Salzkörner

Montag, 28. Februar 2005

Von der Volkskirche zur missionarischen Kirche im Volk

Analysen und Vorschläge eines Unternehmensberaters
Die katholische Kirche in Deutschland sieht sich heute mit dem größten strukturellen Umbruch seit der Säkularisation konfrontiert. Innerhalb einer Generation, so die These des Unternehmensberaters Mitschke-Collande, gilt es, den Übergang zu schaffen von der dominierenden, für alle Schichten normativen Volkskirche zu einer missionarischen Kirche im Volk.

Die Volkskirche wird schon bald Vergangenheit sein. Der Wandel zur Kirche im Volk ist kaum noch umkehrbar. Vor allem sechs Trends sind es, die deutlich machen, dass die Wendemarke bereits passiert ist.

Situationsanalyse

Zunehmende Säkularisierung: Mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung gehört schon heute keiner christlichen Konfession mehr an. In den Altersgruppen bis zu 44 Jahren bekennen sich nur noch Minderheiten zu den Grundaussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses. Schwindendes Vertrauen in die Institution "Kirche": 46 Prozent der Bevölkerung vertrauen der katholischen Kirche nicht - d.h. sie vergeben auf einer Skala von 1 bis 6 die Schulnoten 5 und 6. Auch unter den Katholiken ist das Misstrauen groß, mehr als ein Viertel vergibt ebenfalls nur Noten von 5 und 6. Fortschreitender Mitgliederschwund: In den letzten 10 Jahren sank die Zahl der Katholiken in Deutschland von 28,2 Mio. auf 26,5 Mio.; dies entspricht einem Rückgang um 1,7 Mio. Gläubige insgesamt oder durchschnittlich 0,6 Prozent p.a. Und es gibt keinerlei Anzeichen, dass sich dieser Trend umkehrt. Bis 2025 ist mit einem weiteren Rückgang auf etwa 21 bis 23 Mio. Gläubige zu rechnen. Bis 2050 dürfte ihr Anteil, demografisch bedingt, sogar auf 16 Mio. absinken. Verfall der Kirchenbindung: Christen kommen in aller Regel aus christlich geprägten Elternhäusern. Mit der rapiden Abnahme religiös geprägter Elternhäuser lockert sich zunehmend auch die Kirchenbindung für die Kinder- und Enkelgeneration. Schon heute bezeichnen, nach einer Allensbach-Untersuchung aus dem Jahr 2002, 17 Prozent aller Katholiken ihr Elternhaus als nicht (mehr) religiös. Bei den Katholiken in der Altersgruppe zwischen 16 und 29 sind es bereits 26 Prozent. Erosion der finanziellen Basis: Die Lage der katholischen Gemeinden und Diözesen gestaltet sich bundesweit zusehends schwieriger. Mit einem Anteil von 85 Prozent ist die Kirchensteuer bisher die maßgebliche Einkommensquelle. Künftig wird mit dem Rückgang der Kirchensteuerzahler jedoch auch dieses Aufkommen kontinuierlich zurückgehen - zusätzlich beschleunigt durch die Verlagerung der Besteuerung hin zu Umsatz- und Verbrauchssteuern. Da gleichzeitig der Aufwand für Personal, Infrastruktur sowie sonstige Aufgaben weiter steigen wird, baut sich peu à peu ein strukturelles Haushaltsdefizit auf. In knapp einer Generation wird es etwa 25 bis 35 Prozent des Budgets der deutschen Bistümer ausmachen. Rückgang der Priesterzahlen: Hatte die katholische Kirche vor 15 Jahren noch ungefähr 18.000 Welt- und Ordenspriester, so waren es 2002 noch 12.600. Geht man von der heutigen Altersstruktur und den Neuzugängen in den Priesterseminaren aus, so kann man in 20 Jahren nur noch mit 6.000 Geistlichen rechnen.

Die Bischöfe haben diese Gefahrenlage treffend beschrieben. Primäres Problem ist nicht so sehr die zunehmende Mittelverknappung, sondern vor allem die sinkende Fähigkeit der Kirche, Menschen an sich zu binden.

Aktiv umsteuern

"Weitermachen wie bisher" kann deshalb keine Lösung sein. Das wäre nicht nur Realitätsverweigerung, schlimmer noch: Es stünde in direktem Widerspruch zur Botschaft des Evangeliums, zum missionarischen Auftrag der Kirche.

Ebenso abwegig erscheint ein rein reaktives "Gesundschrumpfen". Sparrunden und Stellenabbau alle 3 bis 5 Jahre verunsichern auf Dauer alle: die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter, schließlich alle Gläubigen. Noch mehr Menschen würden der Kirche den Rücken kehren - mit fatalen Rückwirkungen auf Gottesdienstbesuch, Taufe und Einnahmenentwicklung. Der Auszehrungsprozess würde sich sogar weiter beschleunigen.

"Zeit kaufen" allein genügt nicht! Wir müssen vielmehr akzeptieren, dass unser "Kirchenmodell", so wie es sich seit der Säkularisation herausgebildet hat, nicht mehr überlebensfähig ist und binnen einer Generation dahinschwinden wird.

Einzige Alternative ist ein radikales Umdenken und Umsteuern. Es kann nur noch darum gehen, den ohnehin nicht mehr aufhaltbaren Wandel aktiv zu gestalten. Quer durch die Kirche muss ein umfassender Reformprozess in Gang kommen. Damit er den erhofften Erfolg zeitigen kann, sollte er planvoll und in Etappen erfolgen.

Das eigene Haus in Ordnung bringen

Dies kann nicht allein Aufgabe der Amtskirche sein. Jeder Gläubige ist hier gefordert, Zeugnis abzulegen. Zunächst gilt es, statt ständig neuer Hiobsbotschaften in den Medien wieder das Bild einer Kirche zu verbreiten, die weniger auf Gebote und Verbote abhebt, sondern die "Frohe Botschaft" in den Vordergrund stellt. Ist diese unerlässliche Imagekorrektur gelungen, müssen vier Aufgaben mit Vorrang angegangen werden.

Die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der Kirche wiederherzustellen: In allen deutschen Bistümern muss eine sorgfältige, an pastoralen Gesichtspunkten ausgerichtete Finanzplanung zum Grundprinzip der Haushaltsführung werden. Die organisatorische und personelle Leistungsfähigkeit der Kirche ist zu verbessern. Abläufe und Strukturen lassen sich entbürokratisieren, wenn es gelingt, Eigenverantwortung und Engagement des Einzelnen zu stärken. Künftig sollte man weniger in Strukturen und Hierarchien denken, stattdessen gezielt auf die individuellen Stärken und Beiträge der verschiedenen Kirchenmitglieder setzen: Geistliche müssen sich wieder auf Verkündigung und Seelsorge konzentrieren können. Laien brauchen ein attraktives, flexibler und breiter gestaltetes Angebot, um sich sinnvoll einbringen zu können. Und natürlich brauchen wir "Burning Persons": Ich meine damit charismatische Persönlichkeiten, Geistliche oder Laien, um den Funken überspringen zu lassen auf die anderen - ob nun aktive Kirchgänger oder Außenstehende, die wieder gewonnen werden wollen. Die Kirche muss wieder stärker mit der Caritas verzahnt werden: Die Sorge um Leib und Seele sind zwei Seiten einer Medaille - der Orientierung am Menschen. Vor allem auf Gemeindeebene eröffnet sich die große Chance, nicht nur vom positiven Ansehen der Caritas zu profitieren, sondern auch Menschen für die Kirche zu begeistern, die in schwierigen Lebenslagen besonders Hilfe brauchen. Der missionarische Auftrag der Kirche muss mit Nachdruck aufgriffen werden: Kirche muss wieder wachsen wollen. Es gilt das traditionelle Versprechen einzulösen, Seelsorge und Spiritualität vermitteln zu können. Gläubige, vor allem Mitglieder gesellschaftlicher Eliten, müssen dazu bereit sein, stärker als bisher in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen und für ihre christlichen Werte auch im Alltag entschlossen einzutreten.

Vorwärts gerichtete Visionen entwickeln

Die Kirche braucht eine neue Perspektive, die motiviert, gemeinsam nach vorn zu schauen als "pilgerndes Volk Gottes", wie es das Zweite Vatikanum so treffend formuliert hat. So attraktiv und so offen wie die Bergpredigt - am Menschen orientiert, ohne das Heilige zu vernachlässigen.

Dafür gilt es, ein zukunftsfähiges Modell der Kirche zu entwickeln: Es muss eine Kirche sein, die stärker auf das ehrenamtliche Engagement von Laien, vor allem den Frauen, setzt. Eine Kirche, die von den Talenten und Fähigkeiten der einzelnen Gläubigen getragen wird, die geprägt wird von charismatischen Persönlichkeiten, die für Weltoffenheit stehen, ohne dem Zeitgeist hinterherzulaufen.

Sie muss insbesondere eine Antwort auf die Frage finden, wie die Seelsorge in der Fläche neu gestaltet werden soll. Immer größere Pfarrverbände, ohne dass gleichzeitig die seelsorgerische Betreuung direkt vor Ort sichergestellt werden kann, das ist mitnichten der richtige Weg. Um Größenvorteile zu nutzen und in einem medialen Umfeld, zu behaupten, wird zudem eine sehr viel engere, intensivere Zusammenarbeit zwischen den Diözesen gebraucht. Hier muss eine neue Stufe der Arbeitsteilung erreicht werden.

Dass grundlegende Reformen unumgänglich sind, darüber besteht heute erstaunliche Einigkeit zwischen Kirchenvolk und Kirchenführung. Fast 50% der Katholiken sehen dringenden Veränderungsbedarf in der Institution "Kirche".

Wir sind nicht länger Volkskirche, sondern müssen uns darauf einstellen, zu einer Kirche im Volk zu werden. Dazu gilt es, den Übergang zu einer verstärkt seelsorgerisch, missionarisch orientierten Kirche offen und partizipativ unter Führung der Bischöfe zu gestalten.

Vielleicht könnten die deutschen Bischöfe hier den Startschuss geben zu einer kirchenweiten Reformdiskussion, unterstützt vom Zentralkomitee. Ein solcher sicherlich mehrjähriger Diskussionsprozess könnte dann in einer großen Zukunftskonferenz der deutschen Katholiken seinen Abschluss finden.

Autor: Dr. Thomas von Mitschke-Collande, Direktor der Unternehmensberatung Mc Kinsey & Partner

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