreativität frei. Sowohl im Hinblick auf die Fragen der Kirchenentwicklung als auch im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen wird im Bistum Essen, gerade auch von Bischof und Generalvikar, mit großer Offenheit agiert. Eine wichtige Voraussetzung für eine Akademiearbeit, die die Realitäten zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit macht.

Akademiearbeit ist das Offenhalten von Dialogräumen

Bei Akademiearbeit, wie sie in der Wolfsburg verstanden wird, geht es nicht in erster Linie „um den Zuwachs an Wissen, sondern um ein dialogisches Verstehen der anderen und der vielen Welten“, wie es Bischof Overbeck anlässlich des Akademieleiterwechsels in der Wolfsburg im Juni 2019 formuliert hat. Akademiearbeit ist deshalb nicht Erwachsenenbildung im klassischen Sinne, sondern das Offenhalten von Dialogräumen für Menschen unterschiedlichster Perspektiven. Voraussetzung dafür sind eine Offenheit für die vielen Positionen, die Bereitschaft, sich in andere Logiken einzudenken, ein Gespür für Fragen der Gerechtigkeit und eine Gesprächskultur, die auf Transparenz und Beteiligung setzt und zugleich für die Fragen der Menschen in einer Region sensibilisiert ist.

Wer heute Akademiearbeit betreibt, muss ein waches Gespür für die Zeichen der Zeit haben. Zu diesen Zeichen gehört auch eine wachsende Vielfalt an Meinungen und Positionen. Ihnen steht eine große Sehnsucht nach Eindeutigkeit gegenüber, die aber in Zeiten der radikalen, globalisierten und digitalisierten Moderne nicht mehr einlösbar ist. Dieser Umgang mit Mehrdeutigkeiten bzw. Ambiguitäten spielt nicht nur gesellschaftlich, sondern genauso kirchlich eine Rolle. Hierfür die synodal-dialogische Tradition der frühen Kirche zu heben und eine Vielfalt von zeitgemäßen Formen zu entwickeln, wie es in einigen Bistümern in den letzten Jahren erfolgreich gelungen ist, zeigt, dass der Dialog auch innerkirchlich ein wichtiger Weg für den Umgang mit Komplexität ist. Die jetzt durch den Missbrauch herausgeforderte Kirche wird diese Gesprächskultur dringend brauchen, um zu strukturellen Veränderungen und neuen Haltungen zu kommen. Räume für diesen gesellschaftlichen und kirchlichen Diskurs zu eröffnen, ist das vordringliche Anliegen der Akademiearbeit in der Wolfsburg.

Ein solcher Diskurs kann nicht abgehoben sein, sondern muss die Kontextualität für die eigene Arbeit sehen. Deshalb ist die Akademiearbeit in der Wolfsburg kontextuell ausgerichtet. Die Handlungskonstellation der Akademie ist die Metropole Ruhr mit ihren zahlreichen Herausforderungen. Dabei müssen die tatsächlichen Fragen, Sorgen und Nöte von Menschen der Region im Mittelpunkt stehen, ohne dabei die weiteren konzentrischen Kreise aus den Augen zu verlieren. Durch eine solche Analyse des Lebensraumes ergibt sich die Chance, Handlungskonstellationen und ihre Bedeutsamkeit für kirchliche Akademiearbeit zu realisieren.

Akademiearbeit als Projektarbeit

Die Akademie ist in der Region mit unterschiedlichen Projekten und Akteuren vernetzt. In diesem Feld ergeben sich immer wieder neue Herausforderungen und Themen. Diese Themen nachhaltig zu bearbeiten, ist eine Herausforderung, der sich Akademiearbeit neu stellen muss. Dafür ist auch ein Setting an unterschiedlichen Formaten notwendig. Die großen Podien, die Aufmerksamkeit erregen, die Nachrichtenwert haben, die in einem Raum für einen Abend Menschen unterschiedlicher Interessen zusammenbringen, sind eine Form der Arbeit. Genauso wichtig ist eine projektbezogene Arbeit, die über längere Zeit mit Partnern und Partnerinnen aus Wirtschaft, Gesundheitssektor, Wissenschaft, Kultur gemeinsam Themen entwickelt und gezielt bearbeitet. So können in reflexiven Prozessen Räume der Auseinandersetzung eröffnet werden, in denen neue Verständigung und neue Einsichten wachsen. In der Wolfsburg ist dies mittlerweile ein wichtiges Feld der Akademiearbeit. Hier weitere Akzente zu setzen, wird für die Zukunft der Wolfsburg eine große Rolle spielen. Die Projektarbeit hat dabei einen weiteren wichtigen Effekt. Sie bringt Menschen mit der Katholischen Akademie in Kontakt, die diese von sich aus nicht aufsuchen würden. So lernen sie einen kirchlichen Ort als einen offenen und einladenden Ort kennen und lassen sich für weitere Dialoge mit ganz anderen Personen und Themen gewinnen. Die Vielfalt, die eine Akademie braucht, wenn Sie Ort des Dialogs und der vielen Perspektiven sein will, wird so gestärkt. In der sich verändernden Metropole Ruhr geht es immer wieder darum, neue Partner für die Zusammenarbeit zu suchen und dabei auch wirklich gemeinsam Neues zu entwickeln und so das Netzwerk stetig auszuweiten.

Akademiearbeit hält den Diskurs auf das Religiöse hin offen

Bei all dem spielt es auch eine Rolle, christliche Überzeugungen im gesellschaftlichen Diskurs zur Sprache zu bringen und sie als eine Perspektive unter anderen in die gesellschaftlichen Debatten einzubringen. Nicht als totschlagende Argumentation, sondern um den Diskurs auf das Religiöse hin offen zu halten und, wie es vor kurzem jemand genannt hat, die „Als-Ob-Fragen“ zu stellen. Es lohnt sich, gegen alle Rationalität so zu tun, als ob es Gott gäbe, denn so schreibt ein Autor unserer Tage: „Ein fruchtbarer Konjunktiv ist besser als ein unfruchtbarer Indikativ.“ (Sebastian Kleinschmidt, Spiegelungen, 77-78). So kann die Frage nach dem Menschen, seiner Existenz, seiner Geschichte, seinem Sein und Sollen offen gehalten werden und die Kirche mit kirchlich geprägten Diskursorten einen wichtigen Beitrag zu einer Kultur des Dialogs leisten, in der das Religiöse zur Perspektive auf den Menschen dazu gehört. In diesem Sinne eine gute Debattenkultur zu pflegen, wird auch weiterhin ein Markenzeichen der Diskurse sein, zu denen Menschen in die Wolfsburg eingeladen werden.

Ein Bistum, das wie das Bistum Essen, die Realitäten der Menschen wahrnimmt, wird auch sehr unterschiedliche Orte ausprägen, an denen Menschen der christlichen Botschaft auf unterschiedliche Weise begegnen können. Theologische und religiöse Gewissheiten und Deutungsmuster haben viel an Plausibilität und Relevanz für zahlreiche Menschen eingebüßt. Andererseits kommen Glaubens-, Sinn- und Lebensfragen eine große Aktualität zu. Das liturgische Angebot der Kirchen ist auf diese Situation nur bedingt vorbereitet. Die Akademie ist deshalb nicht nur Ort des Diskurses, sondern auch Identitätsort und Laboratorium für unterschiedlichste Formen christlicher Spiritualität. Dies reicht von besonders gestalteten Eucharistiefeiern bis hin zu niederschwelligen liturgischen Angeboten, die insbesondere Menschen ansprechen, die in einer größeren Distanz zur Kirche leben und dennoch die Sehnsucht spüren, ihre Sinn- und Lebensfragen in einen christlich-religiösen Kontext zu stellen. Auch diese Aufgabe gehört wesentlich zur Akademiearbeit dazu.

So kann Akademiearbeit auch heute immer wieder zur notwendigen „Unterbrechung“ werden.

 

 

Autor: Dr. Judith Wolf Akademiedirektorin der Wolfsburg

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