Salzkörner

Freitag, 15. November 2019

Sommers haben sich getrennt

Betreuung im Wechselmodell nach Trennung und Scheidung

Die Trennung war schon lange zu erwarten. Als Uta Sommers beste Freundin hatte ich sie gewarnt: „Tu das den Kindern nicht an!“, hatte ich gesagt. „Sie brauchen eine intakte Familie.“ Dabei war bei Sommers schon lange nichts mehr intakt: Jeder machte beruflich sein Ding, ohne sich für den anderen zu interessieren, in Fragen der Kindererziehung gab es häufig Streit, und Freude an gemeinsamen Unternehmungen oder gar an Intimität hatten sie schon seit Jahren nicht mehr.

Jetzt sitzen ihre Kinder in meiner Küche. Ich bin ihre Patin. Mia ist sechs, sie weint leise. Ihr Bruder Tim ist acht. Er starrt versteinert auf seinen Teller. Sommers haben Mia und Tim gesagt, dass sie sich trennen und dass die Kinder in den Weihnachtsferien mit Mama umziehen würden. Dass es besser so sei. Dass sie beide trotzdem immer liebhaben würden usw. Sie würden bei Uta wohnen und Mark jedes zweite Wochenende besuchen. Ihren Papa besuchen? Nicht mehr abends von ihm vorgelesen bekommen? Und wer bringt dann Tim zum Training? Die Kinder können und wollen sich das nicht vorstellen. Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass in Schweden viele Kinder abwechselnd jeweils eine Woche bei Mama und bei Papa wohnen. Ob das eine Alternative wäre? Nachdem Mia und Tim gegangen sind, setze ich mich abends an die Recherche und finde verschiedene Betreuungsmodelle:

Residenzmodell

Tradierte Betreuungsform, in der Kinder bei einem Elternteil (meist der Mutter) wohnen und den anderen Elternteil (meist den Vater) an Wochenenden/in den Ferien besuchen. Rollenverteilungen der Hausfrauenehe werden konsequent fortgesetzt: Mutter betreut die Kinder, Vater verdient das Geld.

Wechselmodell

Abwechselnde, geteilte Betreuung. Kinder sind bei beiden Eltern zu Hause, nicht zu Besuch. Eltern agieren auf Augenhöhe und bleiben beide pädagogisch, rechtlich und praktisch für ihre Kinder verantwortlich. Das Wechselmodell ist die Fortsetzung gleichberechtigter Elternrollen in der Partnerschaft.

Nestmodell

Nicht die Kinder wechseln zwischen den Haushalten der Eltern, sondern die Eltern betreuen abwechselnd die Kinder in der Familienwohnung.

Ob das was für Sommers sein könnte: Mia und Tim abwechselnd zu betreuen? Gleich morgen werde ich mich mit Uta treffen und ihr von meiner Idee erzählen. Bis dahin will ich noch zwei Aufsätze über die Vor- und Nachteile des Wechselmodells lesen.[1] Ein E-Book zum Thema habe ich mir auch runtergeladen.[2] Ob das Kindern wirklich gut tut? Ist das Wechseln nicht viel zu stressig? Während ich lese, mache ich mir Notizen:

Vorteile des Wechselmodells  

  • Kinder berichten über weniger Stress als Kinder im Residenzmodell. Die Anzahl der Wechsel zwischen den Eltern ist bei wöchentlichem Wechsel gleich häufig wie bei vierzehntägigen Wochenendbesuchen.
  • Studien zeigen, dass Wechselmodellkinder eine engere emotionale Bindung an beide Elternteile haben, verglichen mit Kindern im Residenzmodell, und dass diese Bindung genauso eng ist wie bei zusammenlebenden Familien.

Das beruhigt mich. Bindung ist wichtig, dass weiß man ja. Ganz schön schwierig, diese psychologischen Studien. Zum Glück gibt es verständliche Zusammenfassungen:

  • Kinder im Wechselmodell zeigen eine bessere psychische Entwicklung und weniger psychische Probleme und Auffälligkeiten als Kindern Alleinerziehender. Auch körperlich sind Eltern und Kinder im Wechselmodell gesünder. Wechselmodellkinder weisen deutlich seltener psychosomatische Erkrankungen und Symptome auf.
  • Der Kontakt zu beiden Eltern ist für eine gesunde positive Entwicklung von Kindern hilfreich. Im Residenzmodell erleben viele Kinder den Verlust eines Elternteils als schmerzhaft. Wenn sie zusätzlich noch den Kontakt zu Großeltern, Verwandten und Freunden eines Elternteils verlieren, fehlt ihnen ihre halbe familiäre Welt.

Ich frage mich, zu welcher Familienhälfte ich in Zukunft zählen werde und spüre auch bei mir eine Traurigkeit. Ob Mia und Tim zwei Zuhause haben können?

  • Kinder können sich in zwei Elternhäusern geborgen und zuhause fühlen. Dabei erleben viele Kinder die Verschiedenheit ihrer Eltern als Bereicherung. Wechselmodellkinder sind mit ihrer familiären Lebenssituation und mit ihrer schulischen Situation insgesamt zufriedener als Kinder Alleinerziehender. Am zufriedensten sind Kinder, deren Eltern zusammenleben. Auch Eltern sind im Wechselmodell zufriedener. Viele schätzen die „kinderfreie Zeit“, in der sie arbeiten, Freizeit genießen oder Zeit mit neuen Partnern verbringen können.
  • Ein Sorgerechtsstreit ist für alle Beteiligten sehr belastend. Er kostet Zeit und Geld und häufig wird das Vertrauen zwischen den Eltern langfristig zerstört. Was Eskalation vermeidet, leistet langfristig einen wertvollen Beitrag für das Kindeswohl. Häufig gelingt im Wechselmodell schneller wieder eine Verbesserung der Beziehung zwischen den Eltern.

Das kann ich mir gut vorstellen. Einen Rechtsstreit um die Kinder sollten Uta und Mark auf jeden Fall verhindern. Mia und Tim brauchen sie beide, Vater und Mutter gleichermaßen.

  • Kinder lieben beide Eltern. Sie wollen sich nicht für einen (und damit gegen den anderen) entscheiden müssen.
  • Im Wechselmodell gibt es keine Alleinerziehenden mehr. Familiäre Belastungen werden gerecht geteilt. Eltern haben für ihre Kinder Liebe und Zuwendung, aber auch praktische, soziale und wirtschaftliche Ressourcen. Wenn Kinder von zwei Eltern profitieren können, bekommen sie doppelt so viel.

Das klingt für mich alles sehr plausibel, und ich frage mich, warum das eigentlich nicht alle Eltern so machen? Es muss doch auch Nachteile geben. Es ist schon spät, aber ich lese weiter …

Nachteile des Wechselmodells

  • Die Mobilität der Eltern wird eingeschränkt, denn eine Bedingung für das Wechselmodell ist, dass Kinder ihre Schule/Kita von beiden Elternhäusern aus erreichen können.
  • Absprachen zwischen den Eltern bleiben notwendig. Den Wechsel der Kinder und ihrer Sachen nimmt den Eltern niemand ab (außer im Nestmodell). Bei kleineren Kindern müssen die Eltern dies leisten, ältere Kinder managen das zunehmend selbstständig.
  • Durch ein zweites Kinderzimmer und Doppelanschaffungen können Mehrkosten entstehen.

Es ist nach Mitternacht geworden. Ich kann es gar nicht erwarten, morgen mit Uta darüber zu sprechen und schließe Familie Sommer innig in mein Abendgebet ein. Am nächsten Tag treffe ich Uta nach der Arbeit. Ich sehe sofort, dass auch sie wenig geschlafen hat. Sie erzählt, dass sie und Mark gestern bei einer Mediatorin waren, um sich bei der Lösungsfindung helfen zu lassen.[3] „Die Sitzung war sehr anstrengend,“ sagt sie, „aber auch interessant. Die Mediatorin hat ziemlich schnell herausgearbeitet, dass die Frage der Kinderbetreuung bei uns noch nicht geklärt ist. Sie hat uns vorgeschlagen, Mia und Tim im Wechselmodell zu betreuen.“ Als Uta merkt, dass ich sie begeistert anstrahle, ist sie irritiert. „Davon habe ich noch nie etwas gehört,“ sagt sie verzagt, „wir sollen uns bis zur nächsten Sitzung darüber informieren.“ „Ach Uta“, ich nehme meine Freundin in den Arm, „das ist doch eine gute Idee.“ Ich trinke einen großen Schluck Kaffee und hole meine Notizen aus der Tasche. „Ihr schafft das schon. Und mich habt ihr ja auch noch.“

     


[1]       Nielsen, L. (2019): Wechselmodell versus Residenzmodell – Was sagt uns die Forschung über die Auswirkungen auf die Kinder? In: Sozialmagazin, Themenheft „Elterliche Trennungen“, Vol. 5–6, S. 38–44. Fransson, E./Hjern, A./Bergström, M. (2019): Sind schwedische Kinder anders? In: Sozialmagazin, Themenheft „Elterliche Trennungen“, Vol. 5–6, S. 31–37. Sünderhauf, H. (2013): Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis. Wiesbaden: Springer VS.

 

[2]       Sünderhauf, H. (2019): Praxisratgeber Wechselmodell. Wie Ge-

trennterziehen im Alltag funktioniert. Wiesbaden: Springer VS.

[3]       Sünderhauf, H. (2019): Wechselmodell und (obligatorische) Mediation. In: Sozialmagazin, Themenheft „Elterliche Trennungen“, Vol. 5–6, S. 58–64.

 

Autor: Dr. Hildegund Sünderhauf Professorin für Familienrecht an der Evangelischen Hochschule Nürnberg

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