Salzkörner

Freitag, 28. Februar 2020

Vom Acker auf die Straße

Warum die Bauern protestieren – endlich?!

Im vergangenen Herbst gingen Tausende von Bauern mit Treckern und Schleppern auf die Straßen, forderten mehr Wertschätzung und Wahrnehmung ihrer Situation. Ausgelöst wurden die Proteste durch das sog. Agrarpaket der Bundesregierung, insbesondere durch die Vorhaben im Bereich des Tierwohls, des Klima- und des Insektenschutzes. Hier wiederum sind es die Maßnahmen der Düngeverordnung (Reduktion von Einträgen in den Boden – Stichwort Nitrat) und die Verringerung von Pflanzenschutzmitteln, sprich Glyphosat, die besondere Kritik erfahren.  In der öffentlichen Wahrnehmung werden die aktuellen Diskussionen bestimmt von der Ablehnung dieser Vorschriften, insbesondere der Düngeverordnung, und massiver Kritik an der Bundesregierung. Aber diese Sichtweise greift zu kurz.

Vorab sei auf eine Besonderheit der Proteste hingewiesen: Erstmalig haben sich in kürzester Zeit über soziale Medien Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, verbandsunabhängig und verbandsübergreifend zusammengefunden und machen auf die schwierige Situation bäuerlicher Familienbetriebe eindrucksvoll aufmerksam. Sie hinterfragen Entscheidungen der Bundesregierung, das Verhalten von Verbraucher*innen, betrachten diese kritisch und bringen ihre Kritik in die breite öffentliche Diskussion. Sie fordern Solidarität ein, eine Solidarität, die sie in den letzten Jahren vermisst haben.

Von romantischer „Landlust“ geprägte Ansprüche

Wir Verbraucher*innen sind stattdessen anspruchsvoll geworden und kritisch. Wir wollen Lebensmittel, die ökologisch einwandfrei produziert werden, frei von Schadstoffen sind, mit Rücksicht auf das Tierwohl entstehen und jederzeit verfügbar und preisgünstig, wenn nicht sogar „billig“ sind. Gleichzeitig wissen wir oftmals gar nicht mehr, wie diese Lebensmittel überhaupt entstehen, welche Arbeit auf dem Feld und im Stall notwendig ist, welche Rahmenbedingungen für die Landwirt*innen existieren. Diese Entfernung auf der einen Seite, verbunden mit Vorstellungen vom Leben auf dem Land, die von einer gewissen Romantik geprägt sind, und vermeintlichem Wissen auf der anderen Seite, einem Wissen, das sich aus Medienberichten – am liebsten über Skandale und Verfehlungen – speist, hat dazu geführt, dass wir die Arbeit der Landwirte*innen nicht nur nicht mehr wertschätzen, sondern glauben, offen kritisieren zu dürfen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Bauer*innen wehren und Wertschätzung für ihre Arbeit, die letztlich uns alle am Leben erhält, einfordern. 

Strukturwandel gefährdet bäuerliche Familienbetriebe

Hinzukommen ganz faktische Bedrohungen der bäuerlichen Existenz. Der vor Jahren politisch bewusst eingeleitet Strukturwandel in der Landwirtschaft von eher kleinteiligeren hin zu größeren, effizienteren Einheiten ist weit vorangeschritten. Zwischen 2007 und 2018 hat sich die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe um jährlich knapp zwei Prozent verringert, das sind 54.800 Betriebe weniger. Die Anzahl der Betriebe mit weniger als 100 Hektar Fläche nimmt ab, die derjenigen mit mehr als 100 Hektar Fläche kontinuierlich zu. Betrachten wir dabei die Kostenexplosion im Bereich der Kauf- und Pachtpreise für Agrarflächen, so wird deutlich, dass die Furcht kleiner und mittlerer bäuerlicher Familienbetriebe, hier nicht mehr mithalten zu können, berechtigt ist. Seit 2007 haben sich die Preise mehr als verdoppelt. Kostete der Hektar Agrarfläche 2007 im Bundesdurchschnitt noch 9.205 Euro, so lag der Preis 2018 bei 25.485 Euro. Für Pachtpreise gilt dies ebenso: 2007 waren es 183 Euro pro Hektar, bis 2016 stiegen sie auf 288 Euro pro Hektar – im Durchschnitt! Je nach Lage des Betriebes und Situation vor Ort können die Preise somit noch höher sein. Diese Entwicklung macht deutlich, unter welchem Druck landwirtschaftliche Betriebe heute stehen.

Unser täglich Brot – so günstig wie noch nie

Noch deutlicher wird die Situation, wenn wir die Einkommensseite anschauen. Und hier kommt wieder der Verbraucher ins Spiel – auch wenn ich an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen möchte, dass die weiterverarbeitende Nahrungsmittelindustrie und der Handel weit stärker in der Pflicht sind, Landwirt*innen für ihre Erzeugnisse das zu bezahlen, was diese tatsächlich wert sind. Aber zunächst der Blick auf die Verbraucher*innen bzw. die Preise, die diese bezahlen: 1979 gaben private Haushalte noch 24,5 Prozent ihres Konsumbudgets für Nahrungsmittel aus, 2018 waren es nur noch 14 Prozent – hat Essen wirklich den niedrigsten Preis verdient, wie es uns die Werbung glauben machen will? Der Erlösanteil des Landwirtes daran ist ein Fünftel, in den 1970er Jahren waren es 48 Prozent.

Diese trockenen Zahlen zeigen, in welcher Situation sich die Menschen, die unser täglich Brot erarbeiten, befinden – steigende Ausgaben für die Arbeitsgrundlagen einerseits und sinkende Einnahmen für die Produkte andererseits. Schluss ist mit dieser Entwicklung noch lange nicht. Allein wenn wir uns dem Thema Digitalisierung zuwenden, sind zukünftige Kosten nur erahnbar und die Befürchtungen bäuerlicher Familienbetriebe abgehängt zu werden nachvollziehbar. 

Klimaschutz und Tierwohl – Herausforderungen, die wir alle tragen müssen

Hinzukommen die notwendigen Veränderungen im Tier-,

Umwelt- und Klimaschutz und die Forderungen, die wir alle an die Landwirtschaft stellen. Unbestritten ist der Sektor Landwirtschaft nicht nur derjenige, der von der Natur und ihrem Zustand am stärksten abhängt, sondern er hat auch einen großen Einfluss darauf. Wir wissen, dass ein „Weiter so!“ nicht möglich ist. Auch den Landwirt*innen ist dies bewusst. Die Demonstrationen der vergangenen Monate wurden medial auf den Widerstand der Protestierenden gegen Naturschutzauflagen reduziert. Was fordern die Landwirt*innen auf der Straße tatsächlich? Bei „Land schafft Verbindung“ – eine Gruppe, die maßgeblich die Proteste organisiert hat – heißt es zum Beispiel:

1.         dass die gesellschaftlichen Wünsche nach mehr Umwelt- und Tierschutz durch die gesamte Gesellschaft finanziell getragen werden, denn für echte Veränderungen benötigen wir ein MITeinander!

2.         (…)

3.         dass die Ursachen des Insektenrückgangs ergebnissoffen, wissenschaftlich basiert und nicht allein auf die Landwirtschaft beschränkt (z.B. LED, UMTS, Wetterschwankungen, Vergrünung) erforscht werden, denn nur so können wir mehr Insektenschutz erreichen.

4.         (…)

5.         eine Reduzierung des landwirtschaftlichen Flächenverbrauches von 70ha/Tag in Deutschland sowie der dauerhaften Flächenversiegelung, denn auch das ist Natur- und Insektenschutz.

6.         dass bestehende Tierwohlprogramme gefördert und weiterentwickelt werden, anstatt neue Label zu schaffen, denn davon gibt es schon jetzt zu viele.

7.         (…)

8.         die Erweiterung des Nitrat-Messstellennetzes zu einem repräsentativen Messnetz, wie es auch in anderen europäischen Staaten besteht und Meldung dieser repräsentativen Daten an die EU, damit in Europa gleiche Maßstäbe für alle bestehen.

9.         (…)

10.       (…)

11.       die Möglichkeit zu einem echten Vertragsnaturschutz, damit wir auch mit Naturschutz unseren Lebensunterhalt bestreiten können. 

 Hier wird deutlich, dass Landwirtschaft nicht als einzige Ursache für viele der Probleme wahrgenommen werden will. Sie wollen Differenzierungen und entsprechende Lösungsansätze, die Landwirt*innen verantwortlich mitgestalten wollen. Sie fordern ein Miteinander in der Gesellschaft und nicht zuletzt eine Entlohnung der Leistungen, die in der Landwirtschaft für die Erhaltung von Umwelt und Natur und unserer Kulturlandschaft, die für viele Menschen Erholungs- und Rückzugsraum ist, erbracht werden.

Als Konsumenten können wir für unsere Nahrungsmittel angemessene Preise zahlen, als Politiker*innen können wir Rahmenbedingungen verlässlich und nachvollziehbar gestalten, als Gesellschaft können wir das Miteinander positiv beeinflussen und als Landwirt*innen können wir offen sein für neue Wege.

 

          

 

Autor: Bettina Locklair Bundesgeschäftsführerin bei der Katholischen Landvolkbewegung Deutschland

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