Salzkörner

Samstag, 3. Juli 2010

Social Business

Eine Perspektive für Familienunternehmen
In jeder Krise liegt auch eine Chance – so auch in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Das Thema Wirtschafts- und Unternehmensethik rückt zunehmend in den Fokus des allgemeinen gesellschaftspolitischen Interesses. Doch wie lässt sich Wirtschaftlichkeit und Unternehmertum denken, wenn nicht nach Kriterien der Gewinnmaximierung? Professor Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank, hat dieses Umdenken gewagt und mit dem Social Business-Konzept eine neue Idee zur Gestaltung des Wirtschaftsystems vorgelegt.
"Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist." In diesem Zitat von Victor Hugo steckt eine zentrale Erkenntnis: Eine Idee kann nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn sie einen echten Bedarf anspricht. Die Wirtschaft ist heute an einem Punkt angelangt, an dem die Idee des Social Business – wie sie Yunus formuliert hat – genau in die Werte- und Ethikdiskussion passt und daher einen Bedarf trifft. Damit ist die Zeit reif, das Konzept umzusetzen und unsere Idee von "Unternehmertum" neu zu beleuchten. Dabei stellen wir fest, dass Soziales Unternehmertum – so lässt sich der Begriff des Social Business am ehesten ins Deutsche übersetzen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit für eigentümergeführte Familienunternehmen ist und dennoch (oder gerade deshalb) in der Krise ganz neue Beachtung erfährt.
Was ist ein Social Business?
Yunus Idee lässt sich auf folgende Kurzformel bringen: Ein Social Business ist ein mindestens verlustfreies Unternehmen mit sozialer Zielsetzung, dessen Gewinne in das Unternehmen reinvestiert werden. Sein oberstes Ziel ist die Verknüpfung von ökonomischer Kompetenz und sozialer Verantwortung. Deutlich wird das Anliegen eines Social Business durch einen Vergleich von Unternehmenstypen nach ihrer Ausrichtung auf finanzielle bis hin zu sozialer Rendite:
Klassisches Wirtschaftsunternehmen  maximiert die finanzielle Rendite
Sozial verantwortliches Unternehmen
Social Business
Social Entrepreneurs
Klassische gemeinnützige Organisationen  maximieren die soziale Rendite
Ein Social Business ist somit stärker sozial orientiert als ein "Sozial verantwortliches Unternehmen", aber stärker gewinnorientiert als ein "Social Entrepreneur". Natürlich gibt es fließende Übergänge, dennoch sollte Social Business nicht mit dem Ansatz der "Corporate Social Responsiblity" gleichgesetzt werden. (Weitere Informationen zum Social Business-Konzept: "Mit unternehmerischer Kreativität und Kompetenz Armut überwinden", SALZkörner vom 30.10.2008)
Was haben ein Familienunternehmen und ein Social Business gemeinsam?
Ein Unternehmen repräsentiert zunächst eine institutionalisierte Einheit, die es schafft, Bedarf und Angebot in die Balance zu bringen und die Machbarkeit der Bedarfsbefriedigung sicherzustellen. Im Falle eines vom Eigentümer geführten Unternehmens hat diese Einheit ein Gesicht:
Es ist der Mensch am Kopf des Unternehmens, der den Geist, den Führungsstil und die Organisation seines Unternehmens prägt.
Es ist das Arbeitsklima und die Auswahl der Mitarbeiter, für die er persönlich verantwortlich ist.
Es ist seine Produktidee und seine Entscheidung, wofür er seine Talente und Ressourcen verwendet.
Es ist letztendlich aber auch seine ganz persönliche Haftung, sein ganz persönliches Risiko und seine ganz persönliche Beschränkung, die maßgeblich für die Entwicklung und den Erfolg des Unternehmens sind.
Die Ähnlichkeit dieser Merkmale eines deutschen Familienunternehmers/einer Familienunternehmerin zu den Kriterien von Yunus macht deutlich, dass das Konzept von Yunus ein speziell in Deutschland bekanntes, gelebtes und tief verwurzeltes Modell ist. Eine Reihe von Unternehmerpersönlichkeiten der vergangenen Jahrhunderte zeigt die tiefe historische Verankerung von sozialer Verantwortung im deutschen Unternehmertum. Man könnte hier auch von "real existierenden" Social Businesses sprechen:
Jakob Fugger der Reiche baute 1521 in Augsburg eine Wohnsiedlung für bedürftige Bürger.
Friedrich Wilhelm Raiffeisen gründete 1847 einen "Brotverein". Er setzte damit die Idee der genossenschaftlichen Selbsthilfe mit dem Ziel um, Hungersnot und Verarmung der Bauern abzuwenden.
Ernst Abbe schuf 1889 mit der Satzung der Carl Zeiss Stiftung ein beispielhaftes Regelwerk für eine unternehmerisch tätige Stiftung, mit moderner, arbeitnehmerfreundlicher Unternehmensphilosophie und unternehmerischem Mäzenatentum.
Robert Bosch produziert seit 1886 technische Güter, die "Leben retten", d. h. die zur Sicherheit im Fahrzeug beitragen. Das soziale Engagement und die formulierten Unternehmenswerte sind beispielhaft für das Konzept eines Sozialen Unternehmers.
Oskar von Miller gründete 1821 das Bayernwerk und schuf damit ein Unternehmen zur Elektrizitätsversorgung zunächst aus Wasserkraft. Er begründete 1903 das 1925 eröffnete Deutsche Museum in München als Ausdruck seiner kulturellen, sozialen und politischen Verantwortung.
Auch wenn diese Auswahl keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben kann, so lässt sich doch feststellen: Diese Unternehmer haben in unserer Gesellschaft Spuren hinterlassen. Heute kann uns das Social Business-Konzept helfen unsere eigene Tradition neu zu begreifen. "Für mich hat mit der Reise nach Bangladesch und dem Besuch der Grameen Bank eine neue Identifikation mit dem eigenen Unternehmen und mit meiner Rolle in einer Unternehmerfamilie begonnen", sagte Familienunternehmerin Christine Schübel aus Talheim hierzu auf der Jahrestagung der Diözesanräte im Februar 2010.
Wie kann eine Neuorientierung in der Krise gelingen?
Das Jahr 2009, die so genannte "Weltwirtschaftskrise" zeigt uns, dass wir auch nach allzu selbstverständlich erscheinenden Zeiten des Wohlstandes und des Friedens den historischen Realitäten nicht entgehen können. Eine Gesellschaft – und hier sind in erster Linie die "reichen Ländern" gemeint – kann nicht auf Dauer gesättigte Märkte künstlich stimulieren, über ihre Verhältnisse leben, Risiken des Scheiterns und der Fehlentscheidung ignorieren.
Zweck eines Unternehmens sollte es sein, die Gesellschaft mit Gütern zu versorgen, die diese wirklich braucht. Es sollte darauf ausgerichtet sein, nachhaltige Bedarfe zu decken – also keine künstlichen Bedarfe (wie z. B. Luxusartikel) – und Wertschöpfung im betriebswirtschaftlichen und gesellschaftlichen (= sozialen) Sinn zu erzeugen.
Eine Chance auf Neuorientierung bietet das beschriebene eigentümergeführte Unternehmen – der "Prototyp" eines Social Business –, in dem Verantwortung für Mensch und Unternehmen kein Gegensatz ist. Der Antrieb des Unternehmers zu Leistung und Erfolg kommen von innen. Die hierfür erforderlichen Unternehmer-Qualitäten bzw. Tugenden sind Verantwortungsbereitschaft, Mut zur Gestaltung, die Fähigkeit, Menschen zu führen, die Bereitschaft, mit dem eigenen Vermögen zu haften, und Engagement für das Gemeinwohl.
Genau diese Unternehmerqualitäten sind auch elementar für das von Yunus propagierte Unternehmertum, welches Armutsbekämpfung betreibt und damit letztendlich ein Gesellschaftsmodell schafft, in dem alle zumindest existentiell abgesichert sind.
Wenn es gelingt, dieses Unternehmensideal auch nach außen zu kommunizieren, wird die Gesellschaft einen neuen Blickwinkel einnehmen können. Eindimensionale Ausrichtung auf Profitmaximierung und die Orientierung am Eigennutzen, gerechtfertigt durch das Denkmodell des "homo oeconomicus", bieten keine Antwort mehr auf die Zeitgeist- und Wertediskussion der industrialisierten Wohlstandsländer. Denn bei heutigem Wohlstandsniveau geht es nicht mehr um Existenzsicherung, sondern um Rechtfertigung und Sinngebung im unternehmerischen Tun.

Autor: Jutta Hinrichs, Referentin für Wirtschaft und Soziales im Generalsekretariat des ZdK

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