Salzkörner

Donnerstag, 9. April 2020

Thema Nummer 1: Corona

Wie über Nacht alle anderen Themen fast nicht mehr existieren

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau – ich habe ein freies Wochenende und ... bleibe zu Hause, weil Ausflüge schon lange nicht mehr erlaubt sind. Alltag seit zwei Wochen in ganz Italien. Die Vorgaben werden regelmäßig strikter, Kontrollen verschärft. Ich bewege mich nur noch zwischen Wohnung und Büro. Die Angst im Land ist deutlich spürbar. Alles das, was meinen Beruf so schön, so spannend, so vielfältig macht – neue Menschen, viele Gespräche, interessante Einblicke, tolle Drehs im Team –, all das ist auf ein Minimum reduziert worden. Mit jedem Corona-Virus infizierten Toten mehr wachsen der Wunsch nach Distanz und die ablehnende Haltung, mit Journalisten direkt zu sprechen. Da aber Italien das Labor Europas ist – wie viele Experten sagen –, ist das Interesse an unserer Arbeit ungebrochen. Denn die Redaktionen in Deutschland wissen, was in Italien heute passiert, kann mit großer Wahrscheinlichkeit auch dort bald bittere Realität werden. Kurzum: Es ist eine tägliche Herausforderung Hintergrund-Informationen fernsehtauglich aufzubereiten – doch auch ihr stelle ich mich gerne. 

Gerade recherchieren wir einen Beitrag über die vielen Verstorbenen, die allein gegen die Krankheit und ihre Ängste kämpfen mussten, weil kein Platz mehr für sie im Krankenhaus war. Angehörige dürfen nicht mehr zu ihnen. Und wenn dann der Kampf gegen Covid-19 verloren ist, sind Bestatter völlig überfordert. Es gibt keinen Platz mehr auf den heimischen Friedhöfen. Die Krematorien kommen nicht mehr hinterher. Militär transportiert die Leichen ab. Der Priester Don Paolo Padrini, der an der Grenze zwischen der Lombardei und dem Piemont lebt und arbeitet, berichtet mir, wie einsam die Menschen sterben, wie er versucht, in Videotelefonaten den Angehörigen beizustehen, wie er nicht mehr hinterherkommt mit den Beerdigungen. Es stellt sich für mich die Frage: Kann ich den Zuschauern dieses Thema zumuten?

Meine Antwort ist: Ja. Wir können nicht nur über die Zahlen sprechen, denn hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Mensch. So haben wir das Interview mit einer jungen Frau, die ihren Vater verloren hat, von den italienischen Kollegen bekommen. „Er starb wie ein Hund“, sagt sie und erzählt von unzähligen Särgen. Am Ende wisse ohnehin niemand mehr, wer in welchem Sarg liege. Das traurige Ende eines langen Lebens.

Das Virus kennt keine Grenzen

In allen Ländern meines Berichtsgebietes verbreitet sich das Corona-Virus und ist die Situation ähnlich. Griechenland aber hat noch ein anderes Problem. Auf den ägäischen Inseln sitzen Tausende Flüchtlinge fest, hausen dort unter menschenunwürdigen Bedingungen. Meine letzte Drehreise nach Lesbos war vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Bilder, die ich sicherlich nie wieder vergessen werde: kein fließendes Wasser, nicht genug Essen für mehr als 20.000 Schutzsuchende, keine medizinische Versorgung. Vor ein paar Tagen habe ich mit dem Europaparlamentarier Erik Markwardt telefoniert, der gerade auf Lesbos ist: Erste Fälle von Covid-19 gibt es auch dort. Der Hotspot Moria und das erweiterte Flüchtlingslager, das drumherum gewachsen ist, sind abgesperrt, weil niemand rein oder raus soll. Die Folge? Keine ärztliche Betreuung mehr, die Flüchtlinge alleingelassen – wie viele Menschen dort erkrankt waren, erkrankt sind oder erkranken werden? Niemand kümmert sich darum. Die EU setzt das Projekt, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auszufliegen, aus.

Wie wichtig wäre es, wie christlich wäre es, gerade den Schwachen zu helfen. Ich kann derzeit nicht mal auf die Inseln in der Ägäis reisen. Aus Italien kommend müsste ich erstmal 14 Tage in Quarantäne. Erik Markwardt hat eine Kampagne angeregt, #LeaveNoOneBehind. Mit vielen Aktionen will er, dass die nicht zurückgelassen werden, die sich ohnehin nicht schützen können. Und dazu zählen tatsächlich die vielen Tausend Geflüchtete in den überfüllten Lagern an der EU-Außengrenze.

Autor: Ellen Trapp, ARD-Korrespondentin in Rom. Zum Berichtsgebiet des Auslandsstudios, das sie derzeit leitet, zählen Italien, der Vatikan, Griechenland und Malta. 2015 erhielt Trapp für die ARD-Dokumentation „Tod vor Lampedusa – Europas Sündenfall” den katholi

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