Salzkörner

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Stark und kreativ angesichts der Krise

Katholische Erwachsenenbildung in Deutschland unter Corona-Bedingungen

In den letzten Monaten hat die katholische Erwachsenenbildung vielerorts gezeigt, was sie kann: von gleich auf jetzt digitale Formate entwickeln, Haupt-, Neben- und Ehrenamtliche ebenso wie Teilnehmende für digitale und hybride Veranstaltungssettings fitmachen, Hygienekonzepte für ständig wechselnde Coronabekämpfungsverordnungen entwickeln, virtuell und analog Präsenz zeigen, Homeoffice und digitale Kollaborationskonzepte entwickeln und umsetzen – die Menschen und Einrichtungen in der katholischen Erwachsenenbildung haben in vielerlei Hinsicht und auf vielen Ebenen Resilienz und Innovationskraft gezeigt. Doch das ist nur eine Seite der Medaille: Professor Bernd Käpplinger, der seit Ausbruch der Pandemie deren Folgen für die Weiterbildung erforscht[1], fasst die relevanten Phänomene anhand dreier Schlüsselbegriffe „Disruptor“, „Beschleuniger“ und „Brennglas“ zusammen.

Die Corona-Krise zeigt sich einerseits als Disruptor, weil sich massive Einschnitte mit weitreichenden Folgen zeigen. Weiterbildungseinrichtungen mussten während des Lockdowns schließen, viele haben ihre Arbeit nur in Teilen wieder aufgenommen. Das hängt mit vielerlei Faktoren zusammen: Viele Lehrende sind Angehörige der Risikogruppe, in vielen Bereichen spricht öffentliche geförderte Weiterbildung vor allem ältere Teilnehmende an. Die sind ebenfalls oft potentiell gefährdeter und zurückhaltender in Hinblick auf Teilnahmen. Anders sieht es aus in Bezug auf berufliche und Familienbildungsangebote. Hier sind die Teilnehmenden meist deutlich jünger. Aber gerade bei letzteren geht es um besonders körpernahe Angebote, die vielerorts untersagt sind aufgrund der Coronavorschriften. Eine große Herausforderung für die Weiterbildungsinstitutionen ist die Raumknappheit: Im Sommer konnte draußen unterrichtet werden oder in den großen Kirchenräumen. In den kälteren Jahreszeiten ist das nicht möglich. Kirchliche Gemeindezentren werden inzwischen häufig von Ehrenamtlichen betreut. Für diese sind die weitreichenden Hygienekonzepte in dem Umfang, in dem sie für Erwachsenbildung umzusetzen wären, kaum realisierbar. Dort, wo sie zentral von Diözesen verwaltet werden, kam es aus Angst vor Infektionen häufig zu Beschlüssen, die alle Veranstaltungen außer Gottesdienste untersagen. Das ist extrem bedauerlich, nachdem es durch aufwändige Interessensvertretungsaktivitäten in vielen Bundesländern gelungen ist, die Weiterbildung den anderen Bildungssäulen gleichzusetzen und eine Öffnung der Einrichtungen unter achtsamen Hygienekonzepten durchzusetzen. Vor allem aber halten sich die Teilnehmenden zurück. Natürlich gibt es ein Bedürfnis nach Nähe, und Erwachsenenbildung hat gerade in diesen schwierigen Zeiten den Menschen vieles zu bieten, das helfen kann, sich neu auf- und auszurichten. Aber die meisten Menschen sind ängstlich geworden, was vermeidbare soziale Kontakte betrifft und sehr vorsichtig, was finanzielle Ausgaben betrifft. Die wirtschaftlichen Folgen all dessen für die Weiterbildungseinrichtungen sind massiv.

Beschleuniger

In der Delphi-Studie wird die Corona-Krise von den Befragten zudem als Beschleuniger eingeschätzt. Viele Weiterbildungseinrichtungen haben enorme Fortschritte in der Digitalisierung ihrer Angebote gemacht. Es wurden Qualifizierungsangebote für Lehrende und Planende entwickelt und umgesetzt. Es wurden zahlreiche neue Bildungsformate entwickelt, die komplett digital oder hybrid realisiert werden. Aber es lassen sich nicht alle Bildungsmaßnahmen gleichermaßen digitalisieren und es lassen sich auch nicht alle Zielgruppen durch digitale Angebote gleich gut erreichen.

Aber natürlich hat sich auch die Kollaborations- und Konferenzkultur entscheidend verändert, die Verantwortlichen in der Erwachsenenbildung konferieren inzwischen selbstverständlich über Zoom, während sie gleichzeitig in Arbeitsgruppen auf einem Miroboard (kollaboratives interaktives Whiteboard) kooperieren. Projekte werden virtuell auf Trello (digitales Projektmanagementtool) oder Miro geplant und gesteuert und die Geschäftsstellenorganisation und -kommunikation wird über Slack (virtuelle Channel-basierte Kommunikationsplattform) abgewickelt. Das führt zu enormen digitalen Kompetenzzuwächsen, erfordert aber auch die Achtsamkeit, bei diesen Geschwindigkeiten niemanden aus dem Blick zu verlieren und genügend Fantasie aufzuwenden, die o. g. praktischen Tools (oder auch ganz andere) kulturadäquat anzupassen und zu nutzen. Am Ende des Tages geht es doch darum, dass das, was katholische Erwachsenenbildung ausmacht, auch (wieder)erkennbar ist.

Brennglas

Zum Dritten wirkt die Coronakrise wie ein Brennglas in dem Sinne, dass grundsätzliche Schwächen der Weiterbildung noch deutlicher in den Fokus geraten. Die Weiterbildung gilt als vierte Säule des Bildungssystems in Deutschland neben Schule, beruflicher Bildung und Hochschule. Anders als die Finanzierung der anderen drei Säulen ist die finanzielle Absicherung der Weiterbildung fragil. Die konkrete Ausgestaltung unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Sie ist abhängig von einer Reihe von Faktoren, wie z. B. Weiterbildungsgesetzgebungen, Landes- und Trägerzuschüssen etc. Was jedoch in allen Bundesländern gleich ist, ist die Tatsache, dass die öffentliche Finanzierung der Weiterbildung im Vergleich zu den anderen Säulen mangelhaft ist, Parlamente und Ministerien sich für sie weiniger verantwortlich fühlen. Das hat in der Pandemiesituation katastrophale Folgen.

Es gibt außer in der einen oder anderen Projektförderung keine Infrastrukturförderung. Das rächt sich spätestens jetzt. Natürlich ist Weiterbildung Ländersache, aber dennoch hat der Bund gemeinsam mit den Ländern einen Digitalpakt für die Schulen auf den Weg gebracht und sich um den entsprechenden Ausbau der Hochschulen gekümmert. Ein solcher nationaler Digitalpakt für die Weiterbildung ist dringend erforderlich, wird zurzeit aber mit Hinweis auf Nichtzuständigkeit von der Bundesebene abgewiesen. Die Ungleichbehandlung setzt sich auch in anderen Bereichen fort: Während Lehrende in (Hoch-)Schulen zu Pandemiezeiten über feste Anstellungs- und Beamtenverträge abgesichert sind, arbeiten Lehrende in der Erwachsenbildung vor allem als Freiberufliche oder in unsicheren befristeten Projektverträgen. Die Pandemie hat für viele von ihnen die unmittelbare Einmündung in Hartz IV bedeutet. Entsprechende „Rettungsschirme“ wie etwa das Sozialdienstleister-Einsatzgesetz (SodEG) passen für sie oft nicht, weil sie beispielsweise keine eigenen Räume oder außer ihrem Arbeitslohn meist keine Betriebskosten haben.

Vor diesem Hintergrund ist es nun wichtig, wie die Bundesvorsitzenden der KEB Deutschland und der Evangelischen Erwachsenenbildung Deutschland kürzlich in einer gemeinsamen Stellungnahme betonten, dass die konfessionellen Erwachsenenbildungsinstitutionen von ihren Kirchen Rückendeckung erfahren. Personalstellen und Lernorte müssen erhalten bleiben, Gemeinderäume geöffnet und Digitalisierungsanstrengungen unterstützt werden. Auch von politisch Verantwortlichen in Parlamenten und Ministerien ist ein klares Bekenntnis zur öffentlich verantworteten allgemeinen Weiterbildung unverzichtbar. Ein Bekenntnis, das sich in der finanziellen und infrastrukturellen Förderung der Weiterbildungseinrichtungen zeigen muss und in einem engagierten Bemühen, die Benachteiligung der Weiterbildung als vierte Säule des deutschen Bildungssystems gegenüber Schule, beruflicher Bildung und Hochschule überwindet. Zum Beispiel durch einen Digitalpakt für die Weiterbildung und einen Corona-Rettungsschirm, der auch für die öffentlich geförderte Weiterbildung passt.

 

 

[1]     https://www.uni-giessen.de/ueber-uns/pressestelle/pm/pm144-20auswirkungencoronakriseaufweiterbildung

 

Autor: Elisabeth Vanderheiden, Bundesvorsitzende der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland (KEB)

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