Salzkörner

Samstag, 3. Juli 2010

Spirituell und politisch

Rückblick auf den 2. Ökumenischen Kirchentag
Der 2. Ökumenische Kirchentag (2. ÖKT), der vom 12. bis 16. Mai 2010 stattfand, war ein großes und bedeutendes Ereignis. Er war ohne Zweifel in diesem Jahr die wichtigste kirchliche Großveranstaltung europaweit.
Dies gilt gleichermaßen für die Veranstaltungsgröße und die Vielzahl und Vielgestaltigkeit der einzelnen Programmangebote wie auch für die Zahl der Menschen, die zum 2. ÖKT nach München gekommen waren. Mit 130.000 Dauer- und weiteren 40.000 Tagesteilnehmenden war der 2.ÖKT deutlich größer als alle Katholikentage und Kirchentage der letzten 20 Jahre.
Prominenz
Auch die große Zahl namhafter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die der Einladung zur aktiven Teilnahme und Mitwirkung gefolgt sind, war höchst bemerkenswert und ein wichtiger Beleg, als wie bedeutsam diese Veranstaltung auch in allen Bereichen der Gesellschaft eingeschätzt wurde. Stellvertretend seien hier Bundespräsident Dr. Horst Köhler und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel genannt. Das Wort des Bundespräsidenten zur Eröffnung war ein bemerkenswertes und ermutigendes Bekenntnis zu den Kirchen und ihrer wichtigen Bedeutung in der Gesellschaft. Viele fühlten sich ermutigt und bestärkt, als er sagte: "Wir dürfen heute uns selbst und alle, die uns zuhören, daran erinnern, wie viel an gelebter Barmherzigkeit, an tatkräftiger Solidarität, an Dienst am anderen durch gläubige Menschen in dieser Gesellschaft lebendig ist. Das braucht unsere Gesellschaft. Das hat Dank und Anerkennung verdient." Ähnliches sagte die Bundeskanzlerin in einer der größten Diskussionsveranstaltungen.
Aber auch nahezu alle Minister des Bundeskabinetts und viele Mitglieder von Länderregierungen waren der Einladung nach München gefolgt, und nicht wenige haben an mehr als einer Veranstaltung teilgenommen.
Wer die Terminkalender von Spitzenpolitikern kennt, weiß, dass solches Engagement Rückschlüsse zulässt auf den politischen Stellenwert, den man dem 2. ÖKT beigemessen hat. Daraus ist auch zu schließen, dass es für viele Politikerinnen und Politiker heute durchaus auch persönlich (wieder) wichtig ist, das Gespräch mit engagierten Christinnen und Christen zu suchen, und nicht wenige haben sich hier selbst öffentlich und klar zu ihrem Christsein bekannt. So wurde das Thema des 2. ÖKT "Christsein in der Gesellschaft – Christsein für die Gesellschaft" auch auf diese Weise konkret und präsent.
Ein Ort des politischen und gesellschaftlichen Diskurses
Durch die Mitwirkung einer großen Zahl von Politikerinnen und Politikern, aber ebenso von führenden Männern und Frauen aus Wirtschaft und Wissenschaft, aus Journalismus, Kunst und Sport, die in den Veranstaltungen mitdiskutiert oder auf der "Agora" Rede und Antwort gestanden haben, hat sich in München etwas ereignet, was wir in unserem Land sonst nur von Katholiken- und Kirchentagen her kennen und um das uns viele Christen in anderen Ländern ehrlich beneiden: Der ÖKT bot eine einzigartige Gelegenheit, christliche Positionen in die Debatte um die vielen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens qualifiziert und vernehmbar einzubringen. Wo sonst gibt es für Christen die Möglichkeit, in so dichter Folge und in so vielen Veranstaltungen gleichzeitig mit politischen Entscheidungsträgern und Verantwortlichen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen ins Gespräch zu kommen und dabei vor aller Öffentlichkeit für die eigenen Standpunkte einzutreten, für sie zu werben oder auch für sie zu streiten? Immer wieder haben wir lesen können oder konnten wir es selbst erleben, wie ernsthaft und respektvoll und auf welch hohem Niveau diese Diskurse geführt wurden und wie interessiert und konzentriert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hieran teilgenommen haben.
Großer Zuspruch zum Programm
Die Veranstaltungen waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ausgesprochen gut besucht. Die Hallen auf dem Messegelände, aber auch in den über das Stadtareal verteilten Zentren waren gut gefüllt nicht selten sogar überfüllt wie z. B. das Zentrum Älter werden, das nicht nur die ältere Generation, sondern verschiedene Generationen begeistern konnte. Auch hier herrschte durchweg ein großes Interesse an Sachfragen, an persönlicher Begegnung, an Erfahrungsaustausch, an Gespräch oder Beratung, zum Teil auch in persönlichen Fragen des Lebens und des Glaubens. Das galt zum Beispiel für das Jugendzentrum ebenso wie für das Familienzentrum und für das Zentrum Soziale Arbeit und soziale Netzwerke.
Unaufgeregt positive Stimmung
Es war bemerkenswert, dass trotz der Kälte und des Regens auch viele Veranstaltungen unter freiem Himmel, etwa die großen Konzerte auf der Theresienwiese, mit bis zu 50.000 Zuhörern bestens besucht waren. Die unfreundliche Witterung tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Es mag sein, dass dem 2. ÖKT nicht mehr so sehr der Zauber des Neuen innewohnte, von dem der Berliner ÖKT 2003 erfüllt war. Mit den Worten eines Teilnehmers ausgedrückt: "Der Enthusiasmus von damals ist weitgehend von einem Realitätssinn abgelöst worden, umso mehr brauchen wir das Thema der Hoffnung ...". Dafür hatte man in München vielerorts den wohltuenden Eindruck, dass für die Teilnehmenden die ökumenische Begegnung inzwischen fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Es herrschte überall eine positive Unaufgeregtheit. Hierzu trug sicher auch die Tatsache bei, dass die in den Tagen und Wochen zuvor von verschiedenen Seiten angekündigten Störungen und Provokationen schlicht nicht stattgefunden haben oder einfach unterhalb der Wahrnehmungsgrenze blieben.
Große Themenvielfallt mit Profil
Die Themenauswahl des 2. ÖKT war breit und das umfangreiche Programmheft stellte durchaus gewisse Anforderungen an die Benutzer. Dennoch: Die gelegentlich geäußerte Kritik der Unübersichtlichkeit oder gar Beliebigkeit war aus dem Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht zu hören. Teilnehmende wissen, dass es ein Spezifikum von Kirchen- oder Katholikentagen und also auch des ÖKT ist, auf die Vielfalt der Fragen und Aufgaben, die uns in Kirche und Gesellschaft aufgegeben sind, einzugehen. Sie erwarten dies sogar ausdrücklich. Ein ÖKT will kein Fachkongress sein. Er will vielmehr die Vielfalt christlichen Engagements zur Sprache bringen und sichtbar machen. Wie sich schon bei vergleichbaren kirchlichen Großveranstaltungen der letzten Jahre andeutete, gab es beim 2. ÖKT auch nicht das eine, herausragende Thema, wie es in den 90er Jahren das Umwelt- oder Friedensthema waren. Politik und Gesellschaft – und übrigens auch Kirche – sind vielgestaltig geworden. Dennoch lassen sich Themenfelder benennen, die sich bereits in der Vorbereitungsphase allmählich zu Schwerpunkten verdichteten und die dann auch während der Tage in München selbst das Gesamtereignis akzentuierten. Als Beleg hierfür kann die Presseauswertung der Printmedien herangezogen werden. Demnach rangierte hinter der situationsbedingt stark wahrgenommenen Auseinandersetzung mit dem Thema "Sexueller Missbrauch" und dem Stichwort "Ökumene" als solchem an erster Stelle die Befassung mit der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise. Es folgten das Thema "Dialog mit dem Islam" und danach Fragen zur Gerechtigkeit in der Einen Welt, zu Umweltschutz und Klimawandel und zum Thema Krieg und Frieden mit dem besonderen Teilaspekt "Afghanistan". Sehr häufig war aber auch das durch das Leitwort vorgegebene Hoffnungsthema Gegenstand der Betrachtung. Der Hoffnungsbegriff, aus biblisch-christlicher Perspektive interpretiert und als Antrieb zur Weltgestaltung, hat den 2. ÖKT in der öffentlichen Wahrnehmung nachweislich stark geprägt.
Öffentliche Wahrnehmung ereignete sich naturgemäß in besonderer Weise auch an jenen Orten, wo die Begegnung niederschwellig möglich war. Dies galt für viele Programmangebote unter freiem Himmel auf den Plätzen und Bühnen der Innenstadt etwa oder auf der Theresienwiese, beim Abend der Begegnung, bei den frei zugänglichen Open-Air-Angeboten des Jugendzentrums oder des Kinderzentrums. Auch das hoch frequentierte Zentrum "Erinnern" in Dachau ist hier zu nennen.
Ein spirituelles Ereignis
Die täglichen Bibelarbeiten, insgesamt weit über 100, und mehrere hundert Gottesdienste und Gebetsangebote in den Kirchen Münchens, aber auch in Hallen und Sälen – sie füllten mehr als 50 Programmheftseiten – haben den ÖKT auch zu einem ganz außergewöhnlichen geistliches Ereignis werden lassen. Nicht nur für die Veranstalter, sondern auch für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist das Erlebnis des gemeinsamen Gebetes und der gottesdienstlichen Feier die zweite Seite ein und derselben Medaille. Es ist die geistliche Quelle, die wir brauchen, um unseren Auftrag als Christen in der Welt erfüllen zu können. Mit einiger Sicherheit kann behauptet werden, dass der ÖKT in der medial vermittelten Öffentlichkeit vor allem durch seine großen Gottesdienste wahrgenommen wurde. Mit Ausnahme des Samstags wurde an jedem Tag eine große Liturgie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen live übertragen.
Zweifelsohne hat die "Orthodoxe Vesper in ökumenischer Gemeinschaft", die am Freitagnachmittag 20.000 Menschen miterlebt und mitgefeiert haben, unter allen gottesdienstlichen Veranstaltungen die größte Ausstrahlungskraft entfaltet. Dies gilt in mehrfacher Hinsicht: Dieser Vespergottesdienst ließ die große liturgische Tradition der Orthodoxie hautnah erfahren. Das besondere daran: Die Mitfeiernden blieben nicht unbeteiligte Beobachter, sondern waren durch die anschließende Artoklasie und die Tischgemeinschaften unmittelbar mit einbezogen. Auch für die orthodoxen Schwestern und Brüder war diese Feier von besonderer Bedeutung, denn sie, die sich sonst in Deutschland immer als kleine christliche Minderheit fühlen, waren hier die Einladenden, sie waren "Gastgeber" für ein großes, herausragendes Ereignis im ÖKT-Verlauf. Gemeinsam und gleichberechtigt trugen die verschiedenen orthodoxen "Familien" zur Gestaltung dieser Feier bei. Schließlich wurde in dieser Feier auch deutlich: Es gibt vielfältige Formen – viel mehr, als wir kennen –, in denen wir über Konfessionsgrenzen hinweg gemeinsam Gott loben und danken und darin wirkliche Glaubens-Gemeinschaft erfahren können. In dieser Erkenntnis liegt der Kern für einen tiefen ökumenischen Fortschritt und ein wichtiger "ökumenischer Zugewinn".
Klärung der ökumenischen Streitfragen
Es konnte zu keinem Zeitpunkt der Eindruck aufkommen, dass diese Feier als gemeinsame Abendmahlsfeier fehlgedeutet werden könnte. Dennoch wird und muss uns die Frage der Klärung der noch ungelösten theologischen Fragen in der Ökumene weiter beschäftigen, und wir tun gewiss gut daran, wenn wir auch als ZdK die wachsende Ungeduld und das zunehmende Unverständnis dafür, dass Lösungen nicht in Sicht kommen, aufmerksam wahrnehmen. Umgekehrt bleibt klar: eine Ökumene des "kleinsten gemeinsamen Nenners" wäre für alle ein Verlust.
Ökumenische Erweiterung
Zum zweiten Mal haben sich das ZdK und der DEKT zusammengetan und in einem langen Prozess eine ökumenische Großveranstaltung initiiert, vorbereitet und durchgeführt. Das Ergebnis wurde nicht nur von den Teilnehmenden des ÖKT und den Medien sehr positiv beurteilt. Auch wir selbst können dankbar auf diese Zeit intensiver Kooperation zurück blicken. Besonders erfreulich war darüber hinaus die Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), vor allem mit den Geschwistern aus der Orthodoxie und aus den Freikirchen. Bei diesem 2. ÖKT gab es nicht mehr nur zwei verantwortlich beteiligte Gesprächspartner, und dieser Umstand hat dem Gesamtereignis sehr gut getan.
Die lange und intensive gemeinsame Arbeit, aus der manche Freundschaft gewachsen ist, hat sich gelohnt. Gleiches lässt sich auch für die Zusammenarbeit mit den gastgebenden Kirchen sagen. Über viele Monate hinweg haben wir in ausgesprochen gutem Einvernehmen mit dem Erzbistum München und Freising und der Ev.-Luth. Kirche in Bayern zusammengearbeitet. Ihr Engagement für unsere gemeinsame Sache hat besonders in Bayern wesentlich zum Erfolg des 2. ÖKT beigetragen. Der Geist der Kooperation war auch in zahlreichen Arbeitsgremien wohltuend spürbar. Reibungsverluste gab es am ehesten dort, wo aus den unterschiedlichen Veranstaltungskulturen von Kirchentag und Katholikentag gemeinsames Handeln erwachsen musste.

Autor: Dr. Stefan Vesper, Generalsekretär des ZdK

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